Kultur Kunst

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Die Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln Nanette Snoep zur Corona-Situation. | Foto: Vera Marusic

RJM-Direktorin Snoep: „Wir sind beim Digitalen deutlich besser geworden“

Interview mit der Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums, Nanette Snoep
Wie erleben Sie die Situation im zweiten Lockdown?

Nanette Snoep: Unser Museum hat seit November geschlossen. Wir wollten eigentlich am 26. November unsere Sonderausstellung „Resist! Die Kunst des Widerstands“ eröffnen. Das ist die erste große Sonderausstellung, die ich als Direktorin initiiere. Ich arbeite jetzt seit zwei Jahren in Köln und ein Jahr davon unter den Bedingungen von Corona. Für das Museum ist der aktuelle Lockdown sehr hart, gerade in einer Zeit, in der wir uns mit unserem Open Space „Die Baustelle“ und unserem neuen Programm mehr nach außen öffnen wollen.

Was ist anders im Vergleich zum Lockdown im Frühjahr?

Snoep: Im Frühjahr wurden wir von der Situation überrascht und dachten, das sind nur ein paar Wochen, in denen wir alles herunterfahren müssen. Jetzt sind wir schon drei Monate am Stück geschlossen und es ist noch völlig unklar, wann und wie es weitergeht. Das macht die Situation für uns um einiges dramatischer. Im Frühjahr hatten wir keine große Sonderausstellung geplant, sondern nur eine kleine aber feine Schau „Die Schatten der Dinge #1“, die wir auf September verschoben haben und die bisher auch nur sechs Wochen zu sehen war. Für das letzte Quartal 2020 hatten wir ein inhaltlich tolles Programm geplant, was vom zweiten Lockdown nun komplett gestoppt wurde. Die jetzige Situation ist für den gesamten Kulturbereich deutlich härter als im Frühjahr. Der jetzige Zeitraum ist, was die Besucherzahlen betrifft, unsere Hauptsaison.

Wie sieht aktuell ihr Berufsalltag aus?

Snoep: Er wird bestimmt von Skypen, Zoomkonferenzen, Mails und vielen Telefonaten. Die Eröffnung von „Resist! Die Kunst des Widerstands“ hatten wir auf den 29. Januar verschoben. Da dies jetzt nicht möglich war, hatten wir an diesem Tag eine digitale Kickoff-Veranstaltung für das Begleitprogramm zur Ausstellung. Damit haben wir uns sehr intensiv beschäftigt. So hatten wir nicht weniger zu tun, als dies in normalen Zeiten der Fall ist. Die Arbeit hinter den Kulissen ist noch deutlich intensiver. Wir arbeiten zudem fast alle im Homeoffice, was für mich als Mutter von drei Kinder, die alle im Homeschooling sind, auch eine Herausforderung bedeutet.

Welche Vorteile bietet das Digitale für ein Museum?

Snoep: Wir sind beim Digitalen deutlich besser geworden, als das noch im Frühjahr der Fall war. Das Kickoff von „Resist!“ am 29. Januar kam im Netz gut an, wir hatten viele Teilnehmer. Man kann sich das Kickoff-Video auf unserer Webseite zur Ausstellung und auf YouTube anschauen und wir haben spannende Angebote für die nächsten Wochen. Darüber hinaus haben wir unsere RJM Webseite „refreshed“ und posten fast täglich auf Facebook und Instagram. Wir werden also als Museum immer moderner und lernen ständig dazu. Das gehört zu den positiven Dingen in schwierigen Zeiten. Positiv ist, dass wir mit dem Digitalen ganz neue Zielgruppen erreichen können und das in der gesamten Welt. Dadurch ist jetzt ein besserer Austausch möglich.

Wie geht es jetzt mit „Resist!“ weiter?

Snoep: Wir warten, bis wir die Ausstellung tatsächlich eröffnen können und unter welchen Bedingungen. Das betrifft auch die Anzahl der Besucher*innen, die die Ausstellung gleichzeitig besuchen dürfen. Das ist gerade für „Resist!“ wichtig. Es ist keine klassische Ausstellung, sondern eher eine Plattform für ein sehr anspruchsvolles Thema. Dort treffen Objekte aus unserer Sammlung auf zeitgenössische Kunst aus dem globalen Süden. Es gibt viele partizipative Formate und experimentelle Führungen wie z.B. eine „Tanzführung“. Wir planen auch das digitale Angebot Stück für Stück weiterzuentwickeln, um so neue Zielgruppen zu erreichen. Das reicht von digitalen Führungen und Kinoprogrammen über Gespräche mit Künstler*innen bis zu Gesprächen direkt bei den Objekten. Das Digitale soll Lust auf den analogen Besuch der Ausstellung machen.

Wie gravierend sind die finanziellen Folgen der Schließung für das Museum?

