Kultur Bühne

DerProzess_K&K

"Der Angeklagte Josef K.“ hat viele Gesichter (v.l.): Amelie Barth, Constantin Hochkeppel, Sindy Tscherrig und Jan Möllmer. | Foto: Killer & Killer

Killer & Killer mit Kafkas „Der Prozess“ in der Orangerie

Köln | „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Der Satz aus Franz Kafkas „Der Prozess“ schrieb 1925 Literaturgeschichte. Dem Duo Killer & Killer gelingt es mit seiner multivisionären Neuinterpretation in der Orangerie ein Stück weit Theatergeschichte zu schreiben.

Dystopische Klänge erfüllen den Raum. Ein Rasseln. Ein Knacken. So müssen sich nasskalte Gefängniszellen wohl anfühlen. Die vier Darsteller bewegen sich im Raum. Gekleidet in weißen Tennissocken, weißem Hemd und schwarzem Anzug. Als sie sich durch die Klänge Vasco Damjanovs bewegen, wird schnell klar: Josef K. steht exemplarisch für diejenigen, die kein Gehör finden, schuldlos angeklagt sind, wie Deniz Yücel oder Meşale Tolu. Zehn Minuten Tanz. Kein Wort wird gesagt, und damit doch so unendlich viel.

Purismus und Textgewalt

60 Minuten dauert das Tanztheater für vier Personen von Sophie und Thalia Killer (Text und Regie). Für einen facettenreichen Roman, dessen Fragmente in sich schon kleine Kunstwerke sind, erscheinen 60 Minuten fast unwürdig zu sein. Obwohl brillante Passagen, wie die Parabel „Vor dem Gesetz“ zu fehlen scheinen, geben Killer & Killer auch kafkaesken Texten genug Raum, ohne in schnödes Sprechtheater abzudriften. Besonders Amelie Barth besticht in ihrer Rolle als Aufklärerin über die Intransparenz des Gerichtes. Es bleibt offen und vollkommen irrelevant, ob sie Leni, Titorelli oder der Advokat selbst ist. Mühelos und ohne nach Luft ringend, spinnt sie ein kaum nachvollziehbares sprachliches Labyrinth von der nützlichen Unnützlichkeit eines Strafverteidigers im Prozess des Prokuristen.

Es ist die Balance aus Tanz und Text in diesem so absurd-schönen Setting aus Zeichenpapier- und Additionsrollen, die aus Killer & Killers Inszenierung eine runde Sache machen, obwohl auch sie fragmentarisch und sichtlich chaotisch erzählen. Erst suchen sie elegant-hektisch nach Hinweisen auf dem leeren Papier, das zwischen ihren Fingerspitzen knistert, dann verlassen drei von ihnen die Bühne, funktionieren den Zuschauerraum zum Gerichtssaal um.

Es schreit von rechts hinten „Lüge“, weiter vorn geht das Verhör weiter: „Dann haben Sie sich ins Abseits kapituliert.“ Dieses ständige Auf- und Abtauchen der Darstellerinnen und Darsteller innerhalb des Saals ist nicht Performance der Performance willen. Es passt. Es wühlt das Publikum auf, macht es empfänglicher, empfindlicher, angreifbarer.

Geschwungene Halshaare und anderen Liebesbekundungen

Als Josef K. Leni begegnet, trifft erotische Spannung auf groteske Komik. „Sie haben ein schönes Hinterteil“, flirtet Sindy Tschering ihren Kollegen Constantin Hochkeppel an, der entgegnet: „Danke. Sie aber auch. Man sagt mir häufiger, dass ich ein schönes Hinterteil hätte.“ Die zwei spielen sich zum Orgasmus, reiben sich aneinander, heizen sich an mit Komplimenten zu Fußform, Rückwärtsgang und geschwungenen Halshaaren: „Sind sie sich ihrer Schönheit bewusst? Sie sind ein Gesamtkunstwerk!“, brüllt Tschering ihren Kollegen an. Meisterlich gespielt mit Haut und Haar.

Ein Gesamtkunstwerk ist auch dieses Stück. Der Komik weicht bitterer Ernst. Das Papier, die Gesetze drücken ihre Last auf alle Josef Ks. Die Darstellerinnen und Darsteller verheddern sich in den Papierrollen, fallen, raffen sich auf. Die Macht des Papiers, die Macht der Gesetze, die auf ihm stehen, benötigen keine Worte, als mit einer der Rollen eine Schlinge um den Hals Ks gelegt wird (diesmal Jan Möllmer) und das Licht erlöscht. Die Beklommenheit des Publikums ist spürbar, das sich zum Applaus aus der betrübenden Trance aufraffen muss, aus diesem Gesamtkunstwerk.

„Der Prozess“ – die nächsten Vorstellungen: 19. bis 21. September, jeweils 20 Uhr. Orangerie Theater, Volksgartenstr. 25, 50677 Köln.

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