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Die jungen Rabbiner haben ihre Ordinationsurkunden erhalten

Synagogengemeinde Köln: Ordination von vier Rabbinern – „Wir sind von hier“

Köln | Ein historischer Moment fand am heutigen Morgen in der Synagoge in der Kölner Roonstraße statt. Zum ersten Mal nach der Shoa wurden in Köln vier Rabbiner ordiniert. Bundesaußenminister Guido Westerwelle, Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress, Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Hans-Werner Bartsch, Bürgermeister der Stadt Köln waren gekommen.

Judentum ist eine Kraftquelle

Daniel Fabian, Absolvent des Rabbinerseminars von Berlin, leitete die Feier mit den Worten „Wir sind von hier“ ein und beschrieb die unterschiedlichen Lebenswege der Menschen, die heute in Deutschland zusammenführen um jüdisches Leben zu ermöglichen und aufblühen zu lassen. Abraham Lehrer, Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln, zeigte die Entwicklung der jüdischen Gemeinden auf, die positiv sei. Die Gemeinden wachsen und da sei es richtig, dass Rabbiner in Deutschland ausgebildet werden. Lehrer machte aber auch deutlich, dass jüdische Menschen in Deutschland beunruhigt sind, etwa über die Diskussion um die Beschneidung von jüdischen Jungen, die zeige wie viel junge, wie alte Antisemiten immer noch in Deutschland leben und ihre Stimme erheben. Dazu komme die Diskussion um die Schächtung, die aktuellen Übergriffe auf Juden, aber auch die Untaten der NSU.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann freute sich über die neuen Rabbiner: „Wir wollen deutlich machen, dass Judentum eine religiöse, eine philosophische, eine politische und moralische, eine emotionale, eine kulturelle und intellektuelle, vor allem aber eine spirituelle Kraftquelle ganz besonderer Art ist: Eine Infusion von Zukunft, von Substanz und von Sinn. Dies alles muss auch vermittelt werden. Wir Juden hungern nach Rabbinern, die genau das können – wir sehnen uns nach Wissen und Sinn und nach spiritueller Substanz. Gerade auch die „neuen“ Rabbiner sollen das vermitteln. Sie werden gewiss wachsen mit Ihren Aufgaben und Ihrer Berufung. Da bin ich mir ganz sicher.“

"Jüdisches Leben hier ist sicher"

Graumann ging auch auf  den Übergriff  in Berlin auf Rabbiner Daniel Alter ein: „Allen, die gerade jetzt jüdisches Leben in Deutschland generell in Zweifel ziehen, sage ich: Jüdisches Leben hier ist sicher – und muss gesichert werden. Das zu leisten, ist nicht zuletzt Aufgabe der Behörden und der ganzen Gesellschaft. Von Zweifeln, Verunsicherung und Angst werden wir uns bestimmt nicht beherrschen lassen. Wir beugen uns nicht dem Terror und werden nicht vor dem Hass und der Gewalt kapitulieren. Niemals. No-Go-Areas werde ich für Juden hier nicht akzeptieren, und für andere Menschen auch nicht. In Deutschland darf es keine demokratiefreien Zonen geben. Ich will auch kein verstecktes, verängstigtes Judentum in Hinterzimmern. Ganz im Gegenteil sogar! Wir werden jetzt sogar noch entschlossener mit Leidenschaft und Herzblut unsere frische, positive, neue jüdische Zukunft hier aufbauen: aktiv, innovativ, offensiv und kreativ. Jetzt erst Recht! Wir lassen uns von Schlägen und Rückschlägen ganz bestimmt nicht einschüchtern! Wer darauf wartet, der muss ewig warten!“ In der Debatte um die Beschneidung fordert Graumann mehr Respekt und fand deutliche Worte: „Würde die Beschneidung in Deutschland verboten, würden Juden kalt in die Illegalität getrieben. Dann wäre jüdisches Leben hier gar nicht mehr möglich. Das muss jeder wissen. Das ist kein rhetorischer Trick und keine Übertreibung.“

