Das Cover des buches Paradise.

Von Christoph Mohr

Köln | Der Literaturnobelpreisträger für Literatur 2021 kommt nach Köln. Wie die Lit.Cologne mitteilt, wird Abdulrazak Gurnah am 16. März 2022 auf der Lit.Cologne 2022 zu sehen sein. Im Mittelpunkt soll der Roman „Das verlorene Paradies“ stehen.

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Der 1948 im damaligen Sultanat Sansibar (heute Tansania) geborene, seit Jahrzehnten in Großbritannien lebende Abdulrazak Gurnah erhielt den Literaturnobelpreis in diesem Jahr durchaus überraschend.

Während der Kenianer Ngũgĩ wa Thiong’o schon seit Jahren zu den Literaturnobelpreisfavoriten zählt, war der ebenfalls auf Englisch schreibende Tansanier Abdulrazak Gurnah selbst Kennern der afrikanischen Literaturen eher unbekannt. Zwar sind über die Jahre in kleineren Verlagen immer wieder auch auf Deutsch Übersetzungen seiner insgesamt zehn Romane erschienen, die jedoch nur wenig Beachtung gefunden haben. So war zum Zeitpunkt der Verkündung der Verleihung des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers kein Abdulrazak Gurnah-Titel mehr in Deutschland im Buchhandel erhältlich; der Penguin Verlag in München hat sich zwischenzeitlich die Autorenrechte für den deutschsprachigen Markt gesichert und kurzzeitig eine durchgesehene Neuauflage von „Das verlorene Paradies“ (1994, deutsch erstmals 1996 im Krüger Verlag Frankfurt) auf den (Weihnachts-)Markt gebracht.

Auch in seiner Wahlheimat Großbritannien, wo Gurnah bis zu seiner Emeritierung eine Professur für englische und postkoloniale Literatur an der University of Kent in Canterbury innehatte, war der Autor zwar nicht unbeachtet, aber auch kein Autor der 1. Reihe.

Für den Booker Prize for Fiction, den wichtigsten britischen Literaturpreis für englischsprachige Literatur, war er zwar zweimal nominiert, hat ihn aber nie erhalten, dafür aus afrikanischen Ländern die (weißen) Südafrikaner J.M. Coetzee und Nadine Gordimer und die Nigerianer Ben Okri und Bernardine Evaristo. In diesem Jahr ging der Preis an den (weißen) Südafrikaner Damon Galgut für den Roman „The Promise“.

Das Nobelpreiskomitee lobte Abdulrazak Gurnah „für seine unbestechliche und leidenschaftliche Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Kolonialismus und dem Schicksal der Flüchtlinge im Spannungsfeld zwischen den Kulturen und Kontinenten“. Für den deutschen Leser ist mit Abdulrazak Gurnah nicht nur ein Autor zu entdecken, sondern auch ein Teil der deutschen (Kolonial-)Geschichte.

Zugleich ist die der ostafrikanischen Küste vorgelagerte Insel Sansibar, Heimat des Autors und Schauplatz mehrerer seiner Romane, viel mehr als nur eine Ex-Kolonie. Über die Jahrhunderte spielte die Insel eine wichtige Rolle als Handelsdrehscheibe zwischen den Regionen, die wir heute Afrika, Arabien, Persien (Iran) und Indien nennen, und war einer der bedeutendsten Häfen am Indischen Ozean. Gewürze wurden hier gehandelt, Gold, Elfenbein – und Sklaven. Sansibar selbst wurde ein multikultureller Ort: Wohl schon im 10. Jahrhundert siedelten sich hier persische Händler an, danach wurde der arabische Einfluss bestimmend. 1831 verlegte gar der Sultan von Oman seinen Regierungssitz nach Sansibar, 1861 wurde das Land zu einem unabhängigen Staat (Sultanat), zu dem auch größere Gebiete auf dem ostafrikanischen Festland gehörten, den wiederum die Kolonialmächte Deutschland und Großbritannien unter sich aufteilten. Auch die postkoloniale Geschichte war nicht einfach; 1968 flüchtete Abdulrazak Gurnah aus Tansania, zu dem Sansibar nunmehr gehörte, nach Großbritannien.

Gegenwärtig ist auf Deutsch nur einziger Gurnah-Titel erhältlich.

Abdulrazak Gurnah
Das Verlorene Paradies
Penguin Verlag, München 2021
25,00 €

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