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Will etwas gegen Lebensmittelvernichtung tun: der Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann beim Neujahrsbrunch für Obdachlose in der Alten Feuerwache. Organisiert hat den Brunch Linda Rennings vom Verein „H.I.K. Heimatlos in Köln“ (Foto: Brand)

Brunch für 30 Obdachlose zum Start ins neue Jahr

Köln | Linda Rennings weiß wie es ist auf der Straße zu leben. Fünf Jahre war sie selbst obdachlos, schlief auf dem Friedhof. Sie hat den Verein „Heimatlos in Köln“ gegründet, der obdachlosen Frauen und Mädchen helfen will, zurück in die Gesellschaft zu finden. Am Wochenende lud „die kölsche Linda“, wie sie genannt wird, zum Neujahrsbrunch in die Alte Feuerwache ein. Dort wartete nicht nur eine feierlich gedeckte Tafel auf die rund 30 Obdachlosen, sondern auch mit dem Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann (Bündnis 90/Die Grünen) auch ein Vertreter der Politik.

„Obdachlosigkeit ist kein persönliches Versagen, sondern Schuld der Politik“, richtete sich Lehmann als Schirmherr der Aktion an die frühstückenden Obdachlosen und lud zum persönlichen Gespräch ein. Angenommen wurde das Angebot indes nur zögerlich. Zu groß die Resignation. Daran, dass die Politik etwas in ihrem Sinn bewirke, glaubt hier keiner mehr so wirklich. „Es ändert sich doch eh nix“, sagt Stephan, graue Kapuzenjacke tief in die Stirn gezogen, klarer wacher Blick, vor ihm ein Teller Gulaschsuppe. Auf den Tischen liegen Schokolade und Obst, hinter dem Tresen schmieren Mitarbeiter des Instituts der Deutsche Wirtschaft im Rahmen ihres „Tags des Engagements“ Brötchen, Musiker Wolfgang Hildebrandt spielt auf der Gitarre Songs von Neil Diamond.

Acht Jahre auf der Straße

Seit acht Jahren ist der 40-jährige auf der Straße, war einmal als Stadtplaner tätig. Wie er obdachlos wurde, will der gebürtige Düsseldorfer nicht erzählen. „Zu kompliziert“, winkt er ab. Doch darüber, was alles falsch läuft, dass so viele Menschen keine Wohnung mehr finden, hat er einiges zu sagen. Eine „horrende Zunahme von Obdachlosen“ habe er in den letzten Jahren beobachtet. „Es heißt von der Politik immer es gibt keine Wohnungen, aber es gibt ja Wohnungen. Nur die sind für viele Menschen nicht mehr bezahlbar.“ Findet sich dennoch ein bezahlbares Apartment, konkurriere er mit Studenten und Rentnern, die auf Grund von Altersarmut betroffen nach einer neuen Bleibe suchten, weil sie die Miete für die alte Wohnung nicht mehr aufbringen können. Den Zuschlag bekämen meist die Studenten. Auch von den Sozialarbeitern fühlt er sich im Stich gelassen. Die würden lediglich grundlegende Personen- und Gesundheitsdaten erfassen. Konkrete Hilfe dabei vom Leben auf der Straße wegzukommen, leisteten sie nicht.

Obdachlose beraten

Genau hier setzt der Verein von Linda Rennings an. Sie und ihr Team beraten Obdachlose, begleiten bei Amtsgängen und leisten Einzelfallhilfe bis eine Unterkunft gefunden wird. Oftmals ein langer und mühevoller Prozess voller bürokratischer Hürden. Ihr Augenmerk richtet sich besonders auf Frauen und Mädchen. Die sind auf der Straße noch ganz anderen Gefahren ausgesetzt als Männer. Für Frauen auf der Straße seien Vergewaltigungen und erzwungene Prostitution an der Tagesordnung, weiß sie von vielen Betroffenen. Das Problem: In die meisten Notschlafstellen dürfen Frauen ihre Hunde nicht mitnehmen. Lediglich der Sozialdienst Katholischer Frauen bietet das an. „Dabei dient der Hund gerade Frauen auf der Straße als Schutz“, prangert Rennings das Hundeverbot an. Dann bleibt für die Nacht oft nur ein verstecktes Plätzchen in einem Park oder auf dem Friedhof. Bei Minustemperaturen ist das nicht nur hart, sondern lebensgefährlich. Aus der Not gehen viele Frauen auf das Angebot: „Übernachtung gegen Sex“ an. Davon gibt es reichlich, weiß Rennings. Zuhälter suchen sich gezielt obdachlose Frauen, um an ihnen zu verdienen.

Immer mehr Menschen betroffen

Auch Rennings stellt fest, dass es auf Kölns Straßen immer mehr Obdachlose gibt. Und es werden noch mehr, warnt sie. Vor allem Frauen und Senioren. „Die Räumungsklage geht heute ziemlich schnell“, sagt sie. Richter seien heutzutage näher am Vermieter, dem Mieteinnahmen entgehen, als am von Wohnungslosigkeit bedrohten Mieter. Ein paar Monate Mietschulden, raus sei man. Sie sieht eine der Ursachen für die steigenden Obdachlosenzahlen auch in der langsamen und hürdenreichen Bürokratie der Jobcenter: „Die Bearbeitungszeiten sind viel zu lange. Wenn da Hilfe kommt, sitzt der von Wohnungslosigkeit bedrohte oft schon längst auf der Straße.“ Und dort geht es immer aggressiver zu. Von „Armutskonkurrenz“ spricht Rennings - der Kampf um Schlaf- und Bettelplätze, um Pfandflaschen.

Beim Neujahrsbrunch findet der Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann schließlich doch noch Gesprächspartner. Schlimm sei es, wie mit Lebensmitteln umgegangen werde, resümiert er anschließend. Statt übrig gebliebene Lebensmittel an Bedürftige zu geben, seien Einzelhändler und Bäcker dazu verpflichtet, sie zu vernichten, während vor dem Laden Obdachlose hungern. Gegen die Vernichtung von Lebensmitteln habe seine Partei im Bundestag schon Anträge gestellt. Immerhin etwas. Der Kampf gegen die Mietenexplosionen wird wohl etwas schwieriger zu gewinnen sein.

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