Kultur Bühne

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Noch friedlich vereint: Die Eltern Norah und David Zimmermann (Melanie Kretschmann und Bruno Cathomas) und Großmutter Leah (Margot Gödrös) an Eitans Krankenbett. Foto: Tommy Hetzel / Schauspiel

Im Schauspiel begeistert gefeiert: Spielzeit mit „Vögel“ eröffnet

Köln | Mit einem Paukenschlag eröffnet das Schauspiel die neue Spielzeit. Nach drei Stunden – Pause inklusive – gab es langen, heftigen, mit vielen Bravos gespickten Premierenbeifall für „Vögel“. Intendant Stefan Bachmann hat das Stück nach dem Buch von Wajdi Mouawad inszeniert. Ein aufrüttelndes Stück über das mörderisch angespannte Verhältnis von Juden und Palästinensern, über die generellen Schwierigkeiten des Zusammenlebens von höchster Aktualität.

Es ist die dramatische Geschichte einer Familie, deren innere Zerrissenheit sich nur langsam enthüllt wird. Im Mittelpunkt stehen Eitan Zimmermann (Nikolay Sidorenko) und Wahida (Lola Klamroth). Er Jude und Biogenetiker, sie Araberin, die an einer Doktorarbeit über den arabischen Weisen al-Hasan Ibn Mohamed al Wazzan arbeitet, der vor 500 Jahren als Sklave von Papst Leo X. zum Christentum zwangsbekehrt wurde.

In einer Bibliothek in New York lernen sie sich kennen, in anfangs verwirrenden Zeitsprüngen wird ihre Liebesgeschichte bis zum bitteren Ende erzählt – und damit die Geschichte „davor“ und die des gespannten Verhältnisses zwischen Judentum und Islam.

Jude liebt Araberin – für Eitans Vater ein absolutes Tabu

Ein Spannungsfeld, das die Liebe zerreibt und zu einem tragischen Ende führt. Denn Eitans Eltern sind gegen diese Beziehung, für den fundamentalistischen Vater David (Bruno Cathomas) bedeutet sie Verrat am Judentum – schließlich können die künftigen Kinder der beiden gemäß den Religionsregeln keine Juden sein. Mutter Norah (Melanie Kretschmann) – eine deutsche Jüdin, Psychotherapeutin, in der DDR aufgewachsen – ist zerrissen zwischen der Liebe zu ihrem Mann und ihrem Sohn, hält aber letztendlich zu David.

Doch ist „Vögel“ mehr als eine moderne Romeo-und-Julia-Geschichte, sie birgt eine tragische Pointe: Eitans Vater ist kein Jude, sondern Kind einer unbekannten Araberin. Eitans Großvater – im Sechstagekrieg 1967 Soldat in der israelischen Armee – hatte ihn als verlassenes Baby in einem zerstörten palästinensischen Dorf gefunden, als eigenes Kind angenommen und so vor dem Tod gerettet. Weil sie ihn nicht wie eine „richtige“ Mutter lieben kann, lässt sich Etgars Ehefrau Leah (Margot Gödrös) scheiden und schickt den 15-Jährigen mit seinem Vater nach Berlin. Im Alter zeigt sie sich standhaft und bisweilen zotig direkt.

Als Eitan und Wahida nach Israel fahren, erlebt Wahida die demütigenden Kontrollen, die eine Araberin bei der Einreise über sich ergehen lassen muss. Dass sich zwischen der Grenzpolizistin (Lena Kalisch, auch als TV-Sprecherin)und ihr eine Liebesbeziehung mit Knalleffekt entwickelt, ist ein kleines Nebenschmankerl.

Im Koma die Wahrheit über seinen Vater erfahren

Bei diesem Besuch klärt Eitan seine Eltern über seine Liebe zu Wahida auf – am Familientisch kommt es zu großen Krach. Danach wird Eitan Opfer eines palästinensischen Attentats. Im Koma kriegt er mit, wie seine Großeltern an seinem Krankenbett über die wahre Herkunft seines Vaters David sprechen. Aus dem Koma erwacht, klärt er seine Eltern über Davids Herkunft auf. Schon vorher hatte er durch einen Gentest festgestellt, dass David nicht sein Vater sein kann.

Der regrediert aus lauter Verzweiflung über diese Lebenslüge zu einem nackten Baby und erleidet einen Schlaganfall. Um ihn ins Leben zurückzuholen, soll Wahida helfen. Diese hat inzwischen die Beziehung zu Eitan beendet, ist ins arabische Lager gewechselt und kommt nun statt im eleganten weißen Hosenanzug in einer abgetragenen Uniform auf die Bühne. Doch der Versuch, David durch arabische Worte ins Leben und damit in die Gesellschaft – welche? – zurückzurufen, schlägt fehl.

Nur Vögel können die Grenzen überwinden

Oder doch nicht: Wahida hat ihm die Legende vom Vogel erzählt, der Grenzen – dafür steht hier ein transparenter Lamellenvorhang, der die Bühne in vorne und hinten teilt – überfliegen kann, der ins Wasser taucht und zum Fisch wird. So steht der nackte David auf, schlägt wie ein Vogel mit den Armen und verschwindet zum Schluss des Stücks tanzend im dunklen Bühnenhintergrund.

Eine komplizierte Geschichte, die von Bachmann in realistischer Manier in einem nüchternen, oft spartanischen Bühnenbild umgesetzt wird. Er sorgt für entspannende Komik und spart nicht mit Strobolight, drohenden Bässen und ohrenbetäubendem Jet-Lärm, wenn Kriegsepisoden geschildert werden. Dagegen wirken die echten Störgeräusche der den Kölner Flughafen anfliegenden Maschinen fast beruhigend.

Eine komplizierte Geschichte – in vier Sprachen erzählt

Eine komplizierte Geschichte auch wegen der Sprachvielfalt: Auf der Bühne wird Deutsch, Englisch, Hebräisch und Arabisch geredet – doch nur so kann die essenzielle Bedeutung der Sprache für die Identität eines Individuums deutlich werden.

Ursprünglich hatte er vor – es tobte gerade eine Diskussion über kulturelle Aneignung als Form des modernen westlichen Kolonialismus – mit Nativ-Speakern zu besetzen. Doch entschied er sich für Mitglieder seines Ensembles. Englisch konnten alle, Kais Setti (unter anderem als Wazzan und Rabbi) spricht Arabisch, Lena Kalisch Hebräisch. Alle anderen Sprachen mussten – den Rolle entsprechend – gelernt werde. Und das gelang hervorragend. Nicht nur dafür: Chapeau für die mitreißend spielenden vier Schauspielrinnen und vier Schauspieler.

Damit die Zuschauer in diesem Sprachgewirr die Geschichte verfolgen können, wird über der Bühne die Übersetzung der Texte in die jeweils nicht gesprochenen Sprachen projiziert. Hier aber gibt’s ein kleines Manko: Die Schrift ist nicht weiß, sondern grau, das erschwert insbesondere von den Seiten das Lesen, vor allem wenn noch Nebelschwaden hinwegziehen.

„Vögel“ – die nächsten Vorstellungen: 22. (18 Uhr) und 25. September, 6. (18 Uhr), 11., 15., 19., 20. (16 Uhr), 26. und 31. Oktober, jeweils 19.30 Uhr. , Termine Schauspiel Köln, Depot 1 im Carlswerk, Schanzenstr. 6-20, 51063 Köln-Mülheim

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