So weit, so normal, ist es doch der Job von Galeristen, neue Künstler zu finden, und die Galerie Brigitte Schenk hat auch bereits in der Vergangenheit unbekannte Künstler aus Nordafrika und dem Mittleren Osten (Tarek Al-Ghoussein, Mahi Binebine, Shahram Karimi, Abdullah Al Saadi) in Deutschland präsentiert.
Doch Hoor Al Qasimi ist nicht irgendwer. Die 31-jährige Künstlerin, mit vollem Titel „Ihre Hoheit Sheikha Hoor bint Sultan Al Qasimi“,  ist die Tochter des Herrschers von Sharjah (Schardscha), eine Sheikha aus einem der reichen Golf-Emirate. Mehr noch: Als Leiterin der „Sharjah Biennial“, der vielleicht wichtigsten Kunstausstellung in den arabischen Ländern, und Präsidentin der daraus hervorgegangenen Sharjah Art Foundation, ist Hoor al Qasimi ein wichtiger Player der internationalen Kunstszene.

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Sharjah (Schardscha), weniger bekannt als Dubai oder Abu Dhabi, ist das drittgrößte der sieben Vereinigten Arabischen Emirate. In Sharjah (City) leben 800.000 der ca. eine Million Einwohner des Emirats.
Die Al Qasimi herrschen seit dem 18. Jahrhundert über Sharjah. Seit 1972 wird das Emirat von Sheikh Sultan bin Mohammed al-Qasimi III (*1939) regiert – der in Großbritannien mit einer geschichtswissenschaftlichen Arbeit promoviert hat, die zeigen will, dass Sharjahs Ruf als Piratennest im 19. Jahrhundert vor allem den Briten und der East Asia Company als konstruierter Vorwand diente, um sich den strategisch wichtigen Küstenstreifen am Persischen Golf zu ihrem eigenen ökonomischen Vorteil zu unterwerfen.

Heute gilt Sharjah trotz aller modernen Hochhäuser als besonders konservatives Emirat – fast ein Gegenbild zu dem nur 15 Kilometer entfernten Dubai: Es herrscht offiziell absolutes Alkoholverbot und das Straßenbild ist geprägt von Frauen, die den traditionellen Hidschab tragen, der den Körper von Kopf bis Fuß verhüllt und nur einen schmalen Sehschlitz für die Augen lässt.

Künstler zu sein, ist nirgendwo auf der Welt einfach, in einem arabisch-islamischen Kontext noch etwas schwieriger. Künstlerin zu sein, ist vielleicht noch etwas schwieriger; die Rolle der arabischen Künstlerin ist – außerhalb des Musiklebens – schlichtweg nicht vorgesehen. So bedarf es keiner Indiskretionen oder Insiderwissens, um sich vorzustellen, welche Reaktionen es auslöste, als Hoor Al Qasimi erklärte, dass sie Künstlerin werden wolle.

Aber manchmal ist alles auch ganz anders. Auch wenn sie öffentlich nie unverschleiert auftreten, entsprechen auch zwei andere Frauen aus dem Clan der al-Qasimi so gar nicht dem Rollenklischee der arabischen Frau.

Lubna Al Qasimi, Nichte des Herrschers von Sharjah, war die erste Frau, die einen Ministerposten in der Geschichte der Vereinigten Arabischen Emirate innehatte, nachdem sie zuvor bereits das Internet-Unternehmen Tejari, einen B2B-Online-Marktplatz, gegründet und als Vorstandsvorsitzende geleitet hatte. Gegenwärtig ist sie Ministerin für Außenhandel der Vereinigten Arabischen Emirate. Auf der letztjährigen FORBES-Liste der 100 mächtigsten Frauen der Welt fand sie sich auf Platz 70 wieder.

Noch ungewöhnlicher ist Elham Al Qasimi. Die bildhübsche 29-Jährige organisierte im letzten Jahr ihre eigene Expedition in die Eiswüsten der Polarregion und war die erste arabische Frau am Nordpol  (CNN-Interview) 12 Jahre lebte Elham al-Qasimi mit ihren Eltern in den USA. Vielleicht ist es diese US-Prägung, die neben ihrem akzentfreien Amerikanisch ihre Vorliebe für physische Herausforderungen erklärt; in den USA trat sie als Jugendliche auf nationalen Meisterschaften in der koreanischen Kampfsportart Tang Soo Do an.
Im Hauptberuf ist Elham Al Qasimi eigentlich Investmentbankerin. Mit einem Management-Master der renomierten London School of Economics (LSE) in der Tasche, arbeitete sie drei Jahre bei JP Morgan in London, danach bei Impetus Trust, einer Londoner Investmentfirma, die in gemeinnützige Projekte und Unternehmen (venture philanthropy) investiert. Zukunft offen.

Hoor Al Qasimi hat sich auf ihre Weise ihre Freiheit gesucht. Um Kunst zu studieren, ging sie nach London. Seitdem lebt sie teilweise dort. Doch Hoor Al Qasimi ist nicht nur eine Frau, die sich als Künstlerin eine Existenz/Identität schaffen muss. Sie ist eben auch die Tochter des Emirs von Sharjah, Mitglied eines regierenden Herrscherhauses eines Golfemirats – man könnte es Schicksal nennen.

