Kultur Kunst

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„Die Geburt des Menschen“ empfängt den Besucher der Ausstellung. Das Mosaik soll später einen würdigen Platz in der sanierten Oper finden

Museum Ludwig ehrt den verfemten Künstler Otto Freundlich

Köln | Mit der Ausstellung „Kosmischer Kommunismus“ leistet das Museum Ludwig eine überfällige Wiedergutmachung für Otto Freundlich (1878-1943), der von den Nazis als Jude, Kommunist und „entarteter“ Künstler verfolgt und ermordet wurde. Ein Künstler, der auch in Köln arbeitete – und dessen Mosaik „Geburt des Menschen“ in der Nachkriegsoper geflissentlich übersehen wurde.

Zwar gab es schon 1960 eine Retrospektive im Wallraf-Richartz-Museum, doch ihre Wirkung verpuffte trotz guter Kritiken. Jetzt also ein neuer Anlauf mit rund 80 Exponaten. Sie zeigen zum einen die Vielfalt des Materials und der Techniken des Künstlers: Terrakotta, Druckgrafiken, Glasfenster, Mosaik, Teppiche, Malerei, Gips – zur Umsetzung in Bronze fehlte Freundlich (1878-1943) zeitlebens das Geld, alle Abgüsse entstanden posthum.

„Die Geburt des Menschen“ hing bislang in der Oper – und fiel kaum einem auf

Eines seiner wichtigsten Werke entstand 1919 in Köln: Das Mosaik „Die Geburt des Menschen“. Der Tabakhändler Hans Feinhals hatte es bestellt, dann zwar bezahlt, aber nicht angenommen. Hätte der progressive Malerkollege Seiwert das Bild nicht in einem Lager verwahrt, hätte es den Zweiten Weltkrieg wohl nicht überstanden. Feinhals’ Witwe schenkte es später der Stadt, danach hing es eher unbeachtet in der neuen Riphahn-Oper. Jetzt kann es seine expressive Strahlkraft im Museum zeigen.

Sein bekanntestes Werk dürfte wohl die Gips-Skulptur „Großer Kopf“ sein: Dessen Foto eröffnete den Führer zur Wander-Ausstellung „Entartete Kunst“, mit der die Nazis ab 1937 moderne Künstler diffamierten und für hohlen Nationalpathos in der Kunst warben. Freundlichs Arbeit – wohl von den Figuren auf den Osterinseln inspiriert – titelten sie dafür in „Der neue Mensch“. Was bei der Vorbereitung dieser Ausstellung herauskam: Irgendwann muss das Original zerstört worden sein und ist seitdem verschollen, stattdessen wurde eine mehr als plumpen Nachbildung eingesetzt.

In Paris setzten sich die Stars der Kunstszene für ihren Kollegen ein

Welche Anerkennung Freundlich bei seinen Künstlerkollegen zu dieser Zeit tatsächlich genoss, zeigt 1938 in Paris – hierher war 1924 aus Köln gezogen – der Aufruf zu einer Spendenkampagne. Mit dem eingehenden Geld konnte das damalige Pariser Museum Jeu de Paume seine Gouache „Hommage an die farbigen Völker“ kaufen, die jetzt als Leihgabe in Köln zu sehen ist. Unterschrieben wurde der Aufruf unter anderem von Pablo Picasso, Fernand Leger, Oskar Kokoschka, Alfred Döblin, Robert und Sonia Delauney sowie Georges Braque.

Nach dem Einmarsch der Deutschen kam er zunächst in ein Internierungslager, fand dann – kontrolliert von der französischen Polizei – Zuflucht in den Pyrenäen. Als die Deportation der Juden aus Frankreich begann, tauchte er unter, wurde denunziert und im März 1943 ins Vernichtungslager Majdanek oder Sobibor deportiert. Weder der genaue Ort noch sein Todestag ist bekannt.

Teile seiner Arbeit „überlebten“ in seinem Versteck, wurden später von seiner Lebensgefährtin Jeanne Kosnick-Kloss betreut. Noch 1941 hatte er aus dem Gedächtnis ein Werksverzeichnis erstellt. Doch der größte Teil seiner Arbeiten ist verschollen.

Die Ausstellung beginnt mit dem vom Jugendstil geprägten Frühwerk

Es sind leuchtend bunte, abstrakte Bilder, die sich aus der ursprünglich von Freundlich präferierten Glasfenstermalerei ableiten lassen. Es sind geometrische, sauber und ohne Konturen voneinander getrennte Flächen, sie ballen und lösen sich voneinander, streben nach oben, scheinen bisweilen zu schweben, eröffnen Blicke in die Tiefe. Dazu große, kubische Bronzeskulpturen. Eröffnet wird die chronologisch aufgebaute Ausstellung mit ornamentalen Druckgrafiken, die noch unter dem Einfluss des Jugendstil stehen, gefolgt von Porträtbüsten, in denen er sich langsam vom individuellen Vorbild löst.

Eine dieser Büsten war 2014 schon einmal in Köln zu sehen: Man fand sie vor sieben Jahren bei U-Bahn-Bauarbeiten vor dem Roten Rathaus in Berlin. Dort stand vor 1945 ein mehrstöckiges Gebäude, in dem das Reichspropagandamuseum ein Depot hatte und das von Bomben zerstört wurde.

Ob Freundlich einer kommunistischen Organisation angehörte, weiß man nicht. Bei seinen politisch-engagierten Kollegen stand aber er wohl nicht hoch im Kurs. John Heartfield, der Meister der antifaschistischen Collage, sagte über ihn, seine bunten Farben würden wohl keinen Proletarier zur Demonstration auf die Straße bringen.

In zahlreichen theoretischen Schriften erklärt Freundlich sein Kunstverständnis

Freundlich – er hatte auch keine scheu vor angewandter Kunst – sah seine Arbeiten dagegen durchaus politisch. In zahlreichen theoretischen Schriften, die den aktuellen Stand der naturwissenschaftlichen und philosophischen Diskussion widerspiegeln, erklärte er auch seine Arbeiten. Die Abstraktion war bei ihm nicht nur radikale Reduzierung der Form, vielmehr ein Spiegelbild menschlicher Prozesse, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind, das Bild einer offenen, gleichberechtigten Gesellschaft, eines „Universums ohne Grenzen zwischen Welt und Kosmos, Mensch und Mensch, Mein und Dein“.

Ob man diese politischen, biografischen und kunsttheoretischen Hintergründe wissen muss? Sicher nicht, seine Bilder überzeugen auch heute noch ohne. Aber die Ausstellung ist mehr als nur eine Bilderschau. Zu den 80 Exponaten dieser Ausstellungen gehören auch zahlreiche historische Fotos, Bücher und Briefe: Sie zeigen exemplarisch das Schicksal eines von den Nazis verfolgten und ins Exil getriebenen Künstlers.

„Otto Freundlich: Kosmischer Kommunismus“ – bis 14. Mai, KosmischerMuseum Ludwig, Heinrich-Böll-Platz, Di-So 10-18 Uhr, jeden 1. Donnerstag im Monat 10-22 Uhr, Katalog: 39 Euro

Blicke in die Ausstellung

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Foto: ehu

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Foto: ehu

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