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Niklas Fischer

Niklas Fischer (36) ist für die Hilfsorganisation Mission Lifelinie vor Ort in Moria

Der ehemalige Wahl-Kölner: „Die Leute müssen dringend von der Insel geholt werden“

Köln | „Wenn ich auf die Situation hier im niedergebrannten Flüchtlingslager Moria blicke, fehlen mir oft einfach nur die Worte. Da wird die Asyl- und Abschottungspolitik auf dem Rücken der Flüchtlinge ausgetragen. Die Menschen werden hier bewusst zermürbt, sie sind müde und verzweifelt. Oft werden wir gefragt, wie es weitergeht, aber auch wir haben darauf keine Antwort und können im Rahmen unserer Möglichkeiten leider nur viel zu wenigen Leute vor Ort helfen“, sagt Niklas Fischer.

Der gebürtige Kieler, der auch einige Jahre in Köln gelebt hat, ist als Mitarbeiter der Hilfsorganisation „Mission Lifeline“ vor Ort auf der griechischen Mittelmeerinsel Lesbos und erlebt gerade die chaotischen Zustände nach dem Großbrand im Flüchtlingslager Moria. „Ich war im Bereich der Fernsehproduktion beschäftigt und habe durch die Corona-Krise meinen Job verloren. Mein Wunsch war es, etwas Sinnvolles zu machen und so bin ich zu Mission Lifeline gekommen“, berichtet der 36-Jährige.

Tagtäglich ist er hautnah mit dem Elend der Menschen auf der Insel konfrontiert. „Die Lage ist nach wie vor sehr unübersichtlich. Dinge wie Information oder Kommunikation gibt es hier nicht. Viele Leute haben nichts zu essen und nehmen ihr Wasser oft aus Abwasserleitungen. Die meisten Flüchtlinge leben nach wie vor auf der Straße und können sich nur mit Planen oder Decken notdürftig gegen die Sonne schützen. Wir haben täglich hier Temperaturen um die 30 Grad. Wir versuchen, immer wieder Essen zu den Menschen zu bringen, aber das erweist sich als sehr schwierig. Polizei und Militär sind nicht daran interessiert zu helfen und blockieren auch die Hilfe der NGOs.“

Fischer ärgert sich, dass in Europa mit verschiedenen Maßstäben gemessen wird: „Was würde passieren, wenn in Deutschland auf einen Schlag mehr als 13.000 Menschen obdachlos werden. Die Notversorgung würde nicht mal einen Tag dauern. Auch Griechenland wäre dazu durchaus in der Lage, aber es passiert so gut wie nichts. Die Menschen werden oft wie Schwerverbrecher behandelt, dabei sind sie selbst in ihrer Not noch gastfreundlich und bieten Fremden zum Beispiel Tee an. Schlimm ist auch, dass die Polizei, obwohl es hier sehr viele Kinder gibt, ohne Rücksicht Tränengas in die Menge schießt.“

Aktuell entsteht auf Lesbos auf einem Gelände des Militärs ein neues Flüchtlingslager, in dem schon die ersten Menschen untergebracht worden sind. „Wir sehen dieses Lager eher kritisch. Es ist wie ein Gefängnis mit Stacheldraht gesichert. Wer einmal drinnen ist, kommt nicht mehr heraus. Ich habe eine Szene beobachtet, als Polizisten eine Frau ins Lager schleppten wollten. Sie hat sich massiv gewehrt und geschrien, weil ihre Kinder noch alleine auf der Straße waren. Am Ende hat einer der Polizisten noch eingelenkt und man hat die Frau einfach auf die Straße geworfen“, berichtet der Helfer aus Deutschland entsetzt. Am Eingang werde den Menschen alles abgenommen, womit Verletzungen möglich sind – vom Gürtel bis zum Schnürsenkel. Auch Handys würden einkassiert.

„Die Menschen sind inzwischen so verzweifelt, dass sie auch wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren würden. Für sie ist alles besser, als diese katastrophale Situation auf Lesbos. Vor Ort sind genügend Berichterstatter. Die Situation ist weltweit bekannt und die Politiker sprechen nur, tun aber nichts für die Menschen. Ich kann die internationalen Nachrichten nicht mehr hören, das zieht einen nur runter und kostet Energie, die man hier als Helfer dringend braucht.“

Was die Einheimischen auf Lesbos angeht, ist die Situation unterschiedlich: „Es gibt durchaus noch hilfsbereite Menschen. Aber die Stimmung schlägt bei der Bevölkerung auch um, weil sich an der Situation in absehbarer Zeit nichts ändern wird. Es gibt Faschisten, die Flüchtlinge mit Holzlatten und Baseballschlägern durch die Straßen jagen. Dabei schaut die Polizei nur zu und zeigt sich diesen Leuten auch noch freundschaftlich aufgeschlossen.“

Corona spiele eine untergeordnete Rolle, weil es in Moria ums blanke Überleben gehe. „Das Virus macht aber der griechischen Bevölkerung auch Sorgen, weil man befürchtet, dass Flüchtlinge es verbreiten könnten. An Hygienemaßnahmen ist in Moria nicht zu denken, da es keine Sanitäranlagen mehr gibt.“ Fischers Wunsch wäre es, jetzt die Menschen schnell von der Insel zu holen und sie so von ihrem Elend zu befreien. „Die Aufnahmebereitschaft der Städte und Kommunen ist ja da, warum blockiert die Politik die Aufnahme von Flüchtlingen. Politiker wie Innenminister Seehofer sollten sich einmal die Situation vor Ort anschauen. Wichtig sind jetzt gerade auch Spenden, damit wir den Menschen so gut wie möglich helfen können.“

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Hinweis der Redaktion: Das Interview wurde geführt, bevor die Bundesregierung bekannt gab, dass 1.500 Flüchtlinge in Deutschland aufgenommen werden sollen.

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