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Das Pressefoto zeigt Niedeckens BAP zur Schliesslich unendlich Tournee2022 | Foto: Tina Niedecken

Der Kölner Musiker Wolfgang Niedecken wird am 30. März 70 Jahre alt

„Ein Konzert als wunderschönes Puzzle“

Wie erleben Sie die Situation jetzt wenige Tage vor dem 70. Geburtstag?
Wolfgang Niedecken: Wie bei allen Menschen bestimmt Corona derzeit auch mein Leben. Jeden Tag überlegt man sich, wie man das Ganze in den Griff bekommt. Betroffen ist auch die Tourplanung von BAP. Da stellt sich immer wieder die Frage, was kann man ankündigen, ohne es dann doch wieder absagen zu müssen. Corona liegt wie eine große schwarze Wolke seit einem Jahr über uns. Davon sollte man sich aber nicht runterziehen lassen, sondern schauen, was man trotzdem tun kann.

Wie werden Sie den großen Geburtstag feiern?

Niedecken: In kleinster Runde mit der Familie, mit den Kindern und Enkeln. Das große Geburtstagskonzert in der Arena wurde um ein Jahr verschoben und so wird der 70. Geburtstag in einer sehr geruhsamen Form begangen. Das mache ich allerdings ganz gerne so, weil ich eher ein Geburtstagsmuffel bin.

Wie gehen Sie mit der Zwangspause als Musiker um?

Niedecken: Wenn wir 2022 endlich auf Tour gehen, haben wir als Band drei Jahre lang nicht mehr auf einer Bühne gestanden. Das hat es in der gesamten Geschichte von BAP so noch nie gegeben.

In der Pause ist auch ein Buch zu Bob Dylan entstanden?

Niedecken: Das Buch ist in der Musikbibliothek von KiWi erschienen. Darin schreiben Künstler, Moderatoren, Schriftsteller oder Journalisten ganz subjektiv über den Act, der sie am meisten beeinflusst hat. Das sind Bücher mit viel Herzblut, weil es auch um die Dinge geht, die einen schon als Jugendlichen bewegt haben. Ich wurde schon früh gefragt, ob ich etwas über Bob Dylan schreiben möchte. Ich hatte nur nie Zeit, um das Projekt umzusetzen. Das hat sich im vorigen Jahr im Corona-Sommer verändert und ich habe mich beim Schreiben sehr wohlgefühlt. Der rote Faden ist die Reise auf den Spuren von Bob Dylan, die ich 2017 für Arte gemacht habe. Das Buch ist sozusagen das Logbuch dazu.

Was war ihre erste Begegnung mit der Musik von Bob Dylan?

Niedecken: Kölner Freunde, die auch in einer Band spielten, wollten wissen, was ich von Bob Dylan halte. Ich sagte, „kann ich nichts mit anfangen“, weil ich ihn mit Peter, Paul & Mary verwechselt hatte. Ein Jahr später habe ich dann „Like a Rolling Stone“ gehört, und das hat so bei mir eingeschlagen, dass ich in meiner Band ab sofort nicht mehr den Bass spielen wollte. Ich wollte genau das machen, was der Typ mit der Sonnenbrille macht. Das war ich 15.

Hat Dylan später Ihre Künstlerkarriere noch weiter beeinflusst?

Niedecken: Ich habe schon früh in vielen Bands gespielt. Das hatte schließlich solche Ausmaße angenommen, dass ich nur noch wenig Zeit für die Schule hatte. Später habe ich Malerei studiert und die Musik dafür drangegeben. Meine E-Gitarre und den Verstärker habe ich verkauft und nur noch die Akustikgitarre behalten. Beim Zivildienst, nach dem Examen, bin ich zur Musik zurückgekehrt. Es ging wieder in den Proberaum, wo wir als Coverband Songs von den Kinks, den Stones und von Bob Dylan nachgespielt hatten. Es gab noch nicht mal einen Bandnamen und eine musikalische Karriere war nie geplant. Daraus ist dann BAP geworden und diese Band gibt es mittlerweile seit 45 Jahren. Das hätte ich in den 70ern nie für möglich gehalten.

Sie haben Bob Dylan auch persönlich getroffen.

Niedecken: Das erste Mal gab es ein Treffen, als wir 2000 mit Wim Wenders den BAP-Film gedreht haben. Abends sind wir zum Dylan-Konzert in die Arena. Wim ist mit ihm befreundet und so haben wir Bob Dylan auch persönlich getroffen. Wim hat mich ihm vorgestellt. Das war ein sehr angenehmes Treffen, zwei Freunde haben miteinander gesprochen, ich stand dabei und habe ab und zu auch mal was gesagt, aber hauptsächlich unterhielten sich die alten Kumpels. Dylan war dabei überhaupt nicht arrogant, sondern ein sehr angenehmer, interessierter Gesprächspartner.

