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Angelika Lehndorff-Felsko mit dem Buch "Uns verschleppten sie nach Köln..." - Auszüge aus 500 Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern

Besuchsprogramm von Zwangsarbeitern im Dritten Reich in Köln: „Gewaltige Spur hinterlassen“

Köln | Angelika Lehndorff-Felsko hat im 19. Band in der Schriftenreihe des NS-Dokumentationszentrums (NS-DOK) Auszüge aus 500 Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern unter dem Titel „Uns verschleppten sie nach Köln...“ zusammengefasst. Es ist ein beeindruckendes Buch geworden in zweierlei Hinsicht: Es dokumentiert 25 Jahre Besuchsprogramm und es zeigt dass dieses, wie die Autorin es formuliert, eine „Gewaltige und tiefe Spur hinterlassen hat“.

Glanzstück der Erinnerungskultur

In 25 Jahren besuchten 36 Gruppen ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter Köln. Dr. Werner Jung, Leiter des NS-DOK spricht von einem Glanzstück der Erinnerungskultur. Zwar habe die Stadt keine Entschädigungen leisten können, aber mit dem Besuchsprogramm ein Versöhnungswerk geschaffen. Die Besucherinnen und Besucher hätten es als Ehre empfunden, eingeladen worden zu sein und die Kölnerinnen und Kölner waren dankbar, dass sie gekommen sind. 1989 initiiert durch das Projekt Messelager wurde es ab dem Jahr 1990 durch das NS-DOK fortgeführt. Heute ist eine umfangreiche Datenbank entstanden und von 100.000 ehemaligen Zwangsarbeitern, die in Köln eingesetzt waren, wurden mehr als 500 Schicksale dokumentiert. Denn in Köln gab es nicht nur einen Handshake und ein touristisches Programm. Es gab Interviews und die Geschichten der Menschen wurden so für die Geschichtsschreibung festgehalten. Damit ist es möglich das Unrecht, das Menschen in dieser Zeit widerfahren ist, aus der Anonymität der großen Zahlen auf das individuelle Schicksal zu spiegeln. Aber es gab nicht nur Unrecht, sondern auch Menschen die geholfen haben. Auch das wird dokumentiert. Und so geht das Buch, das diese Geschichten erzählt mehr als unter die Haut. Ein reicher Schatz der trotz der Veröffentlichung im Band 19 der Schriftenreihe des NS-Dok noch der wissenschaftlichen Aufarbeitung harrt. Auch die Aufarbeitung der Schicksale nach der Zeit als Zwangsarbeiter in Deutschland steckt noch in den Kinderschuhen. Aber auch hier hat das Kölner Programm Licht ins Dunkel gebracht, nicht nur hier in Köln, sondern auch in den Heimatgemeinden.

„Mein Bauer wartete dort und suchte sich aus, welches Mädchen er zur Arbeit möchte. Und mich holte er ab. Er sagt: „Die! Komm, komm!“ Er ist mit dem Fahrrad gekommen und ich bin zu Fuß gelaufen, wie ein Hund dem Fahrrad hinterher.“, so Helena Lukaszewska über ihre Ankunft in Köln im Kapitel „Für die waren wir weniger wert als Vieh.“

In 32 Kapiteln sammelt die Autorin Stimmen zu den einzelnen Phasen, die die ehemaligen Zwangsarbeiter erlebt haben. Ihre Gefangennahme und Rekruitierung in ihrer Heimat, die Fahrt nach Köln in Viehwaggons, das Verkaufen an Industrieunternehmen, Bauern und in die Haushalte Kölns, den Arbeitsalltag, Freundschaften und Liebe, Krankheiten, das Kriegsende, die Rückkehr und das Leben nach der Rückkehr. Aber auch über Entschädigung, die Erinnerungen, die Sprache und die Projektgruppe Messelager erfahren Leser viel. Angelika Lehndorff-Felsko hat viele Besucher begleitet, erzählt von Menschen, die sich an kaum mehr etwas erinnern konnten, wieder andere, die sich an die kleinsten Kleinigkeiten erinnern und dass bei vielen nach zwei bis drei Tagen auch wieder Bruchstücke der deutschen Sprache auftauchten. Eine über 90-jährige Besucherin konnte sogar noch den Ostermannschen Gassenhauer „Heimweh nach Köln“ singen.

