Wirtschaftsnachrichten Kölner Wirtschaft

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Kölnmesse-Chef Gerald Böse auf einem Pressefoto des Unternehmens aus dem Jahr 2017. | Foto: Koelnmesse GmbH/Rüdiger Nehmzow

Kölner Messe-Chef: „Mich ärgert die Vollkaskomentalität, die Entscheidungen blockiert“

Interview mit Gerald Böse, Vorsitzender der Geschäftsführung der Köln-Messe

Wie erleben Sie die Situation im Lockdown, was hat sich im Vergleich zum Vorjahr verändert?

Gerald Böse: Im Frühjahr 2020 war der Lockdown für uns alle ein Schockerlebnis. Binnen kürzester Zeit wurde der gesamte Veranstaltungsbetrieb auf null heruntergefahren. Da ging es dann zunächst nur um kurzfristige und zielgerichtete Aktivitäten und Pragmatismus, um die Mitarbeiter und Kunden auf das Szenario einzustellen. Damals hätte niemand geglaubt, dass die Dimensionen solch gewaltige Ausmaße annehmen und dass wir jetzt ein Jahr später immer noch darüber sprechen. Im Juni 2020 gab es bei uns den Beschluss, das Herbstprogramm abzusagen und Ende des Jahres wurde das erste Quartal 2021 abgemeldet. Es war immer ein Stop und Go, das alle Beteiligten enorm herausgefordert hat.

Welche Folgen hat die Pandemie für die KölnMesse?

Böse: Es gibt keinen Bereich im Unternehmen, der nicht betroffen ist. Alle müssen in einem sehr unruhigen Fahrwasser täglich große Herausforderungen meistern. Messen mussten verschoben und abgesagt werden, manche sogar mehrfach. Und für jede Messe mussten wir dies individuell mit der betroffenen Branche abstimmen. Wir werden oft gefragt, was wir in der Zeit ohne Messen machen. Dabei haben wir in vielen Bereichen mindestens genau so viel zu tun wie in normalen Zeiten. Dazu gehört es auch, neue Perspektiven für die Messen zu erarbeiten. Die „Gamescom“ und die „DMEXCO“ waren 2020 unsere ersten digitalen Formate. Die Möbelzuliefermesse im chinesischen Kanton, die interzum guangzhou, war unsere erste hybride Messe, zu der wir 100.000 lokale Besucher begrüßen konnten. Das Messegeschehen vor Ort wurde dann entsprechend digital ergänzt.

Was sind im Moment die größten Herausforderungen für Sie als Chef der Kölner Messe?

Böse: Der komplette internationale Messekalender, auf den auch die deutschen Leitmessen abgestimmt sind, ist durch die Pandemie ins Rutschen geraten. Nun geht es darum, neue Termine zu finden, wenn es vor Ort wieder losgehen kann. Die Wettbewerbsszenarien für Messen werden sich dabei weltweit verschärfen. Es wird mehr hybride Messekonzepte geben, auf die wir uns einstellen müssen. Um in Köln hybride Veranstaltungen für unsere Kunden optimal umzusetzen, brauchen wir eine entsprechende Infrastruktur. Unser Investitionsprogramm Koelnmesse 3.0, das wir bis 2030 abschließen wollten, wird sich nun bis 2034 verlängern. Aber alle Investitionen, die unsere Flexibilität für innovative Formate unterstützen, wollen wir schnellstmöglich umsetzen, darunter unsere geplante Messe-, Kongress- und Eventlocation „Confex“. Nur so sind wir für die Zeit nach Corona gut aufgestellt.

Welche Bedeutung hat das Confex für die Messe?

