Kultur Bühne

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Die Gnade Gottes lässt sich nicht mit Geld erkaufen: Oliver Schnelke kämpft als Martin Luther gegen den Ablasshandel.

„Ich fürchte nichts“: N.N. Theater nimmt sich Luther vor

Köln | Facettenreiche Charaktere, blitzschnelle Rollen- und Kostümwechsel, aktuelle Spitzen, spielfreudige Akteure, ein trickreiches Bühnenbild – die Markenzeichen des N.N.-Theaters prägen auch das neue Stück „Ich fürchte nichts – Luther 2017“. Jetzt hatte es seine Kölner Premiere und wurde im Friedenspark begeistert gefeiert.

Erzählt wird die Geschichte des Reformators und unfreiwilligen Kirchenspalters. Es ist ein kritisches Porträt, mit Liebe und Humor gezeichnet, bei dem auch Luthers Zweifel und negative Seiten nicht ausgespart werden. Eingebettet wird es in die politischen und theologischen Begleitumstände. Da wird auf die Fugger verwiesen, die Geld verliehen, mit denen kirchliche Ämter gekauft wurden. Der Papst darf sich vollfressen und den Ablasshandel erfinden, um seinen Petersdom zu bauen: „Vatikan first!“. Und der Maler Lucas Cranach betreibt ein Marketing, an dem sich heutige Werbeexperten ein Beispiel nehmen können.

Die Ex-Nonne Katharina von Bora hielt ihrem Ehemann den Rücken frei

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Foto: Rene Achenbach / N.N. Theater | Hätte Katharina von Bora (Aaischa-Lina Löbbert) nicht die Initiative ergriffen, Luther wäre wohl ewig ein verklemmter Single geblieben.

Mindestens genau so wichtig wie Luther (Oliver Schnelke) ist in dieser Geschichte auch seine Frau Katharina von Bora (Aischa-Lina Löbbert). Anfangs Mitglied eines „schwarzen (Nonnen-)Blocks“, flieht sie nach der Lektüre von Luthers Schriften aus dem Kloster, in dem eigenes Denken unterdrückt wird. Dann will sie Luther heiraten – und keinen anderen.

Der ziert sich zuerst. Doch der Poesie (auch das gehört zum N.N.-Theater), mit der Regisseur Gregor Höppner das erste Rendezvous der beiden umgibt, kann er sich nicht entziehen. Und so kommt es zur Heirat – „Ehe für alle!“. Auch für entflohene Nonnen. Und wie ihr Ehemann muss auch sie, die den Laden zusammen- und Luther den Rücken freihält, einiges aushalten. Nicht von ungefähr stammt von ihr der Titel des Stücks. Mehrfach macht sie sich Mut: „Ich fürchte nichts.“.

Ein gerupfter Engel fährt auf dem E-Scooter die Zeitschiene entlang

Irene Schwarz, die das N.N.-Theater vor 30 Jahren mitgründete, darf als gerupfter Engel auf einem E-Scooter das Geschehen gliedern. Sie fährt die Zeitschiene vorwärts und rückwärts, stellt alles auch mal wieder auf Anfang und erklärt die Zusammenhänge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Muss man nicht verstehen (gibt sie zu), macht aber Spaß.

Das alles spielt sich vor einer Kulisse mobiler, hohler „Orgelpfeifen“ ab. Die eignen sich bei Verfolgungsjagden hervorragend als Versteck. Und lassen sich auch in ein Pferdegespann verwandeln.

Zum Schluss melden sich die Toten, die Luther auf dem Gewissen hat

Die Evangelische Kirche Rheinland hatte das Stück in Auftrag gegeben – 500 Jahre, nachdem Luther seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Kirche schlug. Eingemischt hat sie sich nicht in die Entwicklung des Textes vom langjährigen N.N.-Regisseur George Isherwood. Und so war es auch kein Problem, Luthers dunkle Seiten auszubreiten.

Seine Verklemmtheit, sein Sexismus. Seine antisemitischen Hetztiraden, wobei er ohne die Hilfe eines Rabbis das Alte Testament nicht hätte übersetzen können. Oder die „Fatwa“ gegen die „Aufrührerischen Bauern“, mit denen er sie zum Abschlachten gegen die Fürsten freigab – unter Berufung auf seine Schriften hatten die Leibeigenen den Aufstand gegen ihre Herren gewagt. In Luthers Todesstunde melden sie sich zurück und tauchen die Bühne in Rot.

Während sich fünf Jahrhunderte nach der Kirchenspaltung Katholiken und Protestanten noch schwer tun mit der Ökumene, hat es das N.N.-Theater schon geschafft. Zumindest was die Hassliebe zwischen zwei Städten am Rhein betrifft: „Gelebte Ökumene“ ist der gemeinsame Auftritt der Chöre „Jazz-Line“ aus Düsseldorf und „O-Ton“ aus Köln. Dirigiert werden sie von Bernd Kaftan, der nicht nur für die musikalische Begleitung sorgt, sondern auch als Schauspieler mitwirkt. Nicht zu vergessen Michl Thorbecke, der nicht nur als Teufel brilliert.

„Ich fürchte nichts – Luther 2017“ – die nächste Vorstellung: 17. Juli 2017, 20.30 Uhr, Friedenspark in der Südstadt. Damit endet das diesjährige Festival des N.N. Theaters.

Die weiteren Termine: 14. Juli „Metropolis“, 15. Juli „Der Brandner Kaspar“ mit anschließendem Fest zum 30. Jubiläum des Theaters, 16. Juli „Heidi“ (14 Uhr) und „Nibelungen“. Mehr Informationen: www.N.N.theater.de

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