Kultur Bühne

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Der Kläger Ferdinand Kölner, geborener Bayer (Stefan H. Kraft), beschwert sich bei der Staatsanwaltschaft (Jana Jazeschann) über Kölner Unzulänglichkeiten. Foto: MeyerOriginals / Futur 3

„Eine Stadt klagt sich an“: Theaterkollektiv Futur3 zieht Köln vor Gericht

Köln | Ferdinand Kölner, geborener Bayer, wird in den Zeugenstand gerufen. Verhandelt wird im Pfarrsaal von St. Michael der Fall Köln gegen Köln. Viele erloschene Stimmen bekommen bei dem theatralen Präzedenzfall „Eine Stadt klagt sich an“ von Futur3 eine Bühne: vom Kölschem Klüngel bis zum tragischen Unglück im Stadtarchiv.

Passender könnte die Spielstätte nicht sein. Der schwere Duft alter Eichenmöbel und das beklemmende aber doch vertraute Interieur eines Pfarrsaales lädt die Zeugen zur Gerichtsverhandlung. Hinter einem schweren vom Alter vergilbten Vorhang eröffnet sich die Bühne im Pfarrsaal St. Michael in der Moltkestraße. Auf dem Kachelboden, fein drapiert auf einer weißen Häkeldecke, steht eine Pappminiatur des Kölner Doms. Unvollständig, selbstverständlich. Im Laufe des Abends füllt sich der Tisch mit den metaphorischen Beweismitteln.

„Diese Millionen Lämpchen von der Raffinerie. Im Winter ist das super!“

Vertraut und doch fremd klingt der verzerrte Gesang und das Spiel am E-Piano der ukrainischen Sängerin Mariana Sadovska. Alte, in Vergessenheit geratene Volkslieder trägt sie mit ihrem markanten Akzent vor, während der Zeugenstand Platz nimmt. In der Zwischenzeit verlieren die Darsteller André Erlen und Anja Jazeschann, mit typisch-touristischen Audioguide-Headsets ausgestattet, die ersten klagenden Worte über die viertgrößte Stadt der Bundesrepublik, die so gerne Metropole sein möchte, aber immer wieder zu scheitern scheint.

Vieles geschieht parallel, vieles vermischt sich zu einem chaotischen Brei von Verwirrung und Ratlosigkeit. Und genau das möchte das Theaterkollektiv erreichen. Stefan H. Kraft nimmt die Stimme eines Bürgers ein: „Diese Millionen Lämpchen von der Raffinerie. Im Winter ist das super. Das kann man den Grünen nicht erzählen. Also ich finde das schön.“ Verhaltenes Gelächter im Publikum.

60 Stunden Beweismaterial sind die Grundlage des Abends

Was die Darsteller an diesem Abend sagen, entstammt nicht der Fantasie. Es sind die Stimmen Kölns: Verwaltungsbeamte, Aktivistinnen, Akteure aus Lokalpolitik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft wurden von Futur3 zur Lage und Klage Kölns befragt. Aus über 60 Stunden Beweismaterial entstand eine knapp zweistündige Performance, die alle Baustellen der Stadt aufzeigt und beim Publikum verhaltenes Schmunzeln bis tiefes Betrüben auslöst.

Manchmal verliert sich das Stück in Textgiganten rund um Ambiguitätstoleranzen, dem Medienmonopol DuMont oder dem Kölner Bau-Bonanza der Oppenheim-Esch-Holding. Am Ende steht fest: „Es interessiert niemanden, was in Kleinkleckersdorf passiert. Auch, wenn Kleinkleckersdorf Paris ist.“ Und selbst wenn eine europäische Stadt einen Lösungsansatz für Köln hätte, der in Verwaltung und Politik zugunsten Kölns übernommen werden könnte, würde Colonia Claudia Ara Agrippinensium dies ignorieren. Viel Stoff, über den die Zuschauerinnen und Zuschauer bei der Verhandlungsunterbrechung von 15 Minuten nachdenken können. Die Richterinnen Thea Kraft und Hafia Erlen, zehn und zwölf Jahre alt, geleiten die Zeugen aus dem Gerichtssaal. Wie passend: Unsere Kinder sind die Zukunft.

„Es war, als würde einem der Boden unter den Füßen weggerissen.“

Schutt. Asche. Zerstörung. André Erlen, ausgestattet mit einem Grubenhelm, windet sich durch die in Unordnung geratenen Beweismittel. Die Hetze und Aggression des ersten Aktes löst sich in Beklommenheit und Trauer auf. Anja Jazeschann betritt die Leiter und nimmt die Rolle einer Bürgerin ein, die von dem Verlust ihres Hauses und dem Tod zweier junger Menschen berichtet. Als sie oben sitzt, schwingt sie mit leichter Eleganz ihre nackten Füße in der Luft: „Es war, als würde einem der Boden unter den Füßen weggerissen.“

Im Publikum murmelt ein Zuschauer: „Ich glaube ich muss gleich weinen.“ Doch es muss weitergehen. Ist die Stadt nun schuldig zu sprechen? Das bleibt offen und soll nicht die Frage der Performance sein. Die Frage lautet vielmehr: Was können wir tun? Ob das mit Gruppenarbeit und Mindmaps geht, ist mehr als fraglich. Zurück bleibt aber ein brillantes Konzept und beklemmende und in Vergessenheit geratene Stimmen Kölns, die in den Köpfen des Publikums nachhallen.

„Eine Stadt klagt sich an“ – die nächsten Termine: vom 9. bis 13. Februar, jeweils 19.30 Uhr. Pfarrsaal St. Michael, Moltkestraße 119, 50674 Köln, Tickets: 17 Euro, ermäßigt 12 Euro. Reservierung: 0221 / 98 54 530, tickets@freihandelszone.org

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