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Wie ein Kölner Bezirksvertreter für Fake News sorgt und ein Stadtviertel stigmatisiert

Köln | Torsten Ilg ist Bezirksvertreter für die freien Wähler in Köln-Rodenkirchen. Gerne kommentiert er mit Pressemitteilungen das aktuelle Geschehen im Kölner Süden und verbreitet diese Nachrichten auch auf möglichst vielen Social Media Kanälen. Und diese Botschaften des Kölner Politikers finden als einfach zu kopierende Botschaften Ihren Weg fast immer Eins zu Eins auf die Webseiten wie „lokalkompass.de“ der WVW Westdeutsche Verlags- und Werbegesellschaft mbH, die zur Funke Mediengruppe gehört. Gestern führte die Kölner Polizei gemeinsam mit der Stadt Köln eine Schwerpunktkontrolle im Kölner Süden durch. Der ideale Anlass für den Bezirkspolitiker eine Pressemitteilung zu verbreiten, die sich im Faktencheck als Fake News erweist, die der „lokalkompass.de“ ungeprüft und vor allem ohne Kennzeichnung übernimmt.

Der Hintergrund: Die Kölner Polizei führte gestern Nachmittag in Köln-Meschenich in der Siedlung Kölnberg eine sogenannte Schwerpunktkontrolle durch. Schwerpunktkontrollen finden aber nicht nur einmal und in Ausnahmesituationen im Kölner Stadtgebiet statt, sondern häufiger und zu unterschiedlichen Themen. Auch rumänische Polizeibeamte begleiteten den Einsatz. Medien berichteten, vor Ort, die „Lokalzeit“ des WDR sogar schon am Abend, dass bei der Schwerpunktkontrolle keine Auffälligkeiten gefunden wurden. Dies bestätigte heute auf Nachfrage auch der Pressesprecher der Kölner Polizei Christoph Gilles. Die Polizei habe weder auffällige Drogenfunde gemacht, noch kriminelle oder schwerkriminelle Personen festgestellt. Die an der Kontrolle beteiligte Stadt Köln mit ihren Kassen- und Steueramt führte Vollstreckungsmaßnahmen durch.

Für den Rodenkirchener Bezirkspolitiker Ilg war die Standardkontrolle aber Anlass am nächsten Morgen um 9:01 Uhr eine Pressemeldung an Redaktionen zu verschicken, auch an diese Internetzeitung.

Diese lautet (Originaltext in Anführungszeichen und kursiv gesetzt):
„Pressemitteilung
Köln: Spezialeinsatz der Polizei am Kölnberg. Freie Wähler sehen sich bestätigt.

„Solche gemeinsamen Aktionen müssen zur Regel werden am Kölnberg. Das hilft auch gegen die ausufernde Müllkriminalität,"
lobt Bezirksvertreter Torsten Ilg (Freie Wähler) die aktuelle Großkontrolle von Polizei und Ordnungsbehörden der Stadt Köln.
„Die Gewalt-, und Drogenexzesse einiger Bewohner sind eine der Hauptursachen dafür, dass auch das Umfeld immer stärker leidet und sich auch die „Müll-Mafia" am Kölnberg angesiedelt hat. Dort werden Altgeräte bandenmässig ausgeschlachtet und am Straßenrand entsorgt. Mit einem Park-, oder Halteverbot entlang der betroffenen Straßen ist es nicht getan. Leider haben sämtliche Fraktionen in der Bezirksvertretung, bislang die von den FREIEN WÄHLERN eingeforderte, ständige Kooperation und Dauerpräsenz von Sicherheitskräften stets abgelehnt. Es ist gut, dass Polizei und Stadtverwaltung hier dennoch, auch ohne Votum der Politik konsequent gehandelt haben. Geht doch. Bislang hat die Verwaltung solche gemeinsam koordinierten Aktionen stets als nicht machbar abgetan. Ich werde die Einrichtung einer dauerhaften Präsenz und Kontrolle des Problembezirks am Kölnberg, auch gegen die dort aktive Müll-Mafia, erneut beantragen. Wichtig scheint mir zu sein, dass es mehrsprachige Spezialeinheiten sind."

