Kultur Bühne

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Volker Hein mit Tante Milla, die sich über den täglichen Besuch des Kaplans freut.| Foto: Metropol-Theater

Täglich grüßt der Tannenbaum: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ im Metropol-Theater

Köln | Tante Milla glaubt, jeder Tag sei Heilig Abend. Also versammelt sich die Familie täglich unterm Tannenbaum, auch im Hochsommer. Irgendwann liegen die Nerven jedoch blank. Das Metropol-Theater zeigt die satirische Erzählung „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ von Heinrich Böll als sehr kurzweilige Erzähl-Theater-Inszenierung.

Jedes Jahr im September geht ein Aufschrei durchs Land: Schon wieder sind Lebkuchen im Laden, und jedes Jahr wird Weihnachtsgebäck noch früher als sonst verkauft. Gleichzeitig muss es Menschen geben, die Spekulatius und Dominosteine bei spätsommerlichen Temperaturen genießen wollen. Oder müssen – so wie die Familie von Tante Milla. Die scheint dement zu sein, berichtet der namenlose Ich-Erzähler, dargestellt von Volker Hein.

Einmal an Maria Lichtmess fing Tante Milla zu schreien an, als der Weihnachtsbaum vor die Tür geworfen wurde. Sie hörte erst auf, als ihr eine „Tannenbaum-Therapie“ verschrieben wurde: Ein neuer Baum wurde gekauft und die Familie spielt jeden Tag Heiligen Abend – inklusive Pfarrer, Geschenken, Lebkuchen, Stille Nacht und dem sprechenden Christbaumschmuck.

Die nicht anwesenden Charaktere bekommen ein Comic-Gesicht

Zum 100. Geburtstag des Kölner Schriftstellers Heinrich Böll zeigt das Metropol-Theater eine Bühnenfassung der satirischen Erzählung „Nicht nur zur Weihnachtszeit“. Volker Hein berichtet anmutig und mit dem nötigen Augenzwinkern von seiner Familie, die nach und nach müde wird vom täglichen Weihnachtsschauspiel.

So lässt er als Erzähler die nicht anwesenden Verwandten in den Köpfen der Zuschauer entstehen. Die Cousine Luzie etwa, die sogar ans Auswandern in ein Land denkt, in dem die Einfuhr von Tannenbäumen verboten ist. Irgendwann engagiert jedes einzelne Familienmitglied einen Mimen, um selbst dem Weihnachtswahnsinn zu entkommen. Dabei unterstützt ihn das Bühnenbild, das vor allem aus Pappaufstellern der einzelnen Personen entsteht, die Hein eine nach der anderen umdreht und so dem vorher beschriebenen Charakter ein (Comic-)Gesicht verleiht.

Eine kurzweilige Inszenierung – auch für nach Weihnachten

Die Geschichte ist so unterhaltsam, weil sich wohl alle damit identifizieren können: Weihnachten ist eine besondere und besinnliche Zeit, doch gleichzeitig ein Wahnsinn, den wir nicht häufiger als einmal im Jahr ertragen können. Müssten wir die jährliche Dosis Weihnachten täglich zu uns nehmen, würden wir bald verrückt werden.

Doch Bölls Erzählung, geschrieben im Jahr 1952, hatte eine über die Unterhaltung hinausgehende Intention: Er wollte kritisieren, dass seine Zeit eher die Bewahrung als die Erneuerung zum Ziel hatte. Böll wehrte sich insbesondere gegen die mangelnde Aufarbeitung der NS-Geschichte. Womöglich hätte Regisseur H.P. Katzenburg diese Kritik Bölls aufgreifen und aktualisieren können. Björn Höckes Forderung nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ hätten aktueller Ausgangspunkt dazu sein können.

Doch auch ohne politische Seite ist „Nicht nur zur Weihnachtszeit“, vor allem dank des sympathischen Erzählers Volker Hein, eine kurzweilige Inszenierung. Zum Glück zeigt sie das Metropol-Theater auch nach Weihnachten. Da können die Zuschauer erst recht froh sein, den Wahnsinn – anders als die Familie von Milla – erst einmal hinter sich zu haben.

„Nicht nur zur Weihnachtszeit“ – die nächsten Vorstellungen: 21. Dezember, 11., 12., 27., 28. Januar, jeweils 20 Uhr, 27. und 28. Januar auch 16 Uhr. Metropol-Theater, Eifelstraße 33 50677 Köln.

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