Die Agentur für Arbeit hat neue Zahlen zur Arbeitslosigkeit für den Monat Mai 2022. Foto: Bopp

Köln | 2022 war das Jahr der Krisen – angefangen über die anhaltenden Folgen der Pandemie und gefolgt von den Kriegsfolgen mit der Energiekrise und der Inflation. Welche Auswirkungen hatte diese Ereignisse auf den Kölner Arbeitsmarkt?

„Wir sind optimistisch gestartet in der Hoffnung, die Pandemie in den Griff zu bekommen. So hat die Kurzarbeit deutlich abgenommen und spielt aktuell kaum noch eine Rolle. Dann kam Ende Februar der Krieg, der wieder Lieferketten unterbrochen hat und für Engpässe beim Material gesorgt hat. Das hat die gesamte Wirtschaft verunsichert“, sagt der Chef der Kölner Agentur für Arbeit, Johannes Klapper.

Für den Arbeitsmarkt seien die Folgen aber gering gewesen, er konnte sich weiter stabil entwickeln. „Hier hat sich der Arbeitsmarkt von der wirtschaftlichen Entwicklung entkoppelt. Die Arbeitslosigkeit ist weiter gesunken und mit mehr als 606.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigen haben wir in Köln einen neuen Rekord erreicht.“

Weiter gestiegen ist dagegen in der Domstadt die Zahl der Langzeitarbeitslosen, die oft ohne wichtige Qualifikationen große Schwierigkeiten haben, eine Stelle zu finden. Bei den derzeit 26.000 Kölner Langzeitarbeitslosen haben 72 Prozent keine abgeschlossene Berufsausbildung und 25 Prozent sind nach Erhebungen der Agentur für Arbeit 55 Jahre und älter.

Der Fachkräftemangel spitzt sich zu

Zu den großen Herausforderungen zählt im vergangenen wie auch im laufenden Jahr der zunehmende Fachkräftemangel, der sich durch alle Branchen zieht. Hier will man auch 2023 mit entsprechenden Qualifikationsmaßnahmen gegensteuern und bislang noch nicht genutzte Potenziale verstärkt nutzen. Das gilt zum Beispiel für Frauen, die zurück in den Arbeitsmarkt kehren oder die ihren Arbeitseinsatz bei Teilzeit erweitern.

Dazu kommen Schwerbehinderte, die oft über eine gute Qualifikation verfügen, bei denen es aber bei der Arbeitgeberseite oft noch Vorurteile gibt. Auch die die Zuwanderung von Menschen aus dem Ausland, die über die benötigten Qualifikationen verfügen, bleibt weiter wichtig. „Hier brauchen wir deutlich mehr Menschen, die zu uns nach Deutschland kommen“, betont Klapper.

Wichtig sei bei der Agentur zudem die Beratung und Unterstützung von Menschen, die plötzlich arbeitslos werden und die so aus ihrem teils langjährigen beruflichen Kontext herausgerissen werden. „Viele dieser Menschen stehen zunächst unter Schock. Unsere Aufgabe ist es, sie zu überzeugen, sich entsprechend dem Bedarf zu qualifizieren. Dafür braucht es Mut und einen großen Willen. Wichtig ist es zudem, Menschen erst gar nicht arbeitslos werden zu lassen, indem sie sich in ihrem angestammten Unternehmen nach dem aktuellen Bedarf zum Beispiel bei der Digitalisierung weiterbilden.“

Unternehmer Jordan Übach von den „Beweglichmachern“. Foto: Eppinger

Wie wichtig Qualifikation ist, weiß Jordan Übach, der in seinem Unternehmen „Die Beweglichmacher“ an den beiden Standorten Köln und Hürth mit seinem 30-köpfigen Team Physio- und Trainingstherapie anbietet. „Um das komplette Spektrum anbieten und mit den Krankenkassen abrechnen zu können, braucht es zeitaufwendige und kostenintensive Fortbildungen der Mitarbeiter. Beispiel sind hier manuelle Lymphdrainage oder die manuelle Therapie. Hier arbeiten wir seit etwa vier Jahren mit der Agentur zusammen, die einen Teil der hohen Qualifizierungskosten übernimmt.“

Auch seine Branche kennt den Fachkräftemangel: „Im Vorjahr habe ich knapp vier Monate gebraucht, um eine Personallücke zu schließen. Aktuell sind wir gut aufgestellt, aber in der Branche gibt es kaum ein Unternehmen, das aktuell keine Mitarbeiter sucht. Dabei haben große Unternehmen Vorteile, weil sie bessere Konditionen für ihr Personal bieten können. Da herrscht eine große Konkurrenz am Arbeitsmarkt“, berichtet Übach.

200 aus der Ukraine geflüchtete Menschen haben in Köln Arbeit gefunden

Zu den Herausforderungen der Kölner Agentur für Arbeit zählt außerdem die Unterstützung der Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine nach Deutschland geflohen sind. Aktuell sind hier bei der Grundsicherung 5000 meist geflüchtete Frauen im System der Agentur. 200 konnten bereits als Arbeitnehmerinnen vermittelt werden. „Wichtig ist es, die Menschen, die vor dem Krieg geflohen sind, erst einmal bei uns ankommen lassen. Dann geht es vor allem um gute Sprachkenntnisse und den Nachweis von in der Ukraine erworbenen beruflichen Qualifikationen“, erklärt Klapper.

Was den Ausblick für das laufende Jahr angeht, sagt der Experte auch weiterhin einen stabilen und von den Krisen entkoppelten Arbeitsmarkt voraus. „Die Beschäftigungszahlen werden in Köln weiter rasant steigen. Wegen des hohen Arbeits- und Fachkräftebedarfs ist hier 2023 kein Einbruch zu erwarten. Der Fachkräftemangel wird auch weiter hoch bleiben. Wir werden weiter versuchen, bestehende Potenziale wie bei Langzeitarbeitslosen, Frauen und Schwerbehinderten sowie bei der Zuwanderung zu nutzen.“