Kultur Bühne

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Die Schweizer planen den erfolgreichen Aufstand – auch ohne Wilhelm Tell. Foto: Tommy Hetzel / Schauspiel Köln

Premierenkritik: „Wilhelm Tell“ begeistert im Schauspiel

Köln | Den aufrechten Gang gewährt Schauspiel-Chef Stefan Bachmann seinen unterdrückten Schweizern erst zum Schluss: Gut 100 Minuten müssen sie sich in seinem „Wilhelm Tell“ durch niedrige Gänge quälen. Um so größer die Freude über die schließlich errungene Freiheit – und Beifall, Bravorufe und Begeisterungspfiffe des Premierenpublikums ist dem gesamten Ensemble sicher.

Bachmann beweist wieder einmal seinen Sinn für das große, eindrucksvolle Bild. Dem Publikum knallt er eine bühnenfüllende Holzwand vor die Nase. Darin – nach vorne offen – ein Schacht und eine Strecke. In der Mitte kreuzen sie sich und erinnern so an das Schweizer Wappenkreuz. In der Waagrechten wird gekrochen, die Senkrechte nach oben und unten gekraxelt. Das Schweizer Publikum – es kam schon in den Genuss dieser Co-Produktion mit dem Basler Schauspiel – mag darin ein Symbol für Berge sehen, hierzulande erinnert es eher an die Fron in einem Bergwerk.

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Im Dunkeln ist gut Munkeln: Wilhelm Tell (Bruno Cathomas, r.) und Werner Stauffacher (Robert Dölle) beraten die politische Lage. Foto: Tommy Hetzel / Schauspiel Köln

Die Freiheit war einmal vor langer Zeit – dann kamen die Habsburger

Denn um Fron, um die Unterdrückung durch die Habsburger geht es. Wovon sich die Schwyzer, die Unterwaldener und die Bewohner von Uri befreien wollen. Waren sie doch einmal ein freies Volk – geht’s nach den Kostümen, muss das schon lange her sein (um so schmerzlicher die Nostalgie). In ihren Pelzjacken erinnern einige eher an Höhlenmenschen, an sibirische Schamanen hinter ihren Tiermasken. Aber gut: Auch ein Lederhöschen darf getragen werden.

Männer kämpfen für die Freiheit, doch mancher muss von seiner Frau (die ist dafür mit einem stolzen weißen Hahnenkamm auf dem Kopf folkloristisch kostümiert – und wird hier von einem Mann gespielt) zum Kampf getragen werden. Die Verschwörer hätten gerne auch Wilhelm Tell (Bruno Cathomas) dabei, wenn sie sich zum Schwur vom „einzig Volk“ treffen und den Aufstand planen. Der ist zwar auch gegen die Herrschaft der Habsburger, aber eher als anständige Privatperson. Als solche rettet er gleich zu Beginn einen Landsmann aus den Fängen der Schergen.

Wilhelm Tells individuelle Rache hat politische Folgen

Individueller Widerstand auch, als er nach dem erfolgreichen Schuss durch den Apfel auf dem Kopf seines Sohnes (Merke: Auch ein Schuss mit der Ambrust knallt gehörig) trotzdem von Reichsvogt Gessler (Thiemo Strutzenberger) in Haft genommen wird. Er entkommt und nimmt in der hohlen Gasse persönliche Rache. Gesslers Tod aber ist der Startschuss für den schließlich erfolgreichen blutigen Aufstand. Der bringt nicht nur die Freiheit, sondern auch eine Neubürgerin: Die Habsburgerin Berta von Bruneck läuft über.

Sie erinnert in ihrem letzten Auftritt an eine Spanierin, besser Katalanin – ob Bachmann damit schon frühzeitig auf die Unabhängigkeitsbewegung der Katalanen angespielt hat? „Wilhelm Tell“ wurde immer wieder für die unterschiedlichsten politischen Positionen instrumentalisiert. Dem will sich Bachmann – so erklärt er es im Programmheft – entziehen. Denn Gut und Böse benötigten einander, das eine sei nicht ohne das andere denkbar. Und er greift zu einem grandiosen Trick: Zum Schluss tauschen die Schauspieler ihre Kontrahenten-Rolle: Bruno Cathomas spielt den Gessler, Thiemo Strutzenberger wird zum Tell.

Das Bühnenbild also und hervorragende Schauspieler. Neben Cathomas und Strutzenberger sind das Elias Reichert, Max Rothbart, Thomas Preisinger, Wolfgang Pregler, Justus Maier, Nicola Mastroberardino, Simon Kirsch, Robert Dölle. Sie spielen alle Rollen – auch die der Frauen. Eine subtile Kritik an der Männerherrschaft in der Politik.

Schillers Sprache: zuerst aufgesetzt, dann zunehmend mitreißend

Drittes herausragendes Merkmal dieser Inszenierung ist die Sprache. Bachmann hält bis zum Schluss an Schillers Versmaß fest. Zunächst erscheint es künstlich und aufgesetzt, von einem Metronom im Takt gehalten. Doch zunehmend wird sie zum mitreißenden Fluss, insbesondere, wenn Trommelschläge sie begleiten oder andere Instrumente sie vorantreiben. Dann klingen selbst so abgelutsche Zitate wie „Der Starke ist am mächtigsten allein“, „Der kluge Mann baut vor“ oder „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt“ plötzlich frisch und kraftvoll. Das alles mit einfachen, klaren Mitteln, ohne jede krampfhafte „Modernisierung“.

Dieser „Wilhelm Tell“ wischt allen Staub weg, der sich über die Erinnerung an zähe Interpretationen in noch zäheren Deutschstunden über die Erinnerung gelegt haben mag.

„Wilhelm Tell“ – die nächsten Vorstellungen: 19. und 30. November, 16. , 17. (16 Uhr) und 19. Dezember, jeweils 19.30 Uhr, Schauspiel Köln, Depot 1 im Carlswerk, Schanzenstr. 6-20, 51063 Köln-Mülheim, Karten: Tel. 0221 / 22 12 84 00, Fax 0221 / 22 12 82 49, E-Mail: tickets@buehnenkoeln.de, dazu alle Vorverkaufsstellen von KölnTicket. Kartenservice mit Vorverkauf und Abo-Büro in der Opernpassage zwischen Glockengasse und Breite Straße.

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