Dieses Schicksal schlug in den vergangen Jahren gleichsam mehrmals zu: 2003, da war sie 22, machte der Sheikh Sultan seine Tochter zur Direktorin der von ihm selbst 1993 begründeten Kunst-Biennale "Sharjah Biennial". Hoor Al Qasimi, die sich als Künstlerin sah, musste plötzlich auch die Rolle der Kuratorin und Ausstellungsmacherin ausfüllen.

Im Frühjahr diesen Jahres zeigte sich dann, welch schwierige Konsequenzen diese Situation haben kann. Im Rahmen der Sharjah Biennial 10 zeigte der algerische Künstler, Journalist und Schriftsteller Mustapha Benfodil im historischen Zentrum von Sharjah eine Installation, die wohl vor allem wegen ihres sexuell expliziten Vokabulars zur Entrüstung vieler Einheimischer führte.

Daraufhin feuerte Sheikh Sultan den künstlerischen Leiter der Sharjah Foundation, Jack Persekian, von heute auf morgen. Seine Tochter, formal Präsidentin der Foundation, musste in den folgenden Tagen und Wochen den entstandenden weltweiten Reputationsschaden eindämmen. (Photos der Installation lassen sich noch im Internet finden)

Doch nicht nur die Kunstfreiheit in Sharjah, sondern die wichtige Kunstbiennale selbst, sind nun schlagartig mit einem Fragezeichen versehen. Ob zu Recht oder Unrecht wird vor allem Persekian, der die Sharjah Biennial seit 2005 als künstlerischer Leiter prägte, von vielen als der eigentliche Erfolgsfaktor gesehen.
Der Amerikaner armenischer Herkunft, aufgewachsen im palestinensisch geprägten Teil von Jerusalem, ist einer der wichtigsten Kunstmittler im Mittleren Osten. Mit seiner 1992 in Ost-Jerusalem eröffneten Kunstgallerie Anadiel und der 1998 in’s Leben gerufenen Al-Ma’Mal Foundation hat er vielen arabischen Künstlern eine Plattform geschaffen. Auch in Deutschland ist Jack Persekian kein Unbekannter. Als Kurator (zusammen mit dem niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas) verantwortete er die Ausstellung „Dubai Next“ im Vitra Design Museum in Weil am Rhein (2008), zuvor die Ausstellung „Desorientation – Contemporary Arab Artists from the Middle East“ im Haus der Kulturen der Welt in Berlin (2003).

Die nächsten Monate werden kritisch sein für Hoor Al Qasimi. Für 2013 steht die nächste Biennale an, für das nächste Frühjahr bereits das nächste "March Meeting". Keine leichte Aufgabe.

Hoor al Qasimis eigene künstlerische Arbeit scheint von den spannungsreichen Realitäten des Mittleren Ostens so weit weg wie man sich das nur irgend denken kann. Die in Köln ausgestellten Photo-Arbeiten, entstanden auf einem Road trip in den USA, zeigen kein Land, sondern eine Stimmung – und die ist extrem düster.

Wie üblich, gibt sich die Galerie natürlich alle Mühe, die intellektuelle Verpackung für diese Ausstellung zu liefern:
"Die flüchtigen, oft aus dem Auto geschossenen Fotos, die Momentaufnahmen, eingefangen im diffusen Licht der Abenddämmerung, verdeutlichen nur zu sehr eine neue Qualität von Bewusstsein", schwurbelt die Galerie.
"Extreme Mobilität und Flexibilität des Standortes, ständiges Transit-Dasein, die Gleichzeitigkeit von komplexen Vorgängen, das Umschichten von linearer Bewegung in synchrones Voranschreiten von Zeit hat zu einem Paradimgenwechsel von Selbstdefinition geführt. Nicht "Wer bin ich", sondern "Wo bin ich" ist die Frage, die eine neue Qualität von Identität herstellt, mutiert durch globale Evolution".

Man muss solche Texte von Museen und Galerien, die so oft die Intelligenz, den guten Menschenverstand und die deutsche Sprache beleidigen, nicht allzu ernst nehmen. Dass Hoor Al Qasimi eine Frau ist, die ein paar mehr Fragen zu ihrer eigenen Identität zu lösen hat, ist offenkundig. Dass diese Arbeiten der Ausweis einer erfolgreichen Selbstdefinition sein sollen, gar von einem "Paradigmenwechsel von Selbstdefinition", ist lächerlich.

Mit der gleichen Berechtigung könnte man sich einen Text zusammen basteln, der "Off Road" als Auseinandersetzung mit den großen amerikanischen Mythen von Straße und Freiheit, mit „On the Road“ von Jack Kerouac und einer langen Reihe von Road-Movies darstellt.

Spätestens aber, wenn die Galerie auch noch behauptet, die Arbeiten spiegelten die "Aufbruchstimmung der Künstler aus der Menasa-Region (Middle East, North Africa, South Asia)" wider, wundert sich der geneigte Betrachter dann doch. Denn was jedem Besucher der Ausstellung wohl als erstes in’s Auge springt, ist der   auffallend düstere Charakter praktisch aller Arbeiten. Mit der gleichen (Nicht-)Berechtigung ließe sich also hier ein großer Pessimismus hineininterpretieren. Welch ein Unsinn!

Menschen, die im permanenten Spagat