Kultur Kunst

Viel Köln in Berlin: Auktionshaus Grisebach bringt Kölner Kunst unter den Hammer

Köln | Auch Starkünstler haben einmal klein angefangen. Als Gerhard Richter noch nicht Gerhard Richter war, machte er in „Kapitalistischer Realismus". Einige seltene Werke aus dieser Zeit kommen nun beim Berliner Auktionshaus Grisebach unter den Hammer.

Wie macht man als junger Künstler auf sich aufmerksam? Diese Frage stellen sich heute Tausende Studierende an Kunstakademien und auch Gerhard Richter stand 1963 als Noch-Student an der Düsseldorfer Kunstakademie vor ihr.

Die Antwort: Richter ging mit dem Künstlerkollegen Konrad Lueg in das Düsseldorfer Möbelhaus Berges und stellte inmitten des durchaus biederen 60er Jahre-Möbelangebots einige Arbeiten (und sich selbst) aus. Dazu ein knackiger Titel „Leben mit Pop – eine Demonstration für den kapitalistischen Realismus" (Möbelhaus Berges, Düsseldorf; 11. bis 25. Oktober 1963) – und die Aufmerksamkeit war da. Heute ist diese Aktion Teil der Kunstgeschichte; sie markiert grosso modo den Beginn der Karriere Gerhard Richters.

Während der Verbleib der Richter-Arbeiten aus dieser Ausstellung-Aktion gut dokumentiert ist, verhält es sich bei dem Zweiten im Bunde anders. Konrad Lueg (1939 – 1996) ist ein durchaus interessanter Fall. Der Mann, der eigentlich Konrad Fischer hieß, arbeitete nur einige wenige Jahre (1963-1968) lang unter diesem Pseudonym als Künstler. Später wurde er dann ein sehr erfolgreicher Galerist; die Freundschaft zu Gerhard Richter kühlte sich ab.

So kann das Auktionshaus Grisebach in Berlin, das neben Lempertz und Van Ham in Köln und Ketterer in München zu den großen in Deutschland gehört, durchaus mit einem Scoop aufwarten. Es bietet mit „Bockwürste auf Pappteller" eine Konrad Lueg-Arbeit an, die auf dieser „Kapitalistischer Realismus"-Ausstellung 1963 gezeigt wurde und seitdem als verschollen galt. Als Provenienz gibt Grisebach eine Privatsammlung im Rheinland an, in die es 1964 als Geschenk des Künstlers gekommen sei. Auf 80.000 bis 120.000 Euro wird das Bild geschätzt.

Die Etikette „Kapitalistischer Realismus" gefiel seinerzeit auch dem Berliner Galeristen René Block gut, der dann Arbeiten von Gerhard Richter erstmals in Berlin zeigte und auch im Weiteren als Richter-Galerist eine wichtige Rolle spielte. Noch heute führt die Edition Block in Berlin Richter-Arbeiten im Angebot. Dem Galeristen ist auch die Mappe „Grafik des Kapitalistischen Realismus" (1971, 2 Bände) zu verdanken.

In Berlin kommt nun ein Richter-Bild aus dieser sehr frühen Phase des künstlerischen Schaffens zur Versteigerung, das eng mit dem Galeristen in Verbindung steht: „Heidi" aus dem Jahr 1965 (Elger 48–13).

Dass das Bild heute auf dem Kunstmarkt auftaucht, ist fast ein Hingucker. Wenn das Bild auch nicht gänzlich unbekannt ist, so kommt es hier doch erstmals in den Kunsthandel. Auf 280.000 – 350.000 Euro schätzt es das Auktionshaus.

Gerhard Richter und Berlin

Mit „Heidi", so scheint es, kam Gerhard Richter und der „Kapitalistische Realismus" erstmals nach Berlin.

