Kultur Bühne

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Der freudigen Begrüßung zwischen Isaac (Niklas Kohrt), Emily (Melanie kretschmann), Jory (Thelma Buabeng) und Amir (Simon Kirsch, v.l.) folgt bald ein handfester Krach. Foto: David Baltzer / Schauspiel Köln

"Geächtet" im Schauspielhaus - das Publikum ist begeistert

Köln | PREMIERENKRITIK | Ayad Akhtar, US-Schriftsteller mit pakistanischen Eltern, erhielt für sein Theaterstück „Geächtet“ 2013 den Pulitzer-Preis. Seitdem reißen sich auch deutsche Bühnen um die Aufführungsrechte. Jetzt hat es Schauspiel-Intendant Stefan Bachmann nach Köln geholt und selber inszeniert. Nach rund 90 Minuten ein begeistertes Premierenpublikum.

Ort der Handlung: Eine Dachterrasse in New York, umgeben von Hochhäusern, Blick auf den Central Park. Ein goldener Käfig. Hier lebt Amir (beherrscht, elegant, selbstbewusst: Simon Kirsch), der tragische Held von fast antiker Größe: Rechtsanwalt, Sohn pakistanischer Einwanderer. Alkohol und Schweinefleisch – für ihn kein Problem. Seine Familie hält er genauso fern von sich wie den radikalen, frauenfeindlichen, aggressiven und rückständigen Islam, mit dem er aufgezogen wurde. Auch seine Chefs und Kollegen wissen nichts davon.

Ehefrau Emily (emotional: Melanie Kretschmann) ist Künstlerin. Zu Beginn des Stückes porträtiert sie ihren Mann, inspiriert von einem Bild Diego Verlazquez’. Der hatte seinen maurischen Sklaven Juan de Pareja gemalt, dem er später die Freiheit gab. Emily hat gerade den Islam entdeckt, den sie für die Kunstgeschichte wichtiger hält als die Renaissance. Dieses positive Bild überträgt sie auf den Islam als Ganzes. Man müsse eben nur den Koran richtig lesen, modern – nicht so wie die Fundamentalisten, die ihn so wörtlich wie in dessen Entstehungszeit läsen.

Unterstützt wird sie in ihrer Meinung beim gemeinsamen Abendessen auf der Dachterrasse von Kunstagent Isaac (ein opportunistischer Liberaler: Niklas Kohrt). Der besorgt Emily eine Ausstellung, beide hatten einmal eine Affäre. Isaacs Frau Jory (Thelma Buabeng) ist schwarz, im Notfall – verkündet sie – ist ihr Ordnung wichtiger als Gerechtigkeit.

Auf Bitten seiner Frau und seines Neffen Abe (zuerst ein smarter Hiphop-Junge, dann ein bärtiger Salafist: Elias Reichert) unterstützt er gegen seine Überzeugung einen Imam, der der Terrorunterstützung angeklagt ist. Das bringt ihn als Moslem an die Öffentlichkeit, seine Kanzlei ins Gespräch – und seine Chefs gegen ihn auf. Sie versagen ihm die ersehnte Teilhaberschaft an der Kanzlei und nehmen stattdessen Jory auf. Die hat ihre Karriere nicht zuletzt Amir zu verdanken. „Ich war der Nigger und nicht du“, empört er sich, als sie ihm ihre Beförderung verrät.

Spätestens jetzt wird die bis dahin eher intellektuelle Plänkelei über Kunst, Politik und Religion zwischen Gastgebern und Gästen zu einem explosiven Gemisch mit Vorurteilen und Klischees. Und bei Amir bricht zwangsläufig aus, womit er erzogen wurde, was er bislang aber unterdrücken konnte: Antisemitismus, Genugtuung über 9/11 („Sie haben bekommen, was sie verdient haben“) – und schließlich folgt er dem vorher gerade dazu kritisierten Koran und schlägt seine Frau brutal zusammen, als er von ihrer Affäre mit Isaac erfährt.

Verzweifelt hält Amir – selber überrascht und enttäuscht von sich – an seinen „westlichen“ Werten fest, versucht seinen inzwischen zum Salafisten gewordenen und vom FBI überwachten Neffen zu mäßigen. Doch ihm ist nichts geblieben: Emily hat die Scheidung eingereicht und die Wohnung verkauft. Zum Abschied hat sie ihm noch das anfangs gemalte Porträt geschenkt. Eine bittere Ironie: Denn Amir wird in keine Freiheit entlassen.

Orientalisch angehauchte Musik zwischen den „Kapiteln“ steigert sich zunehmend ins Aggressive und treibt die Spannung hoch. Vergleichsweise sachlich und streng dagegen die Inszenierung mit stets überzeugenden Schauspielern, die – was nahe läge – in kein Klischee verfallen und so dafür sorgen, dass dem Zuschauer alle Argumente irgendwie aus eigener Erfahrung bekannt vorkommen. Wenn er sich dann selber hinterfragt, ist das ja kein schlechtes Ergebnis für einen durchaus unterhaltsamen Theaterabend.

„Geächtet“ – die nächsten Vorstellungen: 28. und 30. Juni, 17. und 18. Juli, jeweils 20 Uhr, Schauspiel Köln, Außenspielstätte am Offenbachplatz, Karten: Tel. 0221 / 22 12 84 00, Fax 0221 / 22 12 82 49, E-Mail: tickets@buehnenkoeln.de, dazu alle Vorverkaufsstellen von KölnTicket. Kartenservice mit Vorverkauf und Abo-Büro in der Opernpassage zwischen Glockengasse und Breite Straße. 

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