Kultur Bühne

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Ein Moment der Zärtlichkeit: Elias Reichert und Laura Friedmann in „Draußen vor der Tür“. Foto: Ana Lukenda / Schauspiel

Schauspiel zeigt Borcherts Klassiker „Draußen vor der Tür“

Köln | Er hat Stalingrad und drei Jahre Kriegsgefangenschaft überstanden. Jetzt ist der deutsche Soldat Beckmann wieder zu Hause – doch die niemand will von seinem Schicksal hören. Wolfgang Borcherts 50 Jahre altes Nachkriegsdrama „Draußen vor der Tür“, jahrzehntelang Pflichtlektüre in den Schulen, wird jetzt im Schauspiel gespielt, von Charlotte Sprenger überraschend aktuell inszeniert.

Wer will heute noch etwas von Beckmann wissen? Den Kriegsheimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg quält seine persönliche Schuld – der Unteroffizier hat auf einem Streifengang elf der ihm anvertrauten 20 Soldaten verloren. Ein leichenblass geschminkter Elias Reichert spielt ihn mit einer Verzweiflung, die Mitgefühl weckt. Die Verantwortung dafür will er nun zurückgeben. Doch niemand will ihm zuhören. So plant er den Selbstmord in der Elbe. Doch die will ihn nicht, schickt ihn zurück. In einer Talkshow soll er auftreten.

Drei wirkmächtige Frauen verkörpern die Elbe: Laura Friedmann, Margot Gödrös und Sabine Orleans. In bunte Wallekleider gehüllt, übernehmen sie nicht nur Teile von Beckmanns Rolle, sondern vor allem die anderen Personen, denen Beckmann in der folgenden „Talkshow“ begegnet. Bei seiner Suche nach Verwandten und Bekannten durch das zerstörte Hamburg begegnen ihm unter anderem seine Frau, ein Einbeiniger. Es sind die „Anderen“, die Ja-Sager von damals, die alle ihr persönliches Schicksal beklagen – und immer wieder über das von Beckmann in schallendes Gelächter ausbrechen.

Die Überlebenden des Kriegs sind in einer Erinnerungsblase gefangen

Dass die Kriegsfolgen, unter denen sie leiden, Folge der menschenverachtenden NS-Machtpolitik sind und damit auch ihres Mitläufertums – das ist für sie kein Thema. Und war es auch für Borchert nicht – schon gar nicht der Holocaust. Eine große Plastikplane unter der Decke senkt sich allmählich auf die vier Akteure ein, hüllt sie in eine Blase der Erinnerung, aus der kein Entkommen ist. In dieser Blase thront auch der Oberst. Er hatte Beckmann den Befehl für die verhängnisvolle Aufklärungspatrouille gegeben – verantwortlich fühlt er sich nicht.

Sabine Orleans in dieser Rolle ist einer der Höhepunkte dieser Inszenierung. Genüsslich schält sie einen Apfel, während sie selbstherrlich Beckmann abkanzelt. Er solle gefälligst vergessen, nicht „unmännlich“ sein, schließlich sei er Soldat gewesen. Vor allem: „Dieser Krieg ist doch nur ein Vogelschiss in unserer eintausendjährigen deutschen Geschichte“, legt ihm Sprenger einen Satz des AfD-Vorsitzenden Gauland in den Mund.

Kinder und Narren sagen die Wahrheit – doch Fake News scheinen stärker

Eine kleine Spitze, mit der Sprenger Borchert in die Gegenwart holt. Wie schon mit dem Bühnenbild: Die sechs Kugelzelte, in denen sich das Ensemble verkriechen kann, erinnern an die inzwischen aufgelösten Flüchtlingslager an Frankreis Kanalküste – auch die ein Zufluchtsort für verzweifelt Heimat Suchende. Und auch der Auftritt eines kleines Mädchens (Premierenkind Ruth Grubenbecher wechselt sich mit Ida Dayl ab) statt des ursprünglichen Kabarett-Direktors lässt sich als Hommage an die „68er“-Generation lesen: Die Jugend, die Nachkriegsgeborenen waren es vor 50 Jahren, die die Verstrickung ihrer Eltern in die NS-Politik zum Thema machten und die damit verbundenen Erinnerungstabus aufbrachen.

Zu wenig Esprit, zu wenig Erotik habe Beckmanns Show, kritisiert das Mädchen im Harlekin-Kostüm (schon der Volksmund weiß: Kinder und Narren sagen die Wahrheit). Und dessen Einwand, er erzähle nur die Wahrheit kontert es als Vertreterin der Gegenwart: „Wer will denn heute etwas von der Wahrheit wissen? Mit der Wahrheit hat die Kunst nichts zu tun.“ Von der aktuellen Macht der Fake News konnte Borchert noch nichts ahnen.

„Warum hört ihr mich denn nicht?“ ruft ein verzweifelter resignierender Beckmann am Schluss – vielleicht nach seinem doch erfolgreichen Selbstmord von Beginn. Das Kölner Publikum sollte ihn – dank Sprenger – gehört haben.

„Draußen vor der Tür“ – die nächsten Vorstellungen: 30. Oktober, 2., 10., 22. und 29. November, jeweils 20 Uhr. Schauspiel Köln, Außenspielstätte am Offenbachplatz, Karten: Tel. 0221 / 22 12 84 00, Fax 0221 / 22 12 82 49, E-Mail: tickets@buehnenkoeln.de. Kartenservice mit Vorverkauf und Abo-Büro in der Opernpassage zwischen Glockengasse und Breite Straße.

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