Kultur Bühne

27032018_Woyzeck

Woyzeck (Sean McDonagh) hat seine Geliebte Marie (Indes Marie Westernströer) umgebracht. Foto: Tommy Hetzel / Schauspiel

„Woyzeck“ im Schauspiel: karg, laut und mitreißend

Köln | Ein Fließband und zwei weiße Wände bestimmen das Bild, sonst ist die Bühne leer. Auch Requisiten brauchen die sechs Schauspieler nicht. Allein auf deren Darstellungskraft setzt Therese Willstedt, wenn sie im Schauspiel Georg Büchners „Woyzeck“ inszeniert. Dazu auf Musik und große Schatten.

Köln | Es ist die Geschichte eines einfachen Menschen, des Soldaten Franz Woyzeck (Sean McDonagh). Auf der untersten Stufe nicht nur der militärischen Hierarchie wird er ausgenutzt, zum Werkzeug skrupelloser Wissenschaftler, wird verlacht und verspottet. McDonaghs Spiel lässt keinen Zuschauer kalt: Ein dürres Gestell steht da, von Wahnvorstellungen geplagt. Mit spastischen Bewegungen, glasig-verklärten Augen und immer wieder brechender, hoher Stimme sucht der Verzweifelte seinen Platz in der Welt – hilflos bis zur Selbstzerstörung. Hilflos ist da auch sein Freund Andres (Justus Maier): Rührend seine Versuche, Woyzeck mit Singen aufzumuntern – alles vergeblich.

Gequält vom Vorgesetzten, missbraucht für medizinische Experimente

Gequält und ausgegrenzt wird Woyzeck von seinem Hauptmann (Robert Dölle): Der schwadroniert Philosophisches vom guten Mensch, ist dabei bloß ein Vorgesetzter, der seine Macht brutal ausnutzt. Gequält und missbraucht wird Woyzeck vom Doktor (Jörg Ratjen), einem schleimigen, skrupellosen Wissenschaftler: Für ihn ist der Soldat nichts anderes als ein Versuchskaninchen, an dem er seine Erbsendiät testen und den er dann als wissenschaftlichen Erfolg vorführen kann. Schließlich der schneidige Tambourmajor (Simon Kirsch): ein Macho par excellence, verliebt in sich und seine Uniform,.

Kein Wunder, dass sich Marie (Ines Marie Westernströer) von ihm mehr angezogen fühlt als von Woyzeck, mit dem sie seit zwei Jahren das gemeinsame Kind pflegt. Mit dem Tambourmajor könnte wohl eher der erträumte gesellschaftliche und ökonomische Aufstieg gelingen. Ihre sexuelle Begierde könnte er wohl ebenso stillen – denn auch hier ist bei Marie viel Luft nach oben. Doch dazu kommt es nicht – beim letzten Treffen zwischen ihr und Woyzeck wird dieser zum Mörder – und bleibt einsam im Dunkeln zurück.

Vom Fließband unaufhaltsam ins Nichts befördert

Zuvor aber hat ein anderer „Hauptdarsteller“ wieder ins Spiel eingegriffen: Das Fließband. Es bewegt sich langsam vor und zurück. Wer auf ihm steht – und das ist vor allem Woyzeck – kann sich gegen dessen Laufrichtung bewegen – er wird nie von der Stelle kommen. Und wer sich anpasst, den trägt es an den Abgrund. Wie zum Schluss die tote Marie, die es nach hinten ins Nichts befördert – aufgesogen vom Trichter, den die weißen Wände rechts und links bilden.

Es ist ein eindrucksvolles Schlussbild einer insgesamt „kargen“ Inszenierung, die sich auf das Wesentliche konzentriert, auf viele Nebenrollen verzichtet und auf folkloristisches Deko. Nicht aber auf Musik, die oft an der akustischen Schmerzgrenze das Geschehen nach vorne treibt. Am Schluss langer Premierenbeifall für das ganze Team.

Woyzeck“ – die nächsten Vorstellungen: 5., 21., 28. und 29. April, jeweils 19.30 Uhr. Schauspiel Köln, Depot 1 im Carlswerk, Schanzenstr. 6-20, 51063 Köln-Mülheim, Karten: Tel. 0221 / 22 12 84 00, Fax 0221 / 22 12 82 49, E-Mail: tickets@buehnenkoeln.de, dazu alle Vorverkaufsstellen von KölnTicket. Kartenservice mit Vorverkauf und Abo-Büro in der Opernpassage zwischen Glockengasse und Breite Straße.

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