Die Zwangsarbeiter waren allgegenwärtig in Köln

Lehndorff-Felsko ging es bei ihrer Mitarbeit aber auch um einen anderen wichtigen Aspekt. Die Zwangsarbeiter im dritten Reich waren nicht nur auf der grünen Wiese bei Industrieunternehmen oder Bauern eingesetzt, sondern auch in der Stadt und im Stadtbild allgegenwärtig. In Sülz, so die Recherchen der Autorin, waren Zwangsarbeiter in jeder Straße präsent, auch wenn teilweise heute ihre Wirkungsstätten,wie Bäckereien nicht mehr bestehen. Dieses Kapitel des Faschismus, so Lehndorff-Felsko, werde von breiten Teilen der Bevölkerung einfach verdrängt. Bei Betroffenen, aber auch den Betreuern der Besucher, die ja oft auch schon sehr alt waren, haben diese Treffen eine tiefe und gewaltige Spur hinterlassen. In den letzten Jahren folgten oft die Enkel ihren Großeltern auf die Reise nach Köln, die sich nicht aus der Diskussion heraushielten, sondern mehr wissen wollten. Denn auch in den Heimatländern habe keine Aufarbeitung stattgefunden. Viele ehemalige Zwangsarbeiter erlebten eine zweite Verfolgung in der Heimat, erklärt auch Dr. Werner Jung. Sie wurden als Kollaborateure beschimpft und nicht wenige in die Gulags verschleppt. Daher haben auch viele geschwiegen, Kinder die in Deutschland geboren waren, deren Geburtsurkunden wurden umgeschrieben. Die Verschleppten mussten also aus Eigenschutz auch noch das Unrecht, das ihnen angetan wurde, verleugnen. Die Zwangsarbeiter hatten hier wie dort keine Lobby. Erst das Kölner Besucherprogramm gibt ihnen eine Stimme, wenn auch noch im internationalen Kontext nur eine.

So berichtet Pjotr Saweljewitsch Sachartschenko wie es ihm nach Köln und dem Kriegsende erging: „... Wir wurden sofort verteilt. Ich wurde in die Arbeitsarmee geschickt … Wir mussten einen Tunnel und eine Eisenbahnstation bauen. Wir bauten an dieser Station drei Jahre. Das war eine sehr schwere Arbeit. Als die Station fertig war, wartete ein Zug auf uns, um uns an einen neuen Arbeitsplatz zu bringen … Der Zug wurde angehalten und wir mussten eine ganze Woche auf den nächsten Befehl warten … Nach drei Tagen bekamen wir etwas Essen für unterwegs und fuhren auf die Krim in die Stadt Kertsch. Während des Krieges hatten die Deutschen dort eine Brücke gebaut, aber sie war nicht fertig geworden … Man zahlte uns kein Geld für unsere Arbeit. So bin ich Bewohner der Stadt Kertsch geworden. Durch mein Dorf Sifijewka war die Front gegangen und das Dorf war völlig ausgebrannt. Ich schrieb einen Brief nach Hause und bekam zur Antwort: Unser Haus steht nicht mehr. Ich fragte, wo meine Geschwister und meine Eltern seien. Mein Vater war verhaftet, meine Mutter von den Rumänen erschossen worden, meine Geschwister lebten im Waisenhaus...“

Am 10. März 2015 um 19 Uhr präsentiert das NS-DOK den 19. Band gemeinsam mit der Autorin Angelika Lehndorff-Felsko, die aus den bewegenden Geschichten vorlesen wird. Das Buch ist mehr als lesenwert, weil es die Geschichte nicht nur bis 1945 erzählt, sondern darüber hinaus.

Angelika Lehndorff-Felsko

„Uns verschleppten sie nach Köln...“

Auszüge aus 500 Interviews von ehemaligen Zwangsarbeitern.
Schriftenreihe des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln
Band 19

Gebunden
Emons Verlag
Köln 2015

ISBN 978-3-95451-367-3

544 Seiten
39,95 Euro

Infobox

Zwangsarbeiter in Köln

In den Kriegsjahren waren 100.000 Menschen für Köln zwangsrekrutiert. Ausländische Arbeitskräfte, Kriegsgefangene oder KZ-Häftlinge. Sie alle mussten Zwangsarbeit leisten: In der Industrie, im Gewerbe, in der Landwirtschaft und Privathaushalten. Die Stadt Köln schreibt: „Die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter unterlagen einem rassistischen Sonderrecht. Polen und Menschen aus der Sowjetunion standen auf der niedrigsten Stufe. Die Gestapo war für die Überwachung des Arbeitseinsatzes verantwortlich.

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