Kultur Bühne

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Das Pressefoto der Volksbühne zeigt Axel Molinski. | Foto: digitalfotografie fischer

Interview mit Axel Molinski, Geschäftsführer der Volksbühne am Rudolfplatz

„Wir brauchen ein gutes, konstruktives Konzept für den Neustart“

Wie erleben Sie gerade die Situation im zweiten Lockdown?

Axel Molinski: Ich erlebe die Situation relativ konstant. Es ist ein klarer Lockdown mit klaren Anweisungen. Anfänglich hatten wir befürchtet, dass wir das Theater komplett schließen müssen. Wir dürfen jetzt zwar keine Veranstaltungen mit Publikum machen, dagegen sind Reparaturarbeiten möglich und wir können das Haus auch für Dreharbeiten öffnen, die im Moment etwa zwei- bis dreimal in der Woche laufen. Das hat Vorteile für uns und unser Personal, das so immer etwas zu tun hat. Ich erhoffe mir vom Neustart, dass dieser gradueller verläuft als beim letzten Mal. Da hatten wir in einer Woche drei verschiedene Anordnung von Stadt, Land und der Berufsgenossenschaft. Jetzt ist es besser, zur Not einen Monat länger im Lockdown zu bleiben und dann wieder strukturiert das Theater hochzufahren.

Was hat sich im Vergleich zum Frühjahr geändert?

Molinski: Im Frühjahr sorgte der Lockdown für eine gewisse Schockstarre, jetzt ist es eher ein Dejà-vu mit einer uns bekannten Situation. Im Frühjahr wurde fast die gesamte Wirtschaft heruntergefahren, jetzt betrifft es nur Segmente wie die Kultur oder den Einzelhandel. Es gibt immer wieder Kollegen, die vom Theater als einen absolut sicheren Ort sprechen und deshalb nicht verstehen, warum sie schließen müssen. Wir haben als Haus alles versucht, um unserem Publikum einen sicheren Ort bieten zu können. Eine absolute Sicherheit gibt es aber in dieser Situation nicht. Was wir jetzt wissen, ist, dass wir zum Neustart einen gewissen Vorlauf brauchen. Ohne ein fertiges Programm und Zuschauer, die Tickets kaufen, funktioniert das nicht. Daher plädieren wir auch für ein langsames Hochfahren mit Struktur und Weitsicht.

Wenn Sie das Theater geschlossen haben, sind die Kosten geringer, als wenn Sie unter Pandemiebedingungen öffnen.

Molinski: Das ist richtig, wenn wir mit einer Auslastung von 20 oder 30 Prozent unter den gestiegenen Anforderungen für Hygienekonzepte spielen, haben wir höhere Fixkosten im Vergleich zum geschlossen Zustand ohne Publikum. Das lag zuletzt auch an den ständig sich verändernden Verordnungen. Wir mussten immer wieder unser Publikum neu platzieren oder auch Anschreiben, wenn wir nicht genügend Plätze anbieten durften. Das war ein extrem hoher Aufwand, den wir da betrieben haben. Aber es gab auch eine Verantwortung gegenüber den Künstlern und den Veranstaltern.

Wie fällt die Bilanz der Wiedereröffnung 2020 aus?

Molinski: Die Zuschauer waren total dankbar, als wir wieder eröffnet hatten. Sie haben die Anweisungen sehr ernst genommen und gewissenhaft umgesetzt. Die Menschen waren auch sehr gut informiert. Für uns war es ein prickelndes Erlebnis zu sehen, wie der Theaterraum auf die Künstler und das Publikum wirkt. Es gibt beim Publikum eine sehr große Bereitschaft, die freie Kulturszene zu unterstützen. Die Leute sind bald zurückgekommen und sie haben uns auch sehr finanziell geholfen, indem sie bei der Rückabwicklung bereits gekaufter Tickets sehr zurückhaltend waren. Ob wir das Verständnis und Entgegenkommen jetzt beim Neustart wieder haben werden, ist nicht sicher. Daher braucht es dafür sehr gute Konzepte.

Welche Hygienemaßnahmen haben Sie im Theater umgesetzt?

Molinski: Wir haben immer mindestens das umgesetzt, was man von uns gefordert hat. Am Anfang ging es vor allem um die Handhygiene und die Rückverfolgbarkeit. Später ist die Lüftung in den Mittelpunkt gerückt und wir haben bei unserer Lüftungsanlage massiv hochgerüstet. Dazu kommt, dass wir dank unseres großen Foyers ein Wegeleitsystem einfach umsetzen konnten. Wohl auch daher gab es bei uns keinen einzigen Fall, bei dem eine Rückverfolgung der Kontaktdaten angefordert worden ist.