Doch Dietmar Elger, der Direktor des Gerhard Richter Archivs in Dresden und Herausgeber des Gesamtwerk-Katalogs relativiert. Auf Nachfrage erklärt Elger: Kapitalistischer Realismus „war ein früher "Kampfbegriff" unter dem die jungen Düsseldorfer Künstler Konrad Lueg, Sigmar Polke, Gerhard Richter und Manfred Kuttner gemeinsam aufgetreten sind. Allerdings gab es nur zwei Projekte, für die sie selbst diesen Begriff gewählt hatten, ihre gemeinsame, selbst organisierte Ausstellung in der Kaiserstraße und die Demonstration von Lueg und Richter im Möbelhaus Berges. Beide fanden 1963 statt. René Block hat sich diesen Begriff dann angeeignet, weil er für seine Aktivitäten in der Grenzstadt Berlin und in Konfrontation zum Sozialistischen Realismus jenseits der Mauer so passend erschien."

Zu „Heidi" merkt Elger auf Nachfrage an: „Als Richters erste Ausstellung bei Block stattfand, gab es das Bild noch gar nicht. Die Ausstellung endete im Januar 1965, das Bild hat Richter hingegen auf der Rückseite auf den "2.2.65" datiert. Block hat seine Düsseldorfer Maler Richter und Polke mit seinen Berliner Künstlern wie Hödicke und Vostell gemeinsam ausgestellt. Einen künstlerischen Austausch gab es aber nicht."

Dazu um einen Kommentar gebeten, zeigt man sich bei Grisebach unverdrossen: „Richters „Heidi" wurde in der Eröffnungsausstellung (Gerhard Richter) der neuen Räume in der Scharperstraße 11 in Berlin in der Galerie René Block im Dezember 1966/Januar 1967 gezeigt."

Noch viel höher, nämlich auf 600.000 – 800.000 Euro, taxiert Grisebach eine weitere Richter-Arbeit, ein ziemlich kleines (18 x 21 cm messendes), durchaus dekoratives Blatt („Umgeschlagenes Blatt" (zu 70) aus dem Jahr 1966.

Der Gerhard Richter-Experte Dietmar Elger erklärt dazu: Das "Umgeschlagene Blatt" ist eine Variation zu Richters anderen, einander sehr viel ähnlicheren Blättern, bei denen sich lediglich die untere rechte Ecke umschlägt. Das Bild entstand in einer kurzen Werkphase Mitte der 1960er Jahre, in der Richter mit optischen Illusionismen experimentierte."

Der heute in Berlin lebende Kunsthistoriker Hubertus Butin, selbst ehemaliger Assistent im Atelier Richter in Köln und Autor mehrerer Bücher über den Künstler zeigt auf, wie weit die künstlerische Beschäftigung mit optischen Täuschungen zurückreicht und findet dafür in seiner Wahlheimat Berlin ein beeindruckend frühes Beispiel: So findet sich in der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin das Fragment eines Fußbodenmosaiks aus dem Königspalast von Pergamon aus der 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts vor Christi, das einen mit rotem Siegellachs befestigten, halb umgeschlagenen Zettel mit dem Namen Hephaiston zeigt, ein Mosaik, keine Zeichnung.

Offenkundig waren Gerhard Richter wie der unbekannte Künstler von vor mehr als 2000 Jahren von der gleichen künstlerischen Herausforderung fasziniert: über eine Sinnestäuschung etwas zu zeigen, was der Betrachter gar nicht sieht: ein umgeknicktes Stück Papier. Das Dargestellte ist dreidimensional, doch die Darstellungsfläche ist nur zweidimensional.

Wem die umgeschlagene Papierecke zu teuer ist, für den bietet Grisebach ein Richter-Kuriosum: Aus einer Privatsammlung in Berlin kommt eine bemalte Schallplattenhülle der Goldberg-Variationen aus dem Jahr 1984 (60.000 – 80.000 Euro).

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Auktionshaus Grisebach Berlin

Sommerauktion (9. bis 11. Juni 2021)

https://www.grisebach.com/

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Wer mehr wissen will:

Eine detailreiche Darstellung der Frühphase in Gerhard Richters künstlerischem Schaffen, die Umstände der legendären Düsseldorfer Ausstellung „Kapitalistischer Realismus" und der Bedeutung des Berliner Galeristen René Block findet sich in:

Dietmar Elger
Gerhard Richter, Maler
Köln: DuMont 2018 (erweiterte Neuausgabe)

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