Kultur Bühne

schauspiel_09122017

Verführt, geschwängert, sitzen gelassen: Annika Schilling spielt die junge Frau, die Jahre später das gemeinsame Kind umbringt. Im Hintergrund Nils Hohenhövel. | Foto: Ana Lukenda / Schauspiel

„Bash“: Schauspiel lässt drei Mörder beichten

Köln | Drei Mörder, drei Beichten, drei Monologe – doch null Schuldbewusstsein. Was US-Autor dem Publikum mit „Bash“ zumutet, ist harter Tobak. Nele Clio Liekenbrock hat diesen Blick in menschliche Abgründe jetzt fürs Schauspiel inszeniert, ihre erste eigene Produktion – und die haut sofort rein. Was auch an drei hervorragenden Schauspielern liegt.

Eng ist es in der Grotte, dem Schauspiel-Spielort für Experimente. In dem Container stehen die Schauspieler in direktem Blickkontakt mit ihrem Publikum. Hautnah ist der Kontakt, wenn sie sich zu ihm auf die Bierbänke setzen, die wie eine Arena angeordnet sind. Was hier abläuft, dem kann sich keiner entziehen.

„Plötzlicher Kindstod“ – die beruhigende Diagnose der Polizei

Als erster erhebt sich Mohamed Achour von einer Bank. Er spielt einen gestressten Unternehmer, der sich an den Tod seiner kleinen Tochter erinnert. Die Frau war unterwegs, er saß vor dem Fernseher – im Zimmer nebenan erstickte das Kind unter der Bettecke. Plötzlicher Kindstod, konstatierte die Polizei. Das beruhigt, ihm bleibt nur zu überlegen, welcher Zufall ihn daran hinderte, rechtzeitig nach seiner Tochter zu sehen – eine kühle Überlegung. Der anschließende Sex mit der inzwischen zurückgekehrten Ehefrau war jedenfalls wunderbar.

Erst dann rückt er mit der Wahrheit heraus: Er stand unter Stress, hatte ihm doch ein Freund mitgeteilt, er sei gekündigt. Wie sollte er jetzt den Lebensstandard für seine Familie aufrecht erhalten? Also erstickte er seine Tochter. Die Nachricht von der Kündigung war im Übrigen ein Gerücht, getroffen hat es die verhasste Kollegin. Vielleicht haben die Chefs dabei Rücksicht auf den Vater genommen, der gerade sein Kind verloren hat...

Aus „Notwehr“ einen brutal zu Tode geprügelt

Dann meldet sich aus den Zuschauerreihen ein junges Paar zu Wort (Nils Hohenhövel und Annika Schilling). Voller Begeisterung lässt es seine Beziehung Revue passieren, deren 6. Jahrestag mit einer großen Party in New York gefeiert werden soll. Beim Spaziergang durch den Central Park sehen sie ein schwules Paar. Für ihn ein Skandal, „das ist Unrecht“, Haß steigt in ihm auf.

Er verabredet sich mit zwei Freunden, folgen einem der Schwulen in eine öffentliche Toilette. Er lässt sich anmachen – und gemeinsam prügeln sie den Fremden brutal zu Tode. Stolz erzählt er von dieser Schlägerei. Schließlich zieht er dem Toten einen Goldring vom Finger und schenkt ihn seiner Freundin. Ihr hat er den Vorfall als Notwehr verkauft. Bald wird geheiratet.

Ein Mord bringt die Welt wieder in Ordnung

Während das Verbrechen der beiden Männer nicht als Mord erkannt wird, wird die junge Frau (Annika Schilling) verhaftet, kurz nachdem sie ihren Sohn in der Badewanne ertränkt hat. Dessen Vater war ihr Philosophielehrer, er hat sie als 14-Jährige verführt und geschwängert. Er war ihre erste Liebe – und noch jetzt, Jahre später, verklärt sich ihr Blick, wenn sie sich daran erinnert. Auch wenn er sie verlassen hat, und sie von der Schule flog.

Eigentlich hat sie es akzeptiert, eine alleinerziehende Mutter zu sein, schließlich haben beide einen entsprechenden „Pakt“ geschlossen. Doch als er – inzwischen verheiratet, ein Kind – seinen Sohn doch einmal sehen will, treffen sich die drei. Eigentlich ein gutes Treffen, doch etwas muss in ihr zerbrochen sein. Mit dem Mord an ihrem Kind bringt sie die Welt wieder in Ordnung. So sieht sie es jedenfalls.

Während die anderen ihr Verbrechen verschleiern, ist sie die einzige, die sich dazu bekennt. Wenn auch – genau wie die anderen – ohne eine Schuld einzugestehen.

Gut anderthalb Stunden dauert das Stück, 90 Minuten in denen hintereinander die drei Gestsändnisse abgelegt werden. Schilling, Hohenhövel und Achour stehen sich dabei in nichts nach, jeder zieht das Publikum unwiderstehlich in seinen Bann. Sei es mit wilden oder verhaltenen Gesten, mit stockendem Redefluss, der sich dann plötzlich in einen Wortschwall verwandelt. Oder allein mit ihrer körperlichen Präsenz. Wortreich sind sie – und verstehen es meisterhaft, den Blick unter die Oberfläche ihrer Gefühle zu verhindern. Eins aber ist klar: Gewissensbisse scheint es nicht zu geben. Oder doch?

„Bash“ – die nächsten Termine: 14. und 19. Dezember, jeweils 20 Uhr, Schauspiel Köln, Grotte im Carlswerk, Schanzenstr. 6-20, 51063 Köln-Mülheim, Karten: Tel. 0221 / 22 12 84 00, Fax 0221 / 22 12 82 49, E-Mail: tickets@buehnenkoeln.de, dazu alle Vorverkaufsstellen von KölnTicket. Kartenservice mit Vorverkauf und Abo-Büro in der Opernpassage zwischen Glockengasse und Breite

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