Wirtschaftsnachrichten Kölner Wirtschaft

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Garrelt Duin

Interview mit dem Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Köln, Garrelt Duin

„Viele Bereiche des Handwerks sind absolut systemrelevant“

Wie erleben Sie die Situation jetzt im zweiten Lockdown?

Garrelt Duin: Angespannt. Im Frühjahr gab es das Gefühl, das alles nur ein vorübergehendes Ereignis ist und im Mai gab es direkt einen Neustart. Jetzt hat man wegen der langen Dauer des Lockdowns ein ganz anderes Gefühl. Für manche Betriebe war schon Anfang November Schluss und jetzt haben wir Februar. Und alle ahnen, dass das noch andauern wird. Das sorgt überall und insbesondere in den Betrieben für eine deutliche Anspannung.

Was genau belastet die handwerklichen Betriebe?

Duin: Das ist sehr unterschiedlich. Friseure und Kosmetiker haben teilweise seit November kein Geld mehr verdient und die finanzielle Unterstützung ist teilweise noch nicht in Sicht. Das kann an verzögerten Abläufen liegen, aber auch daran, dass manche Betriebe einfach durch das Raster fallen. Beim Baugewerbe gibt es keine Probleme, da ist im Winter auch in normalen Zeiten weniger los. In der Kfz-Branche dagegen überlegen viele Kunden, ob sie ihre Inspektion für den Wagen nicht verschieben sollen. Da wurde jetzt auch schon teilweise Kurzarbeit angemeldet.

Friseure und Kosmetiker sind vom Lockdown besonders betroffen.

Duin: Absolut. Hier liegen die Nerven – verständlicherweise – mittlerweile blank. Deshalb brauchen vor allem auch unsere körpernahen Handwerker und Dienstleister jetzt schnell die Umsetzung und Auszahlung der zugesagten Hilfen. Wenn eine Novemberhilfe erst Anfang Februar fließt, zerstört das Vertrauen. Da brauchen wir ein Programm wie diese Hilfen besser verwaltet und umgesetzt werden. Problematisch sind insbesondere kleine Betriebe und Soloselbstständige. Während die Kosten für die Gehälter der Angestellten oder für die Miete übernommen werden, gibt es für den ausgefallenen Lohn des Unternehmers keinen Ersatz durch Fördermittel. Diese Gruppe fällt durch das Raster und gerät in große Schwierigkeit, da oft auch die Rücklagen fehlen. Hier muss dringend diese Lücke geschlossen werden. Und wir brauchen ein Ampelsystem, das klar anzeigt, ab welchen Inzidenzzahlen wieder geöffnet werden kann. Das ist vor allem psychologisch wichtig. Bei den aktuellen Infektionszahlen sind wir auf einem guten Weg, den wir natürlich auch nicht leichtfertig verlassen dürfen.

Wie sieht es mit dem Infektionsschutz für Handwerker aus?

Duin: Wir haben hier eine Priorisierung von Handwerkern, die vor Ort arbeiten, beim Impfen gefordert. Das bedeutet nicht, dass wir an der Priorisierung von besonders gefährdeten Menschen wie Alten oder Beschäftigten im medizinischen oder im Pflegedienst rütteln wollen. Aber in der zweiten Phase der Impfung ist es legitim, darüber zu sprechen, dass die Menschen, die sich wie Busfahrer, Supermarktkassiererinnen oder eben auch Handwerker in ihrem Beruf besonderen Gefahren aussetzen, weil sie nicht im Homeoffice arbeiten können, bevorzugt geimpft werden. Das gilt auch für unsere Ausbilder. Während die Schulen geschlossen haben, geht die außerbetriebliche Ausbildung weiter. Da haben wir gute Schutzkonzepte entwickelt, die Infektionen und Ausbrüche bislang verhindert haben. Aber mehr Sicherheit für die Ausbilder wäre ähnlich wie bei Lehrern sehr wichtig.

Was sind im Moment für Sie die größten beruflichen Herausforderungen?

Duin: Es geht viel um das Erklären und Erläutern der aktuellen Situation für Menschen, die sich nicht ins Homeoffice zurückziehen können. In der Kammer haben wir das Bestmögliche getan, um den Bürobetrieb zu entzerren. Viele sind im Homeoffice, das ist aber nicht bei allen umsetzbar. Gerade in den Bildungszentren und Werkstätten muss es weitergehen, da Auszubildende oder angehende Meister, das Recht haben, ihre Prüfung pünktlich zu absolvieren. Wir sind außerdem die Ansprechpartner für Betriebe, wenn es zum Beispiel um die Anträge für Ausgleichszahlungen geht. Da ist die Kammer unverzichtbar. Das bringt einen hohen organisatorischen Aufwand mit sich.

Welche Rolle spielt das Handwerk in der Krise?

Duin: Viele Bereiche des Handwerks sind absolut systemrelevant. Das gilt für den Bestatter bei der Begleitung von Trauernden genau wie für Elektriker und Heizungsinstallteure. Gebäude- und Textilreiniger sorgen für die Reinigung von Krankenhäusern, die sonst nicht möglich wäre. Vom Bäcker bekommen sie ihr täglich Brot, der Fleischer sorgt für ihre Wurst, der KfZ-Meisterbetrieb für ihre Sicherheit im Auto. Damit ist das Handwerk für das gesellschaftliche Leben unverzichtbar.

Wie wichtig ist die Unterstützung durch Stadt. Land und Bund für die Betriebe?

Duin: Darauf sind vor allem kleine Betriebe mit fünf oder sechs Mitarbeitern angewiesen und das ist bei uns klar die Mehrzahl. Sie brauchen die Hilfe absolut dringend, da sie die Ausfälle in der Krise nicht kompensieren können. Da ist der Unmut groß, wenn öffentlich kommunizierte Informationen zu den Fördermitteln so nicht zutreffen und das Kleingedruckte Komplikationen mit sich bringt. Auch die Dauer, bis das Geld kommt, bringt Probleme, da geht es oft um die blanke Existenz. Wichtig sind in diesem Rahmen auch die psychologischen Folgen, das merken wir bei unseren Beratungsgesprächen immer häufiger. Da wurden Existenzen über Jahrzehnte aufgebaut oder man hat sich gerade entschlossen, alles auf die berufliche Selbsständigkeit zu setzen. Und dann gerät all das in Gefahr. Hier werden ganze Lebensentwürfe infrage gestellt und Zukunftsangst macht sich breit.

Wie sehen die Perspektiven für das laufende Jahr aus?

Duin: Ich fürchte, wenn sich bei der Pandemie nicht kurzfristig etwas verbessern wird, werden wir eine Reihe von Betrieben verlieren. Ein anderes Problem sind fehlende Ausbildungsplätze für Jugendliche. Denn in so einer schwierigen Lage überlegen es sich Unternehmen, ob sie im Sommer Lehrstellen anbieten können. Im vergangenen Jahr hatten wir einen Rückgang von sieben Prozent, jetzt im Sommer wird sich das weiter verschlechtern. Schwierig ist auch, dass der direkte Kontakt von Unternehmen und Schülern wegen der Pandemie nicht möglich ist. Da arbeiten wir gerade an neuen digitalen Formaten oder kleineren, Corona-konformen Veranstaltungsformaten. Wenn wir hier jetzt nicht nachsteuern, wird sich das in den folgenden Jahren deutlich beim Fachkräftemangel zeigen. Wir als Kammer werden deshalb beide Seiten, Betriebe und potentielle Azubis, bestmöglich unterstützen und sie auf ihrem Weg zueinander begleiten. Unsere neue Karrierewerkstatt hilft dabei gerne.

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