Kultur Bühne

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Barbara Wegener überzeugt in „Kein Ding – sondern Mensch“. Foto: Simon Reichel

FWT zeigt „Kein Ding – sondern Mensch“: RAF-Terroristin Gudrun Ensslin am Scheideweg

Köln | Vor 50 Jahren saß Gudrun Ensslin im Zuchthaus, nach einem Brandanschlag in zwei Frankfurter Kaufhäusern zu drei Jahren verurteilt. Zeit zum Nachdenken: Soll sie den Weg des „revolutionären Kampfes“ weitergehen – der dann zur Gründung der Terror-Organisation RAF führte – oder soll sie „bürgerlich“ werden. Das Solo-Stück „Kein Ding – sondern Mensch“ im Freien Werkstatt-Theater (FWT) zeichnet diesen inneren Entscheidungsprozess auf beeindruckende Weise nach.

Regisseur und Autor Michael Schäfer greift für sein Stück auf den 2009 bei Suhrkamp erschienenen Briefwechsel zwischen Gudrun Ensslin und dem Dichter Bernward Vesper zurück. Ensslin hatte sich kurz vor den Brandanschlägen – sie waren als Protest gegen den Einsatz von Napalm durch die USA in Vietnam gedacht, kurz davor gab es eine Warnung – zugunsten von RAF-Oberhaupt Andreas Baader von Vesper getrennt.

Thema des Briefwechsels ist einmal das Ende dieser Beziehung, vor allem aber der Kampf um den gemeinsamen Sohn Felix, zu dieser Zeit ein Jahr alt. Eng damit verbunden die Frage, ob und wie sie ihm weiter Mutter sein kann – oder ob und wie sie den politischen Kampf weiterführen kann, um auch Felix eine freie, demokratische Zukunft zu sichern.

Klaustrophobische Gefühle beim Aufgang zur Bühne

Im FWT hat man die Vorführung nicht auf eine der beiden Bühnen gelegt, sondern in einen Proberaum im 3. Stock des Hinterhauses. Schon das enge Treppenhaus vermag in den Zuschauern klaustrophobische Gefühle wecken, die an ein Gefängnis erinnern. Das gilt auch für den kahlen Raum selber mit seinem vergitterten Fenster. „Gefüllt“ ist er – neben den Stühlen für die Zuschauer – lediglich mit einer weißen Matratze, darauf drei Bücher, einem Tisch mit zwei Stühlen sowie einer Wasserschüssel und einer Rolle Klopapier.

In dieser Zelle beginnt Barbara Wegener als Gudrun Ensslin ihren strikt getakteten Gefängnisalltag mit Waschen, Kämmen und Anziehen. Ruhelos läuft sie – auf den Spuren von Rilkes „Panter“ – den engen Raum ab, setzt sich auf den Tisch, auf die Matratze. Hadert mit dem Schicksal, das ihre keine eindeutige Lösung bietet.

Ein Meisterstück von Solo-Darstellerin Barbara Wegener

Keine Stunde dauert das Stück, doch in dieser Zeit liefert Wegener im Wechselbad der Gefühle ein mitreißendes Meisterstück ab. Mal laut, mal leise kämpft sie sich durch die Achterbahn der Gefühle. Zärtlich und selbstvergessen spielt sie mit einem gefangenen Käfer, um ihn dann plötzlich und erbarmungslos zu zertreten. Sehnsuchtsvoll schaut sie sich die Fotos von Felix an. Sie verfällt in Hasstiraden auf die Polizei und verklärt Arbeiter und Kranke zu Objekten, die vom Kapitalismus befreit werden müssen.

Sie sucht nach Rechtfertigung für ihr bisheriges Handeln – „wir haben nichts von Bedeutung falsch gemacht“ – und weiß doch, dass sie dadurch ihr Kind an den ehemaligen Geliebten „abtreten“ muss. Im „Kampf um diese Beziehung“ wirft sie sich Feigheit vor. Sie verfängt sich zwischen abstrakter Revolutionstheorie und der Sehnsucht einer Mutter nach ihrem Kind. Lachen und Weinen, Wut und Herzschmerz wechseln fast im Minutentakt.

Die Befreiung durch „Revolution“ endete in Terror und Selbstmord

„Die Revolution kommt – aber keiner weiß wie“, ist Ensslins letzter Satz. Der Zuschauer weiß, was aus der „Revolution“ wurde: Aus dem Gefängnis entlassen, begeht sie mit der RAF eine Reihe von Anschlägen, rund 40 Morde gehen bis zum Ende der Selbstauflösung 2001 auf das Konto der „Roten Armee Fraktion“. 1972 kann die erste RAF-Führungsriege verhaftet werden, im Stammheimer Prozess wird sie zu lebenslanger Haft verurteilt.

Am 18. Oktober 1977 begehen Ensslin, Baader und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen Selbstmord. Kurz zuvor hatte ein deutsches Spezialkommando in Mogadischu eine Lufthansa befreit – mit der Entführung wollte ein palästinensisches Kommando die Befreiung der RAF-Gefangenen erreichen. Dieses Ziel hatten auch die Mitglieder der „zweiten“ RAF-Generation, die Anfang September 1977 den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführt hatten. Seine Leiche wurde am 19. Oktober gefunden.

„Kein Ding – sondern Mensch“ – die nächsten Vorstellungen: 14., 16., 22. und 29. November. Freies Werkstatt-Theater, Zugweg 10, 50677 Köln, www.fwt-koeln.de. Da die Zuschauerzahl beschränkt ist, gibt es die Karten nur im Vorverkauf über die Theaterkasse: Tel. 02 21 / 32 78 17, E-Mail: fwt-koeln@t-online.de.

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