Böse: Für uns ist das ein Quantensprung, da wir so ein komplett neues Veranstaltungssegment erstmals bedienen können. Es geht dabei um den Mix von Konferenz und Messe. Das neue Konzept betrifft Veranstaltungen, die digitale Reichweite und Strahlkraft in die Welt hinaus mit persönlicher Begegnung als emotionales Live-Erlebnis vor Ort verbinden. All das wird im Confex in Verbindung mit der bereits fertiggestellten Halle 1 mit kurzen Wegen an einem Ort möglich sein. Wichtig ist dabei eine technische Ausstattung auf höchstem Niveau, vor allem was die digitalen Anforderungen angeht.

Wie sind die Perspektiven für das laufende Messejahr?

Böse: Das erste Halbjahr müssen wir weitgehend abhaken, von einigen kleineren Tagungen abgesehen. Dazu kommt das Impfzentrum in der Messe, das hoffentlich bald auf Volllast läuft. Wir haben rein digitale Formate wie die „h+h cologne @home“ und die „Interzum @home“ vor uns. Wir planen darüber hinaus die ersten Veranstaltungen vor Ort mit Publikum im August, die hybriden Messen „Spoga+Gafa“ und Ende des Monats die „Gamescom“.

Wie sieht das Hygienekonzept vor Ort aus?

Böse: Dazu gibt es eine intensive Zusammenarbeit mit den Behörden und auch den Ausstellern. Es geht um die behördlichen Vorgaben, die wir umsetzen müssen, und die Anforderungen unserer Kunden, die wir erfüllen wollen. Wir haben entsprechende digitale Tools in Form von Apps zur Unterstützung der Hygieneregeln wie zum Beispiel das Abstandhalten sowie ein Verkehrs- und Logistikkonzept entwickelt. So wollen wir größere Menschenansammlungen auf dem Gelände vermeiden. Präsentiert haben wir das Konzept in einem 5000 Quadratmeter großen Showroom, dem „B-SAFE4business Village“. Das war bundesweit einzigartig und kam bei den rund 1000 Besuchern sehr gut an. Leider ist uns das Verbot für Großveranstaltungen im November zuvorgekommen und das Konzept blieb zunächst in der Schublade. Es wird aber beim Restart in der zweiten Jahreshälfte dringend benötigt.

Wie wird die „Gamescom 2021“ konkret geplant?

Böse: Es werden nicht wie in den Vorjahren bis zu 400.000 Leute vor Ort sein können, sondern deutlich weniger. Das hängt von der zur Verfügung stehenden Fläche ab, die wiederum von der Nachfrage der Aussteller bestimmt wird. Es wird das Geschehen in den Messehallen geben, wo die Kernzielgruppe der Gaming-Superfans neue Spiele live testen kann. Die physische Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen und dieses Feedback ist für die Branche ganz zentral. Dazu kommen digitale Formate, die auf einer digitalen Eventplattform angeboten werden. Das verlängert die globale Reichweite der Messe erheblich und macht sie für die Aussteller somit noch wertvoller.

Was macht Ihnen im Moment die größten Hoffnungen und was die größten Sorgen?

Böse: Die verschleppte Impf- und Teststrategie in Deutschland ist besorgniserregend. Positiv ist, dass mit dem wieder zugelassenen Impfstoff AstraZeneca sich das Impftempo beschleunigen wird. Mich ärgert aber die Vollkaskomentalität, die schnelle und pragmatische Entscheidungen blockiert. Wenn sich die Bedenkenträger überall durchsetzen, bekommen wir die Situation nicht in den Griff. Sorge macht mir auch, dass der Eindruck sich verfestigt, die Politik im Bund fokussiere sich zu sehr auf die Wissenschaft und beteilige die Wirtschaft nicht ausreichend an ihren Entscheidungen. Das finde ich sehr schade, da dabei viel Kompetenz auf der Strecke bleibt. Natürlich tun alle ihr Bestes und ich will mögliche Risiken auch nicht verharmlosen. Jetzt in der Krise werden aber die Schwächen sichtbar. Dazu gehören der Bürokratismus und die mangelhafte Digitalisierung in der Verwaltung. Das ist in dieser Situation einfach grotesk, im Jahr 2021 in einem Land, das mal als Lokomotive Europas galt.

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