Kultur Bühne

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Hoch her geht’s, wenn Russen feiern. Auch im Schauspiel bei „Ein grüner Junge“. Foto: Thomas Aurin / Schauspiel

Schauspiel: Frank Castorf zieht „Ein grüner Junge“ über sechs Stunden

Köln | Vor 29 Jahren war Star-Regisseur Frank Castorf mit „Hamlet“ schon einmal in Köln. Jetzt kam er wieder ins Schauspiel und inszenierte „Ein grüner Junge“, einen Roman von Fjodor Dostojewski. Er zog alle Register einer großen Bühnenshow – doch nicht alle Premierenzuschauer hielten die sechs Stunden im Depot 1 durch.

Denn inhaltlich serviert Castorf schwere, verwirrende Kost. Da hilft nicht einmal der Blick ins Programmheft, Seite „Zum Stück“ so richtig weiter. Elf Schauspielerinnen und Schauspieler teilen sich abwechselnd–zig Rollen. So viele, dass diese nicht einzeln aufgeführt werden. Aus Platzgründen, heißt es. Da – wie zu lesen ist – auch der 1875 erschienene Roman verwirrend und komplex ist, handelt es sich offensichtlich um eine werktreue Inszenierung.

Ein Junge auf der Suche nach seinem Vater – und nach Reichtum und Macht

Es geht – grob zusammengefasst – um das Erwachsenwerden des pubertierenden Arkadij (Nikolay Sidorenko), eben des „grünen Jungen“. Er ist das uneheliche Kind eines russischen Landadligen, der auf der Suche nach seinem leiblichen Vater ist. Er findet ihn in St. Petersburg in der Welt der Bordelle, der Börsenspekulanten und Spielcasinos. Es wird diskutiert, über Nächstenliebe, die Rolle der Frau und – ganz aktuell – die Stellung Russlands in Europa und der Welt.

Zentrales Thema aber ist Geld, denn Arkadij will reich werden, reich wie ein Rothschild – ein Plakat mit dessen Namen und Porträt schwebt als Verheißung und Ansporn im Hintergrund. Geld würde dem ausgestoßenen „Bastard“ Macht und Anerkennung bringen. Stattdessen muss er sich mit Spielschulden herumschlagen. Und mit dem Vater, der dieselbe Frau liebt wie er.

Per Live-Kamera wird gezeigt, was sich der direkten Sicht entzieht

Die Hälfte der Bühnenhandlung spielt sich in oder gar hinter der Kulisse ab. Was da passiert, wird per Live-Kamera auf eine große Leinwand übertragen. So sieht das Publikum auch wie es in der Holzvilla und dem danebenliegenden „Gasthaus“ aussieht. In dem einen steht unter anderem eine Sonnenbank, ein Sofa, und an der Wand hängt eine Ikone. Im anderen stehen ein Billardtisch, ein Lada mit einem Kanu obendrauf und ein langer, gedeckter Tisch.

Auf der Leinwand erscheint – allerdings nicht immer – auch die Übersetzung, wenn eine Lebedame aus Frankreich auf Französisch philosophiert. Auch des Schwyzerdütsch, des Englischen und Russischen sollte das Publikum mächtig sein. Nikolay Sidorenko, in Moskau geboren und durchgehend in der Rolle des Arkadij, kann Letzteres perfekt.

Durch die Live-Kamera erlebt das Publikum natürlich auch die Handlung mit. Wenn dabei die Köpfe der Akteure im Großformat erscheinen, ist das durchaus beeindruckend. Nicht nur, wenn sie schreien, was sie – so will es Castorf – überwiegend tun. Haben sie sich in der Kulisse ausgetobt, kommen sie nach „draußen“ und machen auf der Straße weiter: streiten, tanzen, boxen, demonstrieren, sich verprügeln und lieben.

1875 gab’s in St. Petersburg schon Autobusse und Telefon

Alles im Schein einer Straßenlaterne, geschmückt mit einem Schild „Autobus“ in kyrillischen Buchstaben. Wenn es sein muss, steht ihnen auch eine moderne öffentliche Plexiglas-Telefon-Halbkugel zur Verfügung. Ein bisschen Moderne muss sein und macht Vergnügen. Auch wenn Castorf Aktuelles einbezieht. Etwa einen tatsächlich kurz vor der Premiere stattgefundenen Kabelklau, der den Eisenbahnverkehr zwischen Aachen und Lüttich lahmlegte. Dann darf über das Missverständnis Kabelklau vs. Kabeljau gekalauert werden. Die Lacher sind garantiert.

Und ganz so ernst meint es Castorf ja wohl auch nicht immer. Ensemble-Mitglied Bruno Cathomas Schauspiel darf sich für seine offensichtlich Heiserkeit entschuldigen, eine Kollegin den Mann mit dem Mikrophon von der Bühne schicken. Auch dass sich nach der Pause die Plätze sichtlich gelichtet haben, ist einen Kommentar von der Bühne wert, von Anspielungen auf den Kinderreichtum des Regisseurs ganz zu schweigen.

Das Ensemble muss sechs Stunden durchhalten, der Zuschauer nicht

Sechs Stunden Theater, eine halbe Stunde Pause inbegriffen, sitzt ein wahrer Castorf-Fan locker auf einer Arschbacke ab. Selbst wer früher geht – und das war über den Daumen geschätzt jeder Fünfte –, hat zumindest ein Ensemble in Hochform gesehen: Sophia Burtscher, Bruno Cathomas, Melanie Kretschmann, Nicolas Lehni, Sean McDonagh, Peter Miklusz, Mathias Oster, Tiphaine Raffier, Nikolay Sidorenko, Sabine Waibel und Ines Marie Westernströer.

Schließlich bietet Castorf – je nach Zeitpunkt des Gehens – schöne Bilder, Pepsi-Cola-Reklame und einen gefühlvollen Einspielfilm (Arkadij als kleiner Junge, den seine Altersgenossen wegen seiner Unehelichkeit verprügeln und dessen Stiefvater von der Polizei abgeholt wird). Und viel laute Musik. Bis zum Ende muss bleiben, wer Bob Dylans „The times they are a-changing“ mitsummen will. Ein in jeder Hinsicht melancholischer Schlussakkord.

„Ein grüner Junge“ – die nächsten Vorstellungen: 10. und 11. November, jeweils 18 Uhr. Schauspiel Köln, Depot 1 im Carlswerk, Schanzenstr. 6-20, 51063 Köln-Mülheim, Karten: Tel. 0221 / 22 12 84 00, Fax 0221 / 22 12 82 49, E-Mail: tickets@buehnenkoeln.de, dazu alle Vorverkaufsstellen von KölnTicket. Kartenservice mit Vorverkauf und Abo-Büro in der Opernpassage zwischen Glockengasse und Breite Straße.

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