Kultur Bühne

schauspiel_12122017

Manche Probleme lassen sich auch nicht mit Fäusten lösen: Jörg Ratjen, Peter Miuklusz und Melanie Kretschmann (v.l.) in „Heimwärts“.

Premiere im Schauspiel: „Heimwärts“ – oberflächlich, aber munter inszeniert

Köln | Nichts geht mehr am Grenzübergang von Bulgarien in die Türkei. Gefangen in Bürokratie und internen Streitigkeiten wartet das Quartett auf das nötige Formular. Im neuen Theaterstück „Heimwärts“ von Ibrahim Amir geht es – grotesk überdreht – um das Konstrukt Heimat. Jetzt wurde die Uraufführung in der Außenspielstätte des Schauspiels begeistert gefeiert.

Noch vor einem Jahr nahmen zehntausende Flüchtlinge den Weg von Ost nach West. Sie mussten ihre Heimat verlassen. Hussein (Axel Pape im kurzen OP-Kittel, in schon oft erzählten Kriegserinnerungen schwelgend, zwischen quengelnd, besserwisserisch und weise schwankend) will dagegen zurück in seine Heimat, die er vor 45 Jahren Richtung Wien verlassen hat: Der Krebskranke will an den Ufern des Euphrat sterben. Begleitet wird er von seinem Neffen Khaled (Peter Miklusz als einziger „Normaler“ am Chaos verzweifelnd). Den hat er auch an die Donau gelockt, Medizin sollte er studieren – doch gewählt hat er Physik.

Die Transe Simone mischt das Quartett auf

20.000 Euro hat Khaled Osman (Jörg Ratjen versucht als Vertreter einer integrierten westeuropäischen Mittelklasse den Spagat zu großzügiger orientalischer Schludrigkeit) für den Transport bezahlt, der Arzt soll auf den Onkel aufpassen und mit seinen Sprachkenntnissen alle bürokratischen Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Mit dabei auch Osmans Geliebten, die transsexuelle Simone (zickig, selbstbewusst, launisch und mit einem Herz für die Unterdrückten dieser Welt : Melanie Kretschmann, die mit ihrer weißen Disco-Kleidung so gar nicht in diese Transitzone passt).

Das Dumme an der Situation ist, dass der Onkel schon vor Überschreiten der Grenze gestorben ist – was ihn nicht daran hindert, sich immer wieder zu Wort zu melden. Wie aber soll ein Toter das notwendige Einreiseformular ausfüllen? So sitzen sie da und warten in der heruntergekommenen Grenzstation. Es dauert einige Zeit, bis der Grenzbeamte (Yuri Englert mit aufreizender Lässigkeit, charmant und gerissen) nicht nur auftaucht, sondern auch feststellt, dass dieses Formular gar nicht nötig ist.

Der Beamte outet sich als Hitler-Fan

Bis es so weit ist, schwärmt er von Hitler und macht mit radebrechendem Englisch und liebestollem Blick Simone an. Bis die sich als Transe outet. Während er in einen kafkaesk langen Flur verschwunden ist, um die Formalitäten zu klärten, setzt sich ein Unbekannter zu den Wartenden und stellt sich als Bekir vor. Weil er Deutsch spricht – „Ich komme aus Köln“ – streiten die Vier ungebremst über Politik, insbesondere über die türkische gegenüber Minderheiten.

Da gibt sich Bekir (selbstherrlich Niklas Kohrt) als Polizeichef zu erkennen und vermutet ein Komplott gegen den Staatschef. Im Grenzübergang unterzieht er die drei Lebenden einem blutigen Verhör. Das wird jäh von Gewehrschüssen unterbrochen: ein Putsch! Ein Putsch? Um diese Zeit? Ja, ein Putsch!

Das sei der richtige Zeitpunkt, um sein Türkischsein unter Beweis zu stellen, ermutigt der Beamte seinen Chef, sich an die Spitze des Putsches zu stellen. Was dieser dann auch mit einer Rede tut. Bis das Volk ihn zum Spion erklärt und von seinem Untergebenen erwürgt wird. Der will nun das Quartett über die Grenzen bringen, ehe man das Grenzhäuschen anzündet. Man geht auf sein Angebot ein. Dann ein Knall – und nach Überprüfung der eigenen Pulse stellen alle fest: Sie sind so tot wie Hussein. Der hat das letzte Wort und wünscht sich eine Sachertorte und eine Melange.

Das Stück kapituliert vor der Fülle der selbst gewählten Probleme

(Englische) Wortspiele, ein bisschen Slapstick, eine Boxeinlage umrahmen die Streitereien über Heimat, über Geschlechterrollen, kulinarische und religiöse Unterschiede zwischen Euphrat und Donau oder politische Unterdrückung. Die werden so angekratzt, doch tiefer geht es nicht – letztlich kapituliert das Stück vor der Fülle der Probleme. Nur dank der munteren Inszenierung und der exzellenten Schauspieler wird es trotzdem zu einem unterhaltsamen Abend. Und bei der Premiere gab’s auch noch Beifall für den Autor. Und man denkt etwas wehmütig an „Habe die Ehre“ über den verlogenen Machismus türkischer Männer zurück, seine erste Auftragsarbeit für das Kölner Schauspiel.

„Heimwärts“ – die nächsten Vorstellungen: 15. und 22. Dezember, 6. und 19. Januar, jeweils 20 Uhr, Schauspiel Köln, Außenspielstätte am Offenbachplatz, Karten: Tel. 0221 / 22 12 84 00, Fax 0221 / 22 12 82 49, E-Mail: tickets@buehnenkoeln.de, dazu alle Vorverkaufsstellen von KölnTicket. Kartenservice mit Vorverkauf und Abo-Büro in der Opernpassage zwischen Glockengasse und Breite Straße.

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