Auf der Geburtstagsedition von „Alles fließt“ gibt es auch zwei kölsche Bearbeitungen von Dylan-Songs.

Niedecken: „Girl From The North Country“ war das allererste Dylan-Stück, das ich jemals auf Kölsch übersetzt habe. Wir haben es bei BAP nie berücksichtigt, da wir meistens genügend eigene Balladen hatten. Jetzt habe ich das Stück neu entdeckt und wir haben es mit neuem schlichten Americana-Arrangement aufgenommen. „One Too Many Mornings“ gab es schon auf unserem ersten Livealbum, allerdings in einer hektischen, suboptimalen Version. Das haben wir jetzt geändert. Dazu kommt noch mit „Leev Frau Herrmanns“ ein Geburtstagsständchen, das ich als Zivi für einer 93-Jährige gesungen habe. Das Stück habe ich alleine im Studio mit Gitarre und Mundharmonika aufgenommen. Das war tatsächlich das erste Mal, dass ich so etwas gemacht habe. Authentischer geht es einfach nicht. Unsere gesamte Studio-Session hat meine Frau Tina gefilmt, und diese Aufnahmen gibt es jetzt, zusammengeschnitten als DVD mit einer neuen Collage von mir auf der Geburtsedition, die wir uns als kleinen Ersatz für die abgesagten Livekonzerte ausgedacht haben.

Wie schwer ist es für die Tour im kommenden Jahr die Songs zusammenzustellen?

Niedecken: Das ist bei uns ein echtes Luxusproblem, wir haben mehr als genug Stücke für so ein Drei-Stunden-Konzert. Ich bin da eher altmodisch, ich schreibe die Songs, die infrage kommen auf Pappkärtchen, die ich auf die verschiedenen Positionen lege. Auf einem großen Tisch werden die dann von mir so lange verschoben, bis alles passt. Mir macht dieses wunderschöne Puzzle immer wieder richtig Spaß.

Drei Stunden Konzert. Wie wichtig ist da die Fitness?

Niedecken: Ich halte mich immer fit, auch weil ich nicht irgendwann doch mit Bierbauch auf der Bühne herumrennen will. Morgens geht es auf den Heimtrainer, wo ich ungefähr 30 Kilometer absolviere. Dann kommt die Gymnastik und erst später Duschen und Frühstück. Dabei lasse ich mir Zeit, vor 11 Uhr kann keiner mit mir rechnen.

Wie werden sich Konzerte nach der Pandemie verändert?

Niedecken: Die Menschen werden diesen Veranstaltungen eine größere Wertschätzung entgegenbringen. Sie freuen sich, wie ich mich selbst auch, auf Sachen, die wieder so sind wie vor der Pandemie. Da wird dann sicher auch erstmal weniger gemeckert als vorher. Ich freue mich auf Konzerte in vollen Hallen, wo man endlich keine Angst mehr vor Infektionen haben muss und sich sicher fühlen kann. Das Ganze erzieht auch ein wenig zur Demut, was ich sehr gut finde.

Was können wir sonst noch Positives aus dieser Krise mitnehmen?

Niedecken: Ich denke nicht, dass alle Menschen auf Knopfdruck wieder in ihren alten Trott verfallen werden. Das war in New York nach dem 11. September 2001 ähnlich. Nach den Anschlägen hatte man einen anderen Blick aufeinander, man hat mehr Rücksicht genommen und hat sich raus aus seinem Hamsterrad gewagt. Ich denke, jeder wird seine eigenen Lehren aus dieser Situation ziehen, wenn sie doch bloß endlich vorbei wäre!

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Mehr Infos:

Buchtipp Aktuell gibt es zwei Bücher von Wolfgang Niedecken. In der Kiwi-Musikbibliothek ist „Wolfgang Niedecken über Bob Dylan“ (14 Euro) erschienen. Bei Hoffmann und Campe gibt es die Doppelbiografie „70 Jahre Wolfgang Niedecken – ein Leben voll unzähliger Geschichten“ (29,90 Euro).

Konzert Die Geburtstagstour wurde um ein Jahr verschoben. Am 30. März 2022 gibt es in der Kölner Arena das Konzert „Niedecken feiert 70+1“.

Album Am 26. März erscheint die Geburtstagsedition zu „Alles fließt“.

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