Kultur Bühne

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Servierengekonnt ein „Deutschland-Sandwich“: Yaroslava Gorobey, Helena Aljona Kühn, Viktoria Lewowsky (v.l.). | Foto: Yuri Brodsky / FWT

Freies Werkstatt-Theater serviert delikates „Deutschland-Sandwich“

Köln | „Was ist Deutschland?“ – eine gerade im Vorfeld der Europa-Wahl heftig diskutierte Frage. „Deutschland-Sandwich“ sucht darauf eine Antwort. Svetlana Fourer inszenierte die beeindruckende „poetische Groteske“, mit der sie jetzt mit ihrem Ensemble im Freien Werkstatt-Theater gastiert.

Wie in einer Arena sitzt das Publikum auf drei Seiten um eine lange Sandbahn herum. Sie ist die Bühne für Yaroslava Gorobey, Helena Aljona Kühn, Viktoria Lewowsky. Das Trio trägt Texte vor, die Svetlana Fourer, Helena Aljona Kühn, Karoline Bendig aus Gesprächen mit in Deutschland lebenden Menschen entwickelt haben. Herausgekommen ist dabei ein „Sandwich“, fingergerecht in zehn Variationen serviert.

Und ob „Biodeutsche“ oder die Menschen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund – sie haben mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint. Deutschland ist so vielfältig wie seine Einwohner – und so tragen die drei Schauspielerinnen zu Beginn ein bunt zusammengestückeltes Kleider-Patchwork (Kostsüme: Mara Lena Schönborn), das sie im Laufe der folgenden rund 90 Minuten Stück für Stück ablegen und so zu ihrer Persönlichkeit und Identität finden.

Deutschland – für Flüchtlinge das Land der Hoffnung

Was ist Deutschland? Für die Immigranten ist es das Land der Hoffnung. Für die Bürgerkriegsflüchtlinge aus arabischen Ländern ebenso wie für die Russlanddeutschen. Und für die 3. Generation der türkischen „Gastarbeiter“ ist es das Land, in dem sie jetzt wohnen, wenn auch oft genug mit Vorurteilen konfrontiert. Fremd fühlen sie sich im Geburtsland ihrer Eltern und Großeltern.

Und so eindeutig ist ihr Selbstverständnis auch nicht: Ist die eine nun Russlanddeutsche oder Deutschrussin – und was macht sie mit den Großeltern, die Polen und Ukrainer waren? Und wo sind eigentlich die Unterschiede zwischen Türken und Kurden, zwischen Sunniten, Schiiten und Aleviten?

Erinnerungen an den Krieg und die Idylle des Kleinstadtlebens

Und die „Bio-Deutschen“? Hier fehlt dem „Sandwich“ ein bisschen das vergleichbare jugendliche Gewürz. Denn bei diesen Beispiel kommen vor allem um 1950 Geborene zu Wort. Ihr Bild ist einerseits geprägt von nostalgischen von Erinnerungen an eine Dorfidylle oder eine heile Kleinstadt, eine Großstadt fehlt. Damals war alles klar, übersichtlich, alles funktionierte – und der Fremde war schlimmstenfalls ein Holländer. Was genau heute unklar, unübersichtlich ist und nicht funktioniert, bleibt letztlich unklar.

Dieser Verklärung stehen die gehörten Geschichten vom gerade überstandenen Krieg gegenüber, die Erinnerung an die erlebte Nachkriegsnot und die verschwiegenen Kriegserlebnissen der Väter. Aber beruht auf historische Bezüge nicht das bundesdeutsche Selbstverständnis? Dass das Trio – durch hautfarbene Mieder wie nackt wirkend – das mittelalterliche Nibelungenlied zitieren und sich mit Schwertern duelliert, ist da gar nicht so fernliegend. Anschließend kann man sich ja auch wieder eng umschlungen vertragen.

Die Bilder von Deutschland zerrinnen wie Sand

Was also ist Deutschland? Sich dem zu nähern, heißt, einen Sandberg erklimmen zu wollen – wie die hoch- und runterrutschende Frau, die immer wieder in einem Video erscheint, dass auf die Raumwände geworfen wird. Das Bild von Deutschland: Es rieselt wie Sand aus der Hand. Man kann es sich im Sand zusammen bauen – und gleich wieder durch eine leichte Fußbewegung wie nebenbei einebnen. Man kann sich darum streiten und damit mit bewerfen.

Nicht nur dieses Kinderspiel im Sandkasten beherrschen die drei Schauspielerinnen meisterhaft. Mit genau einstudierten Tänzen, chorischem Sprechen, totalem Körpereinsatz und sensibler, variationsreicher Sprechkunst fesseln sie das Publikum – als Solistin und als gut eingespieltes Ensemble. Wenn sie dann noch Deutschland als große Werbebühne für Kosmetik präsentieren, ist das eine mitreißende Persiflage.

Zum Schluss hüllt sich jede Schauspielerin in einen Sandsack, zieht sich in die eigene Welt zurück, verweigert den Kontakt mit den anderen. Vielleicht ist das eine zutreffende Momentaufnahme von Deutschland.

„Deutschland-Sandwich“ – die nächsten Vorstellungen: 17. und 22. Mai, jeweils 20 Uhr. Freies Werkstatt-Theater, Freies Werkstatt-Theater, Zugweg 10, 50677 Köln, Tel. 02 21 / 32 78 17, www.fwt-koeln.de

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