Kultur Bühne

30052018_Malinche_EnsembleIntegral

Bildunterschrift: Malinche (Lucia Schulz) zwischen den zwei Konquistadores Hernán Cortez (Yannick Hehlgans, l.) und Bernal Díaz del Castillo (Jan-Martin Müller, r.)  Foto: Ensemble Integral

Die umstrittene Unbekannte: „Malinche oder die andere Geschichte der Eroberung Mexikos“ im Theater Tiefrot

Köln | Als die spanischen Konquistadoren Mexiko erobern wollten, war eine Frau von besonderer Bedeutung: Malinche, Übersetzerin und Beraterin der Spanier. Das Theater Tiefrot erzählt die Geschichte dieser umstrittenen Frau.

Viel ist nicht bekannt über Malinche. Für Irina Miller Grund genug, ihre Geschichte zu erzählen: Die Regisseurin, auch für Text und Bühne verantwortlich, holt damit eine umstrittene Persönlichkeit zurück ins Gedächtnis. Malinche hat eine tragische Familiengeschichte: Sie war Tochter lokaler Herrscher, doch als ihr Vater starb, verkaufte die Mutter sie als Sklavin an die Maya. Von den Maya kam sie zu den Spaniern, die um 1500 das Reich der Azteken und Maya erobern wollten.

Für sie wurde Malinche ein wichtiges Werkzeug: Sie sprach Náhuatl, Maya und bald auch Spanisch, wurde zur Übersetzerin und Beraterin für Hernán Cortes, den spanischen Konquistador. Etwa zu diesem Zeitpunkt beginnt die Inszenierung im Theater Tiefrot, die Vorgeschichte erfahren die Zuschauer nach und nach.

Prächtige Kostüme, außergewöhnliche Requisiten

Rein visuell scheint die Geschichte wie für die Bühne gemacht zu sein: Die goldenen Kleider des Azteken-Königs Moctezuma (Miguel Dagger) glänzen im Scheinwerferlicht, die okkulten Tänze des Priesters Tetlepanquetzatzin (Dimitri Bilov) sind bühnenreif, und auch die Konquistadoren passen mit ihren anpeitschenden Kampfesreden („Das Land erobern oder sterben!“) perfekt dazu. Die Kostüme (Elisabeth Peters und Maximilian Ebus) wurden mit viel Liebe fürs Detail gestaltet. Die Bühne mit ihren außergewöhnlichen Requisiten und verwandlungsfreudiger Ausstattung, am Ende zur Azteken-Pyramide gestapelt, holt alles aus dem kleinen Raum. Mehr geht wirklich nicht.
Die anspruchsvolle Erzählung kommt langsam in Fahrt, die Musik untermalt passend. Es geht um Verhandlungen zwischen den Völkern, um die richtige Religion, welche die Spanier nach Mittelamerika bringen wollen, Unterwerfung und göttliche Prophezeiungen, die der Priester in den Maiskörnern liest.

Eine Besonderheit der Inszenierung ist es, dass sie sich nicht moralisch festlegt: Die Eroberer argumentieren, die Bewohner von Menschenopfern zu befreien (und nebenbei reiche Goldschätze abzustauben): „Haben wir euch Leid zugefügt?“, fragen Bernal Díaz del Castillo (Jan-Martin Müller) und Hernán Cortés (Yannick Hehlgans), während letzterer nur kurze Zeit später befiehlt, angebliche Spione foltern zu lassen.

Malinche: Eine für die Weltgeschichte bedeutende, aber unbekannte Frau

Und so neutral ist die Inszenierung freilich nicht: Die Azteken werden in ihrer Fremd- und Andersartigkeit reproduziert, ihre ‚Wildheit‘ und ihre vermeintlich primitiven Kulte allzu sehr betont. Besonders befremdlich wirkt dabei, dass als Sprache der Azteken im Stück ausgerechnet Spanisch – die Sprache ihrer Eroberer, die fast ihre gesamte Kultur ausgelöscht haben – dient. Erst zum Ende, als Moctezuma für ein Nebeneinander der Religionen plädiert, während Hernán Cortés den Alleinvertretungsanspruch des Christentums gewaltsam durchsetzen will, wird deutlich, dass die Azteken weniger unzivilisiert sind, als zunächst dargestellt. Statt die moralische Überlegenheit der Europäer von Beginn an zu dekonstruieren, überwiegt doch der eurozentrische Blick.

Das Urteil über Malinche (Lucia Schulz), die später, getauft, den Namen Doña Marina trägt, bleibt den Zuschauern überlassen: Ist sie eine Überläuferin, eine opportunistische Verräterin – oder eine kluge Taktikerin? Ihre Heimat verteidigt sie, widerspricht vehement den Vorwürfen der Menschenopfer.

Am Ende bleibt eine bildgewaltige Inszenierung auf kleinem Raum, getragen vor allem durch starke schauspielerische Leistungen, die in der zweistündigen Spielzeit hier und da mit Längen kämpft und nicht richtig rund wirkt, aber doch den Horizont erweitert: „Malinche oder die andere Geschichte der Eroberung Mexikos“ erinnert an eine für die Weltgeschichte bedeutende Frau, die es nicht ins kollektive Gedächtnis geschafft hat.

„Malinche oder die andere Geschichte der Eroberung Mexikos“ – die nächsten Vorstellungen: 7. Und 9. Juni, 20:30 Uhr, 10. Juni, 19:30 Uhr. Theater Tiefrot, Dagobertstraße 32, 50668 Köln. 0221 4600911.

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