Snoep: Wie alle städtischen Museen haben wir im Moment keine Erlöse aus dem Ticketverkauf. Das wird sich auf unseren Etat für Sonderausstellungen auswirken. Hier ist noch vieles ungewiss, was uns große Sorgen macht. Wir wissen auch nicht wie es in den Folgejahren weitergehen wird. Da werden uns unter Umständen weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Das bedeutet für uns, wir müssen sehr kreativ sein und Lösungen finden. Das gilt zum Beispiel für neue digitale Formate.

Wie wird der Museumsbesuch der Zukunft aussehen?

Snoep: Wir sind nicht das Museum Ludwig mit einer großen Sonderausstellung wie „Warhol“, wo man unbedingt feste Zeitfenster für den Besuch benötigt. Und wir haben das Glück, dass unser Haus groß und sehr weitläufig ist. Wir haben ein großes Foyer und große Räume für die Dauerausstellung. Insofern ist es für uns relativ einfach, die Besucherströme zu steuern. Das hat im Sommer gut funktioniert. Deshalb haben wir uns über die Schließung im November auch gewundert, denn bei uns in den Museen war das Infektionsrisiko nur sehr gering. Und die Sonderausstellung „Resist!“ haben wir im Kontext von Corona aufgebaut. Möglichkeiten den Schutz für die Besucher*innen noch auszuweiten, wären neben Timeslots zum Beispiel auch längere Öffnungszeiten am Abend. Das hat im Schnütgen bei der großen Sonderausstellung im Vorjahr schon gut funktioniert.

Wie fällt die Bilanz der Öffnung im Sommer und Herbst aus?

Snoep: Im Sommer war es bei uns wie eigentlich immer sehr ruhig. Wir hatten auch keine große Sonderschau. Unsere kleinen Ausstellung „Die Schatten der Dinge #1“ konnten wir ab September nur sechs Wochen öffnen. Aber die Resonanz war wie bei unserem Open Space „Die Baustelle“, die wir im Dezember 2019 eröffnet hatten, sehr gut. Die Menschen wollen wieder ins Museum kommen, auch weil dies ein Ort des Austauschs ist. Daher bin ich für die Zeit nach der Wiedereröffnung zuversichtlich und hoffe auf viele Besucher*innen.

Was halten Sie von Privilegien von Geimpften zum Beispiel beim Museumsbesuch?

Snoep: Das ist schwer zu beurteilen. Aber wir sollten auch die junge Generation nicht vergessen. Das sehe ich als Museumsdirektorin aber auch als Mutter von drei Kinder zwischen 8 und 18 so. Gerade für diese Gruppe haben Museen tolle Angebote.

Wann werden die Schulklassen ins Museum zurückkehren?

Snoep: Auch das ist derzeit noch ungewiss und hängt von der Politik ab. Die Schulen müssen mit den Unterrichtsausfällen kämpfen und für die Schüler sind zudem viele außerschulische Angebote vom Museumsbesuch bis zur Klassenfahrt ausgefallen. Dabei ist kulturelle Bildung so wichtig. Davon können Kinder und Jugendliche wirklich profitieren. Gerade bei uns als ein Haus der Weltkulturen geht es um Weltoffenheit. Deshalb haben wir bei „Resist!“ auch mit „Young Rebels“ einen Bereich eingerichtet, den Jugendliche für Jugendliche gestalten können.

Was steht im Museum in diesem Jahr an?

Snoep: Nach der Wiedereröffnung steht zunächst „Resist!“ im Mittelpunkt. Verlängert wurde auch die kleine Ausstellung „Die Schatten der Dinge #1“, bei der man sehr viel über die Herkunft und spannenden Geschichten hinter den Objekten lernen kann. Ende Mai kommt dann eine Intervention von Yasmine Eid-Sabbagh im Rahmen des Photoszene-Festivals. Ende Mai bereiten wir eine weitere Schau „Invisible Inventories“ mit dem Nest Kollektiv aus Kenia und dem National Museum in Nairobi vor und zum Jahresende haben wir eine große Sonderausstellung zur Liebe. Auch diese Schau ist experimentell und sehr partizipativ für verschiedene Zielgruppen.

Was macht Ihnen aktuell Hoffnung und was Sorgen?

Snoep: Die Hoffnung ist, dass die Krise wieder vorbeigeht, dass wir aber aus ihr auch Dinge lernen können. Wir haben viel Zeit zum Nachdenken gehabt. So kann man aus schwierigen Zeiten etwas Positives mitnehmen. Sorge und Hoffnung zugleich bereitet mir die Situation der Kinder und Jugendlichen. Ich hoffe, dass sie bald wieder eine Perspektive bekommen und sich zum Austausch unbeschwert treffen können. Für einen erwachsenen Menschen ist ein Krisenjahr nicht so gravierend. Aber für einen jungen Menschen bedeutet so ein Jahr schon eine Ewigkeit.

Mehr dazu: www.rjm-resist.de

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