Wie schon zuvor Bürgermeister Bartsch, der an die lange jüdische Geschichte Kölns, ältester jüdischer Gemeinde in Europa, erinnerte, zeigte sich Bundesaußenminister Westerwelle erfreut, dass sich immer mehr Juden wieder für ein Leben in Deutschland entscheiden. Westerwelle sprach sich klar für die Religionsfreiheit aus und machte deutlich, dass die Bundesregierung eine Lösung liefern werde, denn klar sei, dass wer Beschneidung untersage, untersage auch jüdisches Leben. Westerwelle rügte die Debatte und wie sie geführt werde. Zum Übergriff auf Rabbiner Alter in Berlin fand Westerwelle deutliche Worte: „Der deutsche Rechtsstaat wird mit ganzer Härte gegen antisemitische, fremdenfeindliche und rechtsradikale Straftaten vorgehen.“ Juden sollen sich in Deutschland wieder zu Hause fühlen, blühendes jüdisches Leben entwickeln: „Wir wollen jüdische Familien nicht als geschützte Minderheit, wir wollen sie in der Mitte unserer Gesellschaft.“ Westerwelle gab denen zu bedenken, die dies in Frage stellen, dass gesellschaftliche Toleranz, kulturelle Vielfalt und religiöse Pluralität seien kein gönnerhaftes Geschenk an andere, sondern das größte Geschenk an sich selbst.“

Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress, forderte die Deutschen auf, vor dem Hintergrund des Mordes am amerikanischen Botschafter Stevens in Bengasi, wachsam zu sein. Deutlich machte Lauder, dass man wahrnehme, dass man Juden in vielen europäischen Ländern wieder als Fremde sehe und ihr Verhalten und Traditionen in Zweifel ziehe. Dies sei nichts Neues, auch das einige säkulare Länder Juden diktieren wollen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Lauder: „Don’t tell us Jews how to be Jewish!“

Einer der vier Ordinierten, Rabbiner Naftoly Surovtsev, wird als Assistenzrabbiner in Köln tätig werden. Die Ordnierten haben die unterschiedlichsten Lebenswege auf ihrem Weg beschritten und kommen aus der ganzen Welt. Rabbiner Daniel Fabian, wurde in Israel geboren,  Rabbiner Jonathan Konits kommt aus den USA, Rabbiner Reuven Konnik, aus der Ukraine und  Rabbiner Naftoly Surovtsev aus Weissrussland. [Eine ausführliche Biographie finden Sie in der Infobox des Artikels]. In der Ordinationsurkunde, die den jungen Rabbinern übergeben wurde, wird ihnen bescheinigt, dass sie „Joreh, joreh keDat schel Tora“, als entsprechend der Tora richten werden.

Die vier jungen Rabbiner reihen sich in die Gruppe von jetzt 40 Rabbinern ein, die für rund 70 Prozent der jüdischen Bürger in Deutschland spirituelle Quelle sind.

Infobox

Die Biographien der ordnierten Rabbiner

Rabbiner Daniel Fabian wurde 1974 in Ramat Gan/Israel, geboren. Er kam jedoch bereits als Baby nach Deutschland und wuchs in Meerbusch bei Düsseldorf auf. Zunächst absolvierte Rabbiner Fabian den Diplomstudiengang Biologie an der RHTW Aachen und der Freien Universität zu Berlin. Schon während seiner Studienzeit begann er jedoch, sich in der Gemeindearbeit als Jugendzentrumsleiter in Aachen sowie in der Jugendarbeit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und des Bundesverbandes Jüdischer Studenten zu engagieren. Er machte seine Passion für das Unterrichten zum Beruf und arbeitete viele Jahre in jüdischen Bildungseinrichtungen, bis er sich 2009 dazu entschloss, das Studium am Rabbinerseminar zu Berlin aufzunehmen. Seit Abschluss seines Studiums im Sommer 2011 ist Rabbiner Fabian als Direktor der Lauder Midrasha, der einzigen Einrichtung für das fortgeschrittene Torahstudium für Frauen in Deutschland, tätig. Seine Ehefrau Daniela Fabian arbeitet als Erzieherin an der Lauder Beth‐Zion Grundschule in Berlin.

Rabbiner Jonathan Konits ist 1982 in Baltimore/USA geboren und aufgewachsen. Nach Abschluss seines Philosophie‐Studiums am Swarthmore College kam er 2004 als Fulbright‐Stipendiat an die Universität Potsdam, um über die deutsche Nachkriegsgeschichte zu forschen. Bald darauf brachte ihn sein Interesse am Talmud an die Yeshivas Beis Zion in Berlin. Im Jahr 2009 begann er sein Studium am Rabbinerseminar zu Berlin. Parallel dazu baute er ein Unternehmen für Stadtführungen durch das jüdische Berlin auf und schloss an der FU Berlin sein Masterstudium im Fach christlich‐jüdische Beziehungen ab. An der gleichen Hochschule studiert derzeit auch seine Ehefrau Rachel Konits Zahnmedizin. Nach seiner Ordination wird Rabbiner Konits neben seiner Arbeit als Rabbiner der Jewish Experience in Frankfurt a. M., einem Bildungsprojekt für Studenten und junge Erwachsene, seine Dissertation in Philosopie beginnen.

Rabbiner Reuven Konnik wurde 1981 in Kiew/Ukraine geboren und ist in Riga/Lettland aufgewachsen. Im Alter von elf Jahren kam er zusammen mit seiner Familie nach Deutschland. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften an der Ruprecht‐Karls‐Universität Heidelberg und der Judaistik an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg zog es ihn nach Berlin an die Yeshivas Beis Zion. Bereits damals war er sehr engagiert in verschiedenen Gemeinden. So arbeitete er während seines Studiums als Vorbeter unter anderem in Gemeinden in Konstanz und Wiesbaden und als Betreuer bei Am Echad‐Seminaren für Kinder und Jugendliche. Er entschloss sich letztlich dazu, dies zu seinem Beruf zu machen und nahm sein Studium am Rabbinerseminar zu Berlin auf. Seit seiner Abschlussprüfung ist Rabbiner Konnik als Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Stadt Potsdam tätig.

Rabbiner Naftoly Surovtsev wurde 1987 in Weißrussland geboren und lebt seit sechs Jahren in Deutschland. Schon als Jugendlicher war er in Minsk im Jugendzentrum seiner Gemeinde aktiv. Sein Engagement setzte er in Deutschland fort. Er war in den vergangenen Jahren sowohl in Leipzig als auch in Hamburg für die Studentenorganisation Morasha tätig. Nach dem Abitur in Leipzig ging er zunächst für ein halbes Jahr nach Toronto, zum Talmudstudium an der Yeshiva Reyshit Chochma. Im Anschluss daran entschloss er sich, die Ausbildung am Rabbinerseminar zu Berlin aufzunehmen. Im Frühjahr 2012 heiratete er Naomi Surovtsev, Absolventin der berühmten Musikhochschule Gnesin College in Moskau. Nach seiner Ordination wird Rabbiner Surovtsev als Assistenzrabbiner in der Synagogen‐Gemeinde Köln tätig sein.

Die Ausbildungsstätte

Das Rabbinerseminar zu Berlin wurde 1873 von Rabbiner Dr. Esriel Hildesheimer gegründet und wird daher bis heute auch als Hildesheimer’sches Rabbinerseminar bezeichnet. Es war die wichtigste Lehreinrichtung zur Ausbildung orthodoxer Rabbiner in Westeuropa und hatte von der Gründung bis 1938 insgesamt ca. 600 Studenten aus ganz Europa. Nach der Pogromnacht 1938 schlossen die Nationalsozialisten das Seminar zwangsweise. Finanziert wird die Rabbinerausbildung durch den Zentralrat der Juden in Deutschland und die Ronald S. Lauder Foundation.

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