Kultur Bühne

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„1984“ im Freien Werkstatt-Theater: Im Überwachungsstaat der Zukunft sind alle gleichgeschaltet – auch in der Mode. Foto: Miriam Vergien / FWT

„1984“ im Freien Werkstatt-Theater: Erschreckend aktuell und unglaublich intensiv

Köln | Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Dummheit ist Stärke: George Orwells Roman „1984“, Ende der 1940er Jahre erschienen, ist bis heute wegweisend für dystopische Erzählungen. Der 4. Studienjahrgang der Alanus Hochschule inszeniert die Liebesgeschichte des Gedankenverbrechers Winston Smith im Freien Werkstatt Theater am Chlodwigplatz: erschreckend aktuell und unglaublich intensiv.

„Möchten Sie einen Siegessekt trinken? Greifen Sie zu!“ Die Besucherinnen haben nach dem Einlass in den Saal des früheren Industriegebäudes keine Zeit, sich auf eine klassische, fast zweistündige Berieselung zu freuen. Sie sind Teil des Systems, Genossen der Partei, Mitbewohner Ozeaniens. „Im Namen des Großen Bruders bitte ich Sie, die Fernfunksprechgeräte auszuschalten“, sagt eine andere Dame inmitten des Zuschauerraumes. Noch ist im Publikum Gelächter zu vernehmen, doch als der Siegessekt getrunken und die Lichter aus sind, ist es zu spät. Wir sind mitten drin. In der unangenehmen Transparenz des Überwachungsstaates.

Transparenz als Ariadnefaden

Was die Inszenierung von Alan Lyddiards Theaterfassung durch die Bonner Regisseurin Christina Schelhas so bedrückend macht, ist die allgegenwärtige Transparenz. Nicht nur, dass der Zuschauer nicht genau zuordnen kann, wer den Systemgegner Winston Smith oder seine große Liebe Julia spielt, denn jeder spielt jeden – das neunköpfige Ensemble überzeugt hier in jeder Minute Bühnenpräsenz.

Auch Bühnenbild (Swantje Silber) und Kostüme (Emilia Schenke) spielen mit der vollkommenen Auflösung von Individualität einer diktatorischen Dystopie. Alle Darstellerinnen sind gleich gekleidet: Weißes Sweatshirt, Schwarze Hose, Schuhe. Dass alles überwacht wird und nichts im Geheimen bleibt, zeigen die aufgenähten Hosentaschen aus durchsichtigem Material, sowie die überaus schlichten aber effektiven rollbaren Bühnenelemente, die mit verschiedenen semitransparenten Wänden arbeiten.

Die Hatecam geht rum

Dass der Siegessekt zu Beginn der Inszenierung dazu dient, sich Mut anzutrinken, wird klar, als sich die Hatecam ihr Ziel, ähnlich wie die Kiss Cam bei US-amerikanischen Sportveranstaltungen im Zuschauerraum sucht. „Die Hatecam geht rum. Die Hatecam geht rum. Wer sich ansieht oder lacht…“ wird choral von den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern gesungen.

Bei einem bleibt die Hatecam hängen – doch hier muss das Opfer seinen Nebenmann nicht küssen, sondern es wird mit aller Kraft von den anderen beschimpft und beleidigt. Die „Zwei Minuten Hass“ zählen zu den stärksten Momenten dieser Inszenierung. Vereinzeltes, unbehagliches Lachen unter den Zuschauern spiegelt das Bild des sich ständig-bewacht-Fühlens in dieser Situation grandios wider.

„Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden“

Die harmonische Disharmonie des Systems wird besonders durch die Musik vermittelt. Durch das ganze Stück verteilt werden Triangeln, Blockflöten, Melodicas und sogar ein Saxophon eingesetzt. Was auffällt: Alle sind irgendwie im Takt, alles fügt sich zu einem stimmig-unstimmigen Bild voller schiefer Töne, die gemeinsam auf unerklärliche Weise wieder harmonieren. Doch nebst Systemkritik kommt auch die große Liebe zwischen Winston und Julia nicht zu kurz, die durch Udo und Jenny Jürgens Duett „Liebe ohne Leiden“ vielleicht ein wenig zu kitschig aber dennoch effektiv musikalisch untermalt wird und vielleicht am Besten das leichte „zu viel“ der gesamten Inszenierung zusammenfasst, das die schmerzliche Beklemmung in diesem Falle aber nur zusätzlich verstärkt.

Fast schmerzlicher als bei Shakespeares Romeo und Julia erwartet das Publikum kein bittersüßes Ende. Systemgegner wie Julia und Winston können wieder auf den rechten Pfad gebracht werden und sind nur kurze Störungen, die durch Gehirnwäsche wieder ausgemerzt werden können: „Die lang erhoffte Kugel dringt durch meinen Kopf. Ich liebe den Großen Bruder“. Nach einer Stunde und 50 Minuten ertönt Beifall, der garantiert nicht durch das System indoktriniert wurde.

„1984“ - die nächsten Vorstellungen: Do. 22.11. und Fr. 23.11.2018 immer 20h im Freien Werkstatttheater. Karten unter Tel. 0221 / 32 78 17 oder karten@fwt-koeln.de.

Von Bettina Freund

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