Kultur Bühne

theater_orangerie_07052019

Die Näherinnen Kathi (Franziska Schmid), Liesl (Tatiana Feldmann) und Hanni (Noelle Fleckenstein) (v.l.) kämpfen gegen soziale Ungerechtigkeiten. | Foto: Neue Bilder

Diplom-Inszenierung, die zum Denken anregt – Orangerie zeigt Volker Schmidts Textil-Trilogie

Köln | 83 Jahre – so lange müsste Liesl arbeiten, um sich eine Karte für den Opernball zu leisten. Zusammen mit Kathi und Hanni arbeitet sie in einer Kleidungsfabrik und weiß nicht so recht, ob sie noch Mensch oder Maschine ist. Die Diplom-Inszenierung der Theaterakademie Köln nimmt die Zuschauer in der Orangerie mit der „Textil-Trilogie“ von Volker Schmidt auf eine grausame Reise.

Ihr rechter Fuß wippt, während sie mit beiden Händen eine imaginäre Stoffbahn durch die ebenfalls nicht existente Nähmaschine schiebt. Liesl (Tatiana Feldmann) muss gar nicht mehr groß darüber nachdenken, was sie da gerade tut. Ob nun Sonntag oder Montag ist, spielt keine Rolle, sagt sie im Takt des Synthie-Klassikers „Mensch-Maschine“ von Kraftwerk. Viel Liebe zum Detail steckt bereits in den ersten Minuten der Inszenierung Ragna Kircks. Dabei hat das Stück noch nicht einmal begonnen: „Es geht noch nicht los. Die anderen fehlen noch. Sie können sich noch entspannen. Ich bin der Prolog“, erklärt Liesl, während sie weiter die imaginären Bahnen Stoff durch die Maschine zieht.

Fulminantes Sprachfeuerwerk

Nicht ohne Grund dankt das Ensemble im Programmheft Volker Schmidt „für sein fulminantes Sprachfeuerwerk“, welches die drei jungen Schauspielerinnen der Theaterakademie Köln in ihrer Diplom-Inszenierung ehrfürchtig und voller Überzeugung verkörpern. Trotz aller Ernsthaftigkeit, wenn es um Armut und Ausweglosigkeit durch Globalisierung und Arbeitsmigration geht, schafft Schmidt Platz für bittersüßes Lachen, wenn Kathi (Franziska Schmid) berichtet, dass die Arbeitsbedingungen doch gar nicht so schlecht seien: „Wir werden nicht sexuell belästigt, wir dürfen immer aufs Klo gehen… Wir könnten jedes Mal, wenn wir müssten, aufs Klo gehen. Glaube ich.“

Atemlos durch die Nacht

Jetzt fehlt nur noch eine. Hanni (Noelle Fleckenstein). Noch liegt sie unter einem großen, weißen Berg aus T-Shirts. Lediglich ihre Füße sind zu sehen, bis sie ein Lied anstimmt, das 2013 wohl jedem den letzten Nerv raubte. Krumm, schief, aber dadurch nicht minder reizend singt Noelle Fleckenstein „Atemlos durch die Nacht“ von Helene Fischer und sorgt damit für zahlreiche Lacher im Publikum. Doch die ständige Wiederholung enttarnt die versteckte Botschaft zwischen den Zeilen. Zu plump, könnte man meinen. Doch in der Inszenierung, die auf Extravaganz, Trash, Stilbruch und Eskalation setzt, könnte es nicht besser passen.

Nach der ersten von zwei Pausen wird diese theatrale Guerilla auch dem letzten Gast bewusst. Die mit buntem Tüll verstärkten Dirndl aus dem ersten Akt werden durch Overalls mit ‚Hängetitten‘ und Stringtangas ausgetauscht. Von der Arbeit in der Fabrik geht es für die drei Frauen raus aus den Billigländern, rein in eine vermeintlich bessere Welt der Industrieländer. Doch als Wirtschaftsflüchtlinge haben es die Drei nicht einfach, schlittern in die Prostitution, Alkohol und Drogen. Der Spagat von Leichtigkeit zu bitterbösem Erwachen gelingt, scheinen doch Requisiten wie aufblasbare Maschinengewehre und Sexpuppen im ersten Moment abzulenken. Dass er gelingt, ist Feldmann, Fleckenstein und Schmids Schauspiel zu verdanken.

Fashion never sleeps, so neither do we

Ein „fulminantes Sprachfeuerwerk“ und eine letzte, große Überraschung erwartet die Zuschauer im dritten und letzten Akt und rundet Text und Spiel gebührend ab. Was bleibt, ist die Katharsis. Slogans wie „Qualität kommt von Quälen“, „Fashion never sleeps, so neither do we“ oder „Nur nackt ist billiger“ enttarnen die Fiktionalität. Fakt ist, dass vom Verkaufspreis eines nicht-fair produzierten Kleidungsstückes nur 0,1 Prozent bei der eigentlichen Näherin landet. Fakt sollte ebenfalls sein, dass diese zweistündige Inszenierung Gedankenprozesse bei den Zuschauerinnen und Zuschauern in Kraft setzt, die ihr Konsumverhalten nachhaltig infrage stellt. Die Premiere jedenfalls wurde mit kräftigem Beifall belohnt.

„Textil-Trilogie“ – die nächsten Vorstellungen: 15. bis 18. Mai, jeweils 20.00 Uhr. Orangerie Theater im Volksgarten, Volksgartenstraße 25, 50677 Köln, Kartentelefon: 0221 / 952 27 08.

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