Die Kunst des Augenblicks

Köln | Er selbst nannte sich „Momentknipser“. Viele seiner Aufnahmen entstanden bei seinen Spaziergängen durch das Berlin der 1920er bis 1940er Jahre. Seine Kamera hatte Friedrich Seidenstücker immer dabei, um den Alltag seiner Mitmenschen festzuhalten. Das konnten junge Frauen sein, die gerade über eine Regenpfütze springen, oder Kinder, die sich mit Kreide auf dem Gehweg ihre ganz eigene Welt erschaffen.

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Die Schau zeigt sowohl die Arbeitswelt als auch die Freizeitwelt der Berliner in schwierigen Zeiten. Sie blickt auf alte Berufe wie den Kofferträger oder den Kutscher zurück, die schon damals mehr zur Vergangenheit als zur Gegenwart gehören. Bei seinen Rundgängen nimmt Seidenstücker auch die Amateurfotografen in den Blick, deren Zahl mit der leichter zu handhabender Technik stetig ansteigt. Um die passende Perspektive zu bekommen, muss sich der Fotograf in seiner Freizeit schon mal etwas verrenken oder eine besondere Position einnehmen, wie Seidensticker, der im Zweifelsfall ohne Zögern einen Baum erklimmt.

In ihrer Freizeit erobern die Berliner den Wannsee, fahren mit der kompletten Familie auf einem Tandem durch die Stadt oder vergnügen sich auf dem eigenen Balkon ihres Mietshauses. Auch Tauben betrachten und zu besitzen gehört zu den Hobbys der Zeit – genauso wie das Tennisspielen.

Es sind aber nicht nur die leichten Momente im Leben, die Seidenstücker zeigt. Das gilt für den komplett erschöpften Kriegsheimkehrer, der barfuß und zusammengekauert auf einer Bank sitzt, während hinter ihm Plakate auf das neue Kulturvergnügen nach dem Krieg hinweisen. „Seidenstücker stellt eine Person als Ganzkörperporträt in den Mittelpunkt, um diese Figur passiert aber noch sehr viel im Hintergrund“, sagt Kuratorin Dr. Simone Förster, von der Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Bayerische Staatsgemäldesammlung, München.

Gezeigt wird auch, wie schwer die Menschen ihr Geld zum Lebensunterhalt verdienen. Da schleppt der Gepäckträger gleich drei große Koffer und auch der Straßenbauer kämpft sich mit seiner schweren Last durch den Berufsalltag. „Seidenstücker zeigt die Menschen in Berlin, verknüpft aber keine politische Aussage damit. Er lässt sich einfach durch die Stadt treiben und findet so seine Motive.“

Gerne war der gebürtige Westfale im Berliner Zoo unterwegs. Mit viel Humor stellte er dort Flusspferde oder Giraffen dar. Der ausgebildete Ingenieur verdiente damit zeitweise auch seinen Lebensunterhalt. „Er arbeitete die Charaktereigenschaften der Tiere heraus, wie das eingebildete Dromedar oder das hysterische Küken, immer mit einem Augenzwinkern“, sagt Förster. Da gibt es auch schon mal Elefanten, die ihre Rüssel liebevoll verknoten oder den großen Bären, der ganz entspannt seine Gliedmaßen von sich streckt.

Zu sehen sind seine Aufnahmen im Kölner Kollwitz-Museum am Neumarkt, das die neue Sonderausstellung gemeinsam mit der Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Bayerische Staatsgemäldesammlung, München konzipiert und an den Rhein geholt hat. Dort ist die Schau zu sehen, wenn die Corona-Lage die Öffnung der Museen wieder zulässt. Die Ausstellung läuft unter dem Titel „Leben in der Stadt“ bis zum August.

Autor: Von Stephan Eppinger
Foto: Die Kuratorin der Fotoausstellung im Kollwitz-Museum zu Friedrich Seidenstücker, Dr. Simone Förster. | Foto: Eppinger

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