Kultur Bühne

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„Ansichten eines Clowns“: Oben versammelt sich die „heile“ Familie, unten steht das Lotterbett, in dem sich der Clown ohne Trauschein mit Marie vergnügte.

„Ansichten eines Clowns“: Premiere im Schauspiel Köln

Köln | Der Clown hat die Nase voll. Von verlogener katholischer Moral, von Verdrängung der Vergangenheit und von den alten Nazis, die in der jungen Bundesrepublik unbehelligt Teil der Gesellschaft sind. Als Heinrich Bölls kritischer Roman „Ansichten eines Clowns“ 1963 erschien, war das ein Skandal. Jetzt bringt ihn Thomas Jungk im Schauspiel Köln auf die Bühne.

Mit Titelheld Hans Schnier (Jörg Ratjen) tut das Publikum einen Blick zurück in eine Zeit, die die Republik geprägt hat, die die Proteste der „68er“ vorbereitete, die wieder unsere Gegenwart geprägt haben. Es ist ein Blick, der den Clown verbittert, der das Publikum immer wieder lachen lässt über die damaligen Verhältnisse. Und ein Blick zurück, mit dem Jungk den Roman zum Heute weiterschreibt.

Mit seiner Entscheidung, Clown zu werden, hat sich Schnier zum Außenseiter gemacht, hat sich aus einer geordneten Welt heraus katapultiert. Die wird in einer kleinen Guckkastenbühne ausgebreitet, die wie ein Schuhkarton in die Bühne des Depots 2 aufgestellt ist (Bühne: Lisa Däßler). Hier herrschen Ordnung, blindes Pflichtgefühl und zumindest vordergründig die Moral, gegen die der 27 Jahre alte Clown verstoßen hat.

Zusammenleben ohne Trauschein? In den 1960er Jahre ein absolutes Tabu

Denn er lebte sechs Jahre lang ohne Trauschein mit Marie zusammen – und das auch noch als Protestant. Da läuft die katholische Kirche Amok. Als Marie (kokett, mal zweifelnd, mal selbstbewusst: Lou Zöllkau) dann auch noch in die Arme der katholischen Kirche zurückkehrt und einen frommen Katholiken heiratet, beginnt Hans zu trinken, provoziert einen Unfall. Seine Karriere ist – zumindest vorläufig – beendet.

Neben dem Liebeskummer und dem Hader mit der Kirche ist da noch sein Hadern mit seinen reichen Eltern aus einer Braunkohlefabrikanten-Dynastie (streng, erst spät die väterliche Fürsorge entdeckend: Stefko Hanushevsky; Pflicht und Ordnung über alles stellend: Annika Schilling als Mutter). Sie waren Hitleranhänger und haben (es gibt auch „freiwillige Pflichten“) ihre Tochter Henriette (Ester Gyergyay als stummer Geist aus der Vergangenheit) zu den Flakhelfern geschickt – und damit in den Tod. Doch das ist ebenso wenig ein Gesprächs- oder gar Erinnerungsthema wie der Nazi-Opa. Auch über Geld spricht man nicht.

Stattdessen ist man Mitglied in einem Komitee, das die „Versöhnung rassischer Gegensätze“ zum Ziel hat. Parliert mit vollem Mund darüber, wie Gott so grausam sein kann. Oder spielt im Schatten einer Riesen-Madonna mit einem elektrischen Küchenmesser Isaaks Abrahams Opferung seines Sohnes Isaak nach.

Während „oben“ Ordnung und Pflicht herrschen, lebt „unten“ der Außenseiter

Vor dieser heilen, abgehobenen Welt liegt die von Hans Schnier: unordentlich und mit dem Lotterbett, in dem er mit Marie zärtliche Stunden genossen hat. Und während sich über ihm die anderen Ensemble-Mitglieder (dazu gehören noch Thomas Brandt, Mohamed Achour) zum Heile-Familie-Foto um das Sofa drapieren, lamentiert unten Jörg Ratjen über sein Schicksal. Er jammert und tobt, heult, schleimt und zürnt, ist selbstgerecht und verbissen kritisch, dass es eine Lust ist.

Am Ende schlägt er die finanzielle Hilfe seines Vaters aus, verweigert sich der Anpassung – und landet dann doch im Anzug statt ausgeleierter Jacke „Oben“ in der trügerischen Idylle. Dort trinkt er mit Anna (Elisa Schlott), dem alten Dienstmädchen seiner Eltern, Kaffee. Und von der Geliebten seines Vaters hofft er, dass sie ihm ein Engagement besorgt.

100 Jahre wäre Böll (er starb 1985) in diesem Jahr geworden. Im Kultur- und Erinnerungsgeschehen spielt der Literaturnobelpreisträger von 1972 kaum noch eine Rolle. Um so höher zu bewerten ist diese Inszenierung, die den Moralisten Böll auf heitere Art ernst nimmt. Dafür gab es nach 110 Minuten langen Premierenbeifall.

„Ansichten eines Clowns“
weitere Vorstellungen: 12., 16., 19. (17 Uhr) und 21. Februar, jeweils 20 Uhr
Schauspiel Köln, Depot 2 im Carlswerk
Schanzenstr. 6-20, 51063 Köln-Mülheim
Karten: Tel. 0221 / 22 12 84 00, Fax 0221 / 22 12 82 49, E-Mail: tickets@buehnenkoeln.de, dazu alle Vorverkaufsstellen von KölnTicket. Kartenservice mit Vorverkauf und Abo-Büro in der Opernpassage zwischen Glockengasse und Breite Straße

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