Kultur Bühne

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Marius Bechen, Maria Ammann und Charlotte Krenz (v.l.) in „Möglicherweise gab es einen Zwischenfall“. Foto: meyerOriginals / FWT

„Möglicherweise gab es einen Zwischenfall“ im Freien Werkstatt-Theater

Köln | Etwas ist passiert. Oder doch nicht? Wann war der Punkt, als das Geschehen den entscheidenden Wendepunkt nahm? Als es zu einem Ereignis wurde – entscheidend für das persönliche Schicksal, wichtig genug für die Medien? In Chris Thorpes „Möglicherweise gab es einen Zwischenfall“ werden vier Ereignisse miteinander verwoben. Jetzt hatte es im Freien Werkstatt-Theater Premiere.

Catherine Umbdenstock hat das Stück streng und karg inszeniert. Wenige Gerüstrohe verwandeln die Bühne in eine Baustelle. Darin Charlotte Krenz, Marius Bechen und Maria Ammann in goldglänzendem Partylook. Ab und zu tanzen sie zum Licht einer Discokugel. Wer an der Reihe ist, tritt vor an die Rampe.

Nicht die Handlung, das Wort beherrscht die Inszenierung

Eine „Handlung“ gibt es nicht, das Wort beherrscht die Szene. Und das Trio beherrscht die Sprechkunst, ob im Monolog oder – seltener – im Chor. Allein das ist schon den Abend wert. Jede hat eine eigene Geschichte zu erzählen. Abwechselnd wird sie vorgetragen, setzt sich – die Spannung wächst – erst langsam zu einem Ganzen zusammen.

Charlotte Krenz blickt mit einem Hauch von Selbstkritik zurück auf ihre Karriere als Revolutionärin: Das abgesetzte Diktatoren-Ehepaar ließen sie und ihre Genossen erschießen. Von der versprochenen Freiheit ist aber im Laufe der Jahre nichts geblieben: Jetzt üben sie Zensur aus, lassen auf Demonstranten schießen – und drücken sich vor der Verantwortung.

Der eine hält Panzer auf, der andere entkommt der tödlichen Explosion

Maria Amann erzählt von einer Menschenmenge, die sich auf einer Autobahn versammelt hat. Ein einzelner Mann löst sich aus ihr – und stellt sich einer Kolonne Panzer entgegen. Marius Bechen ist der lässige erfahrene Vielflieger. Doch plötzlich merkt er bei der Landung: Da stimmt etwas nicht. Das Flugzeug bricht auseinander, die Passagiere können fliehen, er versucht noch einen eingeklemmten Jungen zu retten – die Maschine explodiert.

Schließlich noch – vom Band – eine vierte Geschichte. Ein Attentäter, der es gezielt auf Jugendliche abgesehen hat: Sie seien – schon früh indoktriniert – diejenigen, die in der Zukunft der Islamisierung Europas den Weg bereiten.

Alles ist erfunden — und doch irgendwie bekannt

Das alles ist erfunden und erinnert doch an tatsächliche Ereignisse: Etwa die Erschießung des rumänischen Herrscherehepaares Ceausescu und die Korruption, die das ehemals kommunistische Land bis heute beherrscht. An die Fotos von den Männern, die sich 1968 in Prag den russischen Panzern oder 1989 auf dem Pekinger Tianmen-Platz den Panzern der chinesischen Volksarmee entgegenstellten. Oder an den Attentäter von Oslo, der 2011 77 Menschen, vor allem Jugendliche in einem Zeltlager tötete. Aber hat der sich als Muslima verkleidet?

Etwas ist passiert. Etwas ist nicht passiert. Zwei Sätze, die mehrfach gesprochen werden. Erst im Nachhinein wird klar, welcher Satz zutrifft. Und wann er seine Wertigkeit erhalten hat.

Zwei Jahre lang lag das Stück beim Freien Werkstatt-Theater in der Schublade, erzählt Ko-Intendant Gerhard Seidel. Jetzt habe man es – passend zum Motto „Lüge und Wahrheit“ der aktuelle Spielzeit – endlich auf die Bühne gebracht. Es wurde Zeit – der Premierenbeifall nach 70 Minuten bestätigt ihn.

„Möglicherweise gab es einen Zwischenfall“ – die nächsten Vorstellungen: 4., 5., 16. und 17. November, jeweils 20 Uhr, Freies Werkstatt-Theater, Freies Werkstatt-Theater, Zugweg 10, 50677 Köln, Tel. 02 21 / 32 78 17, www.fwt-koeln.de.

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