Kultur Bühne

ehu_15_11_17

„Alles, was ich nicht erinnere“: Zunächst liegt es auf dem Boden, dann schwebt das Herz über dem Ensemble.

Uraufführung im Schauspiel: „Alles, was ich nicht erinnere“

Köln | Wer war Samuel, der mit 26 Jahren gegen einen Baum gefahren ist? Genauer: Wie oder was war der Tote? Welches Bild hat Samuel hinterlassen? Wissen will das ein Journalist und fragt nun die Hinterbliebenen. „Alles, was ich nicht erinnere“ betreibt diese Erinnerungsarbeit. Jetzt hatte das Stück nach einem Roman des Schweden Jonas Hassen Khemiri im Schauspiel seine Uraufführung.

Nach einem Begräbnis gibt es den guten Brauch des „Leichenschmaus“: Dann können alle noch einmal ihre Erlebnisse und Eindrücke des verstorbenen Revue passieren lassen. Und der Volksmund weiß auch: Tot ist jemand erst, wenn sich keiner mehr an ihn erinnert. In „Alles, was ich nicht erinnere“ ersetzt der nicht anwesende, gleichwohl immer wieder angesprochene, aber nie antwortende Journalist, diese beiden Funktionen.

Mutter, ehemalige Freundinnen und der beste Freund sind die „Hauptzeugen“

Die Mutter, zwei ehemalige Freundinnen und der beste Freund sind die „Hauptzeugen“ dieser Recherche (gespielt werden sie von Ines Maria Westernströer, Elisa Schlott, Sophia Burtscher und Johannes Bennecke: grotesk kostümiert, aber jederzeit überzeugend). Und jede gibt ein anderes Bild, teilweise widersprechen sie sich, sind aber in sich immer stimmig. Und auch Samuel entspricht jeder dieser Erinnerungen: Max Bretschneider spielt ihn und wird dabei immer die Person, als den ihn die anderen in Erinnerung haben.

Aber ist er das tatsächlich oder hat er nur die Erwartungen der anderen erfüllt? Wie gut war er als Liebhaber, wie ernst nahm er die Freundschaften, war er großzügig oder hat er andere ausgenutzt, war er neugierig, verschlossen, cool? War er vielleicht sogar schwul, weil er mit seinem besten Freund zusammenlebte, der ihn ausnahm und betrog? Das Bild von Samuel verdichtet sich und löst sich sofort wieder auf.

Hat jemand Samuel in den Selbstmord getrieben?

Schließlich die Frage: War es ein Unfall oder Selbstmord? Und wenn es ein Selbstmord war, wer ist schuld? Die Freundinnen, die ihn verlassen haben? Oder ist er aus Angst vor dem Altwerden – seine Oma stand am Anfang der Demenz – in den Tod gerast?

Und das riesige Herz, anatomisch perfekt, das die Mitte der Bühne beherrscht, atmet, raucht und lässt die Tränen nur so fließen. Rot ist es, rot ist auch die Folie im Hintergrund, in der sich das Geschehen spiegelt. Rot wie die Farbe der Liebe – denn so unterschiedlich Samuel in der Erinnerung auch erscheint, am Ende sind sich alle einig: Leben heißt sterben lernen, Leben heißt sich entfernen. Mit bleibendem Groll, so scheint es, denkt keiner an Samuel zurück.

„Alles, was ich nicht erinnere“ – die nächsten Vorstellungen: 18. November, 2., 17. und 19. Dezember, jeweils 20 Uhr, Schauspiel Köln, Außenspielstätte am Offenbachplatz, Karten: Tel. 0221 / 22 12 84 00, Fax 0221 / 22 12 82 49, E-Mail: tickets@buehnenkoeln.de, dazu alle Vorverkaufsstellen von KölnTicket. Kartenservice mit Vorverkauf und Abo-Büro in der Opernpassage zwischen Glockengasse und Breite Straße. 

Zurück zur Rubrik Bühne

Zurück zur Startseite

Weitere Nachrichten aus Bühne

haenneschen_29_03_17

Köln | Derzeit grassiert innerhalb der Belegschaft des Hänneschen-Theaters am Eisenmarkt eine Krankheitswelle. Dennoch sollen die Vorstellungen am heutigen Freitag und morgigen Samstag stattfinden.

18052018_HarryPotterII_WarnerBros

Köln | Die Erfolgsgeschichte geht weiter: Fliegende Autos, gemeingefährliche Bäume und die Warnung eines mysteriösen Hauselfen – so beginnt Harry Potter das zweite Schuljahr in der faszinierenden Welt der Zauberei.

bauturm_ehu_16052018

Köln | Geplant war es nicht, aber das Ergebnis spricht für sich und schärft das Image des Theaters im Bauturm für ein originäres Programm mit zeitaktuellen Bezügen: Die für die kommende Spielzeit 2018/19 ausgesuchten Premieren sind ausschließlich eigene Roman-Dramatisierungen beziehungsweise eigene Stücke.

icons_sm_12092015w

Facebook     |     Twitter     |     RSS