Am Kölnberg leben viele türkische Bewohner, zunehmend aber auch Menschen aus Rumänien und Bulgarien. Beteiligt am Einsatz der Polizei waren Mitarbeiter des städtischen Ordnungsamtes sowie der Fachverwaltung.“

Der Faktencheck

Ilg schreibt von einem „Spezialeinsatz“ und am Ende seiner Erklärung von „mehrsprachigen Spezialeinheiten“. Damit suggeriert Ilg als lebten am Kölnberg nur Menschen, denen die Polizei nur noch mit Spezialeinsätzen und Spezialeinheiten begegnen könne. Das Gegenteil war bei der Schwerpunktkontrolle der Fall: Bezirksbeamte, Pressesprecher und Bereitschaftspolizisten waren eingesetzt, die von rumänischen Kollegen begleitet wurden, die für kurze Zeit in Deutschland sind und die hiesigen Behörden unterstützen. Und dies nicht zum ersten Mal, sondern als Kooperation immer wieder. Das bestätigt auch die Kölner Polizei auf Nachfrage.  
Dann schreibt Ilg von „Müllkriminalität“. Was meint er damit? Die Kölner Polizei kennt den Begriff nicht. Aber das reicht dem Bezirksvertreter der Freien Wähler noch nicht. Er phantasiert von einer „Müll-Mafia“, die sich am Kölnberg angesiedelt haben soll. Auch hier ergibt die Nachfrage bei der Kölner Polizei, dass sie dort noch nie wegen oder gegen eine „Müll-Mafia“ ermittelte und es auch diese in Köln nicht gebe. Auch die von Ilg herbeiphantasierte „bandenmäßige“ Ausschlachtung von Altgeräten war weder Teil der Schwerpunktkontrolle, noch festzustellen.

Als Bezirksvertreter müsste es Ilg zudem besser wissen, dass die Polizei kein Votum der Politik benötigt, wenn sie etwas kontrolliert. Diese öffentliche Aufgabe erledigt sie aus sich selbst heraus. Auch die Behauptung, dass es keine koordinierten Einsätze von Stadt und Polizei gebe, ist schlicht falsch. Erst vor kurzem führten die beiden Behörden gemeinsam Ermittlungen im Bereich von Shisha-Bars durch und auch am Kölnberg und im gesamten Stadtgebiet gibt es diese immer wieder. Ilg verschweigt, dass es am Kölnberg eine Polizeiwache gibt, eine sogenannte Bezirkswache, die tagsüber statt mit einem Beamten, wie vorgeschrieben, mit drei Beamten besetzt ist.

Diese Pressemitteilung eines Bezirksvertreters der für dieses Stadtviertel zuständig ist, stigmatisiert nicht nur das ganze Veedel und die Menschen die dort wohnen, sondern auch gleich noch bestimmte Migrantengruppen zum Ende der Mitteilung, die Ilg explizit nennt: „Am Kölnberg leben viele türkische Bewohner, zunehmend aber auch Menschen aus Rumänien und Bulgarien.“ Dass Ilg bei seinem Text aus Unachtsamkeit Begriffe einstreute, die nicht mit der Realität in Einklang zu bringen sind, könnte man vermuten. Aber Ilg entkräftet dies selbst durch sein Schreiben, weil er Begriffe wie „Müll-Mafia“ nicht nur einmal sondern mehrfach verwendet. Da muss er sich den Vorwurf von „Fake News“ gefallen lassen, vor allem weil er selbst während der Schwerpunktkontrolle nicht vor Ort war und in den Medienberichten auch mit keinem Wort, die von ihm dreifach angeführte "Müll-Mafia" beziehungsweise "Müllkriminalität" erwähnt wird.

Mediale Wirkung

Jetzt könnte man sagen, ok, eine Pressemitteilung, die in den Redaktionsbriefkästen verschwindet, also wozu sich aufregen? Auf dem Portal „lokalkompass.de“ herausgegeben von der WVW Westdeutsche Verlags- und Werbegesellschaft mbH findet sich die Pressemitteilung von Ilg eins zu eins wieder. Dort ist sie allerdings nicht mehr als Pressemitteilung gekennzeichnet, sondern als Artikel, hochgeladen von einer Sandra S. aus einem Ort in der Nähe von Köln. Das Portal und der Verlag gehören zur Funke Medien Gruppe mit Sitz in Essen. Über sich selbst schreiben die Macher von „lokalkompass.de“: „Gegenseitiger Austausch von Bürger zu Bürger – das ist es, was ‚lokalkompass.de‘ ausmacht, denn nur hier gibt es aktuelle und lokale Nachrichten von den Menschen vor Ort. Betreut und gesteuert wird die Nachrichten-Plattform von erfahrenen Redakteuren, die gemeinsam mit BürgerReportern aus ihrer Heimatstadt berichten. Der Lokalkompass lebt von Begegnungen auf Augenhöhe und von der Zusammenarbeit zwischen Redaktion und Bürgern.“ Zudem wirbt die Funke Mediengruppe mit einer starken Vernetzung zwischen der Community und der „Funke NewsWall am Essener Hauptquartier“.  Und natürlich hat die Plattform auch einen Preis gewonnen: Den XMA Cross Media Awards des Weltverbandes der Zeitungen und Nachrichtenmedien (WAN-IFRA).

Aus der Schwerpunktkontrolle der Polizei wird hier die „Polizei Razzia am Kölnberg“ und die Headline lautet „Dauereinsätze der Polizei müssen die Regel werden“. Dann folgt ein Foto mit Müll. Ob es sich um ein Foto vom Kölnberg handelt oder nicht kann nicht nachvollzogen werden. Zuerst fällt auf, dass die Autorin über gute Kölner Ortskenntnisse verfügt, denn obwohl sie ihren Wohnort weit von Köln entfernt angibt, weiß sie, dass der Kölnberg in Meschenich liegt. Ilg schrieb das nicht. Auffällig ist, dass es kein Profilfoto gibt. Die Autorin ist seit dem 3. März 2017 registriert und veröffentlichte bisher 96 Artikel. Die Seitenzählung von „lokalkompass.de“ gibt an, dass sie damit Stand 14. März 2019, 19:00 Uhr genau 24.290 Leser erreichte.

Die Top-Themen der Autorin: „Köln, Freie Wähler Köln, Torsten Ilg und Zollstock. Die Autorin scheint bei der Durchsicht aller ihrer Postings in zwei Dinge verliebt zu sein: in die Freien Wähler Köln und deren Bezirksvertreter Torsten Ilg. Denn alle Postings drehen sich um die Freien Wähler und fast alle um Torsten Ilg. Wer den Namen der Autorin und ihren Wohnort googelt findet zunächst seitenweise Links zu „lokalkompass.de“ und Bilder aus den Postings von Sandra S. auf dem Portal. Ist Sandra S. ein Fake? Werden Profile auf „lokalkompass.de“ geprüft?

Nach dem Pressekodex müssen Pressemitteilungen, die Eins zu Eins ungeprüft veröffentlicht werden, auch als solche gekennzeichnet werden. Diese Kennzeichnung fehlt in diesem Fall völlig. Hier werden Leser in die Irre geführt.

Trotz telefonischer Nachfrage meldete sich der für „lokalkompass.de“ verantwortliche Verlag nicht. Report-K stellt eine schriftliche Anfrage. Sobald eine Antwort vorliegt, wird diese hier publiziert.

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