Bonn | Eine Wendeltreppe ins Nirgendwo, ein auf Grund gelaufenes Kriegsschiff und ein eingestürzter Turm zu Babel: Anselm Kiefer erschafft in seinen Arbeiten ein düsteres Bild. Schwarz, grau, braun – das sind seine Farben. Die Bundeskunsthalle widmet dem Ausnahmekünstler ab Mittwoch (20. Juni) die Ausstellung „Am Anfang – Anselm Kiefer. Werke aus dem Privatbesitz Hans Grothe“. Einige Arbeiten sind erstmals zu sehen.

Die 24 markanten Kunstwerke sind so groß, dass man erst aus mehreren Metern Entfernung einen Überblick bekommt. Die Bilderklärungen am Rande sind dann nur noch schwarze Striche. Zusätzliche Stücke, bei reinen Gemäldeausstellungen sind es oft bis zu 150 Exponate, hätten überhaupt keinen Platz gehabt. An seiner früheren Wirkungsstätte, den Hamburger Deichtorhallen, sei die Ausstellung nicht möglich gewesen, sagt der Intendant der Bundeskunsthalle, Robert Fleck, der Nachrichtenagentur dapd.

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Auf sechs Metern Höhe lassen in „Jakobs Traum“ schwarze Sonnenblumen ihre Köpfe hängen. Für den Betonkoloss „Merkaba“ mussten die Pfeiler im Keller zusätzlich unterstützt werden. 15 Tonnen wiegen die gestapelten Betonmauern, aus denen harter Draht ragt.

Die epochalen Werke stammen aus dem Besitz des Kunstmäzens und Unternehmers Hans Grothe, der über die größte Privatsammlung zu Kiefer verfügt. Zuletzt wurde eine Auswahl in Baden-Baden ausgestellt. Ein Blickfang in Bonn ist eine hohe, rostige Treppe, die sich in die Höhe schlängelt. Auf den Stufen liegen wild durcheinander Bänder bis zum Boden. Kiefer greift in seinem Werk christlich-jüdische Mythen auf und spielt immer wieder auf die deutsche Geschichte an. Das macht Kiefer einzigartig, aber auch schwer zugänglich.

In „Schwarze Flocken“ strömen aus einem Buch aus Blei Verse eines jüdisches Lyrikers, der den Holocaust thematisiert. Drum herum kleben karge Äste in einer trostlosen Winterlandschaft. Dabei bedient sich Kiefer ungewöhnlichen Materialien. Alles wird verwendet – von dicken Farbschichten und Lack über Erde, Blei und Pflanzen bis hin zu Kleidung und Haaren.

Kiefers Kunst war von Beginn an hochpolitisch. Als Mahner und Warner versteht es der mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Maler und Bildhauer zu provozieren und Politik und Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Das dokumentiert auch „Wege der Weltweisheit: Die Hermannsschlacht“, bei dem er die Ursprünge des Krieges sucht. 34 bekannte Köpfe, zwischen gut und schlecht, vom Philosophen Immanuel Kant bis SA-Sturmführer Horst Wessel reiht er aneinander.

Mit der großen Blechbox „Leviathan“ kritisiert der 67-jährige Kiefer die Volkszählung 1987, der er sich damals verweigerte und zu der er juristische Kämpfe austrug. Und in der 14-teiligen Gemäldeserie „The Secret Life of Plants for Robert Fludd“ erinnert er an die Verbindung zwischen Mikro- und Makrokosmos. So schwebt eine lebensgroße Gans mitten in der Galaxie.

Infos zur Ausstellung

Die Ausstellung „Am Anfang – Anselm Kiefer. Werke aus dem Privatbesitz Hans Grothe“ ist von Mittwoch (20. Juni) bis zum 16. September geöffnet.

Adresse: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn, Tel.: 0228/91710, Fax: 0228/234154.

Öffnungszeiten: Dienstag und Mittwoch von 10.00 bis 21.00 Uhr, Donnerstag bis Sonntag von 10.00 bis 19.00 Uhr, Montag geschlossen.

Eintritt: Erwachsene 9,00 Euro, ermäßigt 6,00 Euro.

Wer ist Anselm Kiefer

Anselm Kiefer wird am 8. März 1945 März in Donaueschingen (Baden-Württemberg) geboren.

Er studiert Rechtswissenschaften und Romanistik in Freiburg und schiebt einen Studienaufenthalt in Paris, seinem heutigen Wohnort, ein.

Anschließend nimmt er an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Freiburg und Karlsruhe ein Kunststudium auf.

Bundesweit in die Schlagzeilen gerät Kiefer 1969, als er mit den Fotoserien „Besetzungen“ für Empörung sorgt. Auf einer Reise durch Europa ließ er sich mit Hitlergruß ablichten, womit er auf faschistische Haltungen und Mitläuferschaft anspielen wollte.

Kiefer wird von Joseph Beuys (1921-1986) unterstützt. Beide stehen im intensiven Kontakt. Ein direkter Schüler von Beuys soll Kiefer nicht gewesen sein.

1984 widmet ihm die Kunsthalle Düsseldorf eine große Einzelausstellung, die später auch in Paris und Jerusalem zu sehen ist.

1988 kauft Kiefer eine alte Ziegelfabrik.

Zehn Jahre später stellt er im Metropolitan Museum of Art in New York aus.

1999 erhält er für sein Lebenswerk den Praemium Imperiale.

Das renommierte Louvre in Paris übernimmt 2007 drei seiner Arbeiten in die Sammlung.

2008 wird ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

2011 wird er in New York mit der Leo-Baeck-Medaille ausgezeichnet, die an den von Nationalsozialisten verfolgten Rabbiner und Philosophen Leo Baeck (1873-1956) erinnert.

Autor: Fabian Wahl, dapd | Foto: Hermann J. Knippertz/dapd
Foto: Ein Besucher geht in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (Bundeskunsthalle) in Bonn in der Ausstellung „Am Anfang an dem Werk „Merkaba“ von Anselm Kiefer aus Blei, Beton und Stahl aus dem Jahr 2004 vorbei.

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