Wie sehen die Perspektiven für das laufende Jahr für die Volksbühne aus?

Molinski: Wir müssen da immer auf Sicht fahren. Manche Veranstaltungen haben wir schon vier- oder fünfmal umdisponiert. Da wurden Termine vom Juni 2020 auf den Juli 2020 verlegt und jetzt zeichnet sich schon wieder ab, dass das nicht funktionieren wird. Es geht beim Neustart immer wieder darum, was stattfinden kann, soll oder was wirklich stattfinden wird. Ich gehe nicht davon aus, dass vor dem Ende der Sommerferien erhöhte Kapazitäten in den Theatern möglich sein werden.

Wie geht es mit dem Musical „Himmel & Kölle“ weiter?

Molinski: Da haben wir uns vor einigen Wochen darauf geeinigt, dass wir Ende August wieder beginnen werden und, dass das Musical dann bis Anfang Februar laufen soll. Zunächst planen wir hier bei den Tickets noch mit verminderten Kapazitäten. Es war aber richtig, die Premiere und einige Aufführungen noch Ende Oktober vor dem Lockdown stattfinden zu lassen, sonst wäre das Stück in der Versenkung verschwunden. Für das Ensemble wäre es ohne den Premierenerfolg auch schwer geworden.

Wie wird sich der Theaterbesuch künftig verändern?

Molinski: Die Wertschätzung des Theaterbesuchs wird steigen, die Leute werden aber zu Beginn noch eher vorsichtig sein. Das wird sich ändern, denn der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier. Zentral ist und bleibt, wir brauchen ein überzeugendes Restartkonzept. Nur so können wir unsere Zuschauer zurückerobern.

Was halten Sie von Privilegien für Geimpfte?

Molinski: Das ist eine gesellschaftliche und moralische Frage, die nur sehr schwer zu beantworten ist. Jetzt bekämen wir eine Zweiklassengesellschaft und würden Nichtgeimpfte zu einem Zeitpunkt stigmatisieren, an dem sie noch gar kein Impfangebot bekommen haben. Ich denke, wir brauchen schnellstmöglich eine Herdenimmunität, die zur Normalisierung der Situation führt. Uns als Theater steht es auf jeden Fall aber nicht zu, solche Privilegien für Geimpfte freiwillig einzuführen.

Wie wird die Pandemie die freie Theaterszene in Köln verändern?

Molinski: Bisher gibt es in Köln keinen Fall, bei dem ein Theater schließen musste. Die Theaterszene ist in der Krise zusammengerückt, weil es um die gemeinsame Rückeroberung unseres Publikums geht. Sicher ist, dass der gesamte Veranstaltungsbereich am längsten unter der Pandemie leiden wird.

Welche Rolle spielen digitale Angebote für die Volksbühne?

Molinski: Es gab auch bei uns ein paar digitale Formate, der richtige Durchbruch war aber nicht dabei. Das Digitale ist eine kurzfristige Ersatzlösung. Wenn es gelingt neue, auf die digitale Welt zugeschnittene Formate zu entwickeln, könnte sich daraus durchaus etwas für die Zukunft entwickeln. Das reine Abfilmen von Konzerten oder Bühnenstücken kann da aber nicht die Lösung sein. Das stellt weder die Künstler noch die Zuschauer zufrieden. Eventuell werden hybride Angebote kommen – mit einem kleinen Publikum vor Ort sowie weiteren Zuschauern an den Endgeräten.

Welche Bedeutung haben staatliche Hilfen in der Krise?

Molinski: Uns haben insbesondere die Novemberhilfen eine wichtige finanzielle Unterstützung gebracht. Wir hoffen jetzt auf die Neuauflage des Nothilfefonds 2 der Stadt. Mit dieser haben wir in der Krise eine überraschend positive Erfahrung gemacht.

Was macht Ihnen derzeit Hoffnung und was Sorgen?

Molinski: Sorgen macht mir ein möglicher Ausbruch bei Mitarbeitern oder deren Familien. Auch die Gesundheit unseres Publikums ist etwas, das mich ständig beschäftigt. Hoffnung macht mir ein konstruktiver Neustart nach dem Lockdown. Bis dahin müssen wir es noch aushalten. Dabei wird die Luft für uns immer dünner.

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