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Auszug aus dem Schreiben von Hitler zur "Aktion T4", das in der Ausstellung als Faksimile zu sehen ist.

Psychatrie im Dritten Reich – Ausstellung bei den Alexianern in Ensen

Köln | Die Alexianer in Köln-Ensen zeigen vom 13 bis 17. März die Ausstellung „erfasst, verfolg, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“. Die Wanderausstellung ist von der deutschen Gesellschaft für Psychatrie, Psychotherapie und Neurologie (DGPPN) konzipiert und auf Reisen geschickt worden. Die Ausstellung wurde unter anderem schon im Deutschen Bundestag und 57 weiteren Orten in Deutschland und im Ausland gezeigt. Die Ausstellung findet anlässlich des 111 Jubiläums des Alexianer-Fachkrankenhauses für Psychatrie in Köln-Ensen statt.

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Dr. Manfred Lütz, Chefarzt des Alexianer-Fachkrankenhauses, Prof. Dr. Frank Schneider, Co-Initiator der Wanderausstellung und früherer Präsident der DGPPN und Peter Scharfe, Geschäftsführer der Alexianer Köln vor Tafeln der Ausstellung.

Es sind Roll-ups, die einmal rund um den großen Raum bei den Alexianern, der auch als Turnhalle genutzt wird, reichen. Es sind Täter zu sehen. Psychiater, Professoren, alles honorige Persönlichkeiten. Aber nicht im weißen, Respekt einflößenden Kittel sondern in Karnevalsverkleidung oder Alltagskleidung. Menschen, wie Du und ich. Und es sind Opfer auf den Fotos. Auch sie nicht in Anstalts- sondern Alltagskleidung. Alleine die Darstellung ist einen Blick wert und verdeutlicht die Aussage: Wir sind alle Menschen.

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Einer der Täter in Karnevalskostüm: Prof. Dr. med. Friedrich Panse

Die „Aktion T4“

Es war Hitler selbst, der das Euthanisieprogramm der Nationalsozialisten in Auftrag gab. Ein Schreiben mit dem Briefkopf Hitlers dokumentiert dies in der Ausstellung. Das Programm galt als geheim und bekam den Decknamen „Aktion T4“. Für jeden Patienten musste ein Meldebogen ausgefüllt werden. „T4“ weil die Zentrale der Aktion in einem Berliner Haus in der Tiergartenstraße 4 untergebracht war, einem Haus, dass jüdischen Mitbürgern aus der Familie der Liebermanns gehört hatte, bevor es enteignet wurde. Der Leiter: Der Chef der „Kanzlei des Führers“, Philipp Bouhler. Hier an diesem Ort entschieden die Gutachter anhand des Meldebogens, wer weiterleben durfte und wer sterben musste. Auch der Meldebogen findet sich in der Ausstellung. Dann wurden die Opfer in den Heilanstalten abgeholt und mit Bussen, Bilder davon sind in der Ausstellung bei den Alexianern zu sehen, an die Orte transportiert, wo sie die Giftspritze oder das Vergasen erwartete. Innerhalb eines einzigen Jahres starben 70.000 Menschen, die Schätzungen gehen aber von mehr Opfern aus.

Es gab Kritiker, wie den Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen, der die menschenverachtende Praxis in mehreren Predigten thematisierte. Hitler stellte die Aktionen ein, aber im Geheimen gingen die Tötungen weiter. Nach dem Mord verbrannten die Nazis die Leichen. Es waren sogenannte Leichenbrenner-Kommandos, die in Krematorien die Leichen verbrannten. Der Hintergrund: Angehörige sollten keine Obduktionen veranlassen können, denn die Totenscheine enthielten falsche Todesursachen. Die Methode wurde auf die Vernichtungslager übertragen und Mitarbeiter der Leichenbrenner aus dem Euthanasieprogramm sollen ihr Wissen an die Todeslager weitergegeben haben.

Was geschah in Ensen?

All dies und auch die rund 400.000 Zwangssterilisationen dokumentiert die Ausstellung bei den Alexianern. Die wollen, so Peter Scharfe, Geschäftsführer bei den Alexianern, die Ausstellung nicht nur Menschen von außerhalb zeigen, sondern auch Patienten. Aber was geschah mit den Patienten in Köln-Ensen in der Zeit der Nazidiktatur? Es ist nicht wirklich erforscht, sagt Scharfe. Es gab den Versuch zum Jubiläum des 100-jährigen Bestehens des Hauses diesen Teil der Vergangenheit aufzuarbeiten. Ein Historiker war beauftragt worden, fand aber nur eine Liste mit Namen von Insassen und bewertete die Aktenlage als sehr dünn. Auch eine Befragung der Chefärzte aus der Zeit nach dem Krieg erbrachte keine Erkenntnisse. Die Alexianer-Brüder, die die Kranken pflegten, seien, so die heutige Einschätzung von der NS-Doktrin in ihrer demütigen Haltung überrannt worden. Ein älterer Bruder soll später einmal über die Zeit gesagt haben: „Da war ein Chefarzt, der war angebräunt“. Es gebe, so Scharfe, de facto keine klaren Informationen. Wenn Nachbarn auch heute noch etwas wüssten, so freue sich die Klinik über Hinweise. Ob es also Verlegungen aus Köln-Ensen über Zwischenanstalten etwa nach Hadamar, wo viele Kranke ermordet wurden, gegeben habe, sei aktuell nicht zu belegen. Hier muss die Geschichte also noch aufgearbeitet werden.

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Die Busse

Die Aufarbeitung

Die Aufarbeitung und Verstrickung von Ärzten und Psychiatern dauerte, wie auch in anderen Bereichen, lange und erfolgte erst sehr spät und teilweise gelingt sie bis heute nicht. Es ist kein einziger persönlicher Nachlass aus den Reihen der Täter bis heute öffentlich zugänglich. Deren berufliche Karrieren gingen nach dem Krieg einfach so weiter, als wäre nichts gewesen und sie arbeiteten und lehrten als Psychiater. Die Opfer haben bis heute keine Namen, außer die, deren Namen im Ausland veröffentlicht wurden. Eine Erkenntnis sei zudem, dass es Psychiater nicht die Nationalsozialisten waren, die mit Ideologien, wie der Volksgesundheit, erst die Basis für die Euthanasie – übersetzt, den schönen Tod – legten, legitimierten und diese Idee in die Köpfe der NS-Verbrecher einpflanzten.

Die Mär der geschlossenen Anstalt ist passé

Dr. Manfred Lütz, Chefarzt des Alexianer-Fachkrankenhauses, wird deutlich und wünscht sich ein anderes Bild von Psychatrie in der Öffentlichkeit. So müsse endlich mit der Mär der geschlossenen Anstalt aufgeräumt werden. Diese gäbe es nicht. Auch bei den Alexianern in Köln-Ensen nicht oder wenn dann würden einzelne Stationen nur für wenige Stunden zeitweise bei akuten Gefährdungslagen für den Patienten, geschlossen. Also den Volksglauben, dass Menschen in der Psychatrie weggesperrt würden, gilt es öffentlich zu widerlegen. Menschen werde in der Psychatrie geholfen und auch die Medikation sei kein Ruhigstellen, sondern medizinisch notwendige Hilfe. Sein Appell ist dringlich: Wer das Gegenteil behaupte und die Psychatrie als Anstalt stigmatisiere, der helfe nicht einem verzweifelten oder depressiven Menschen, der mit dem Gedanken des Suizid spiele, sondern treibe diesen womöglich erst in den Tod. Die moderne Psychatrie ist am Patienten, am Menschen und ihm zu helfen ausgerichtet, so Lütz. 

Die Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet – kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ ist zu sehen:

Alexianer Köln
Dominikus-Brock-Haus
Kölner Straße 64
51149 Köln-Porz
Samstag, 16. März, von15.00 Uhr bis 18.00 Uhr

Im Anschluss um 18.00 Uhr wird im Bistro des Dominikus-Brock-Hauses der Film „Himmel und Mehr“ über die Bildhauerin Dorothea Buck gezeigt, die auf Grund einer psychischen Erkrankung in Bethel 1936 zwangssterilisiert wurde und nur knapp dem Tod entging. Die Regisseurin Alexandra Pohlmeier hat die Künstlerin zwischen 2001 und 2008 regelmäßig in ihrer Hamburger Atelierwohnung besucht und daraus einen Film über eine mutige Frau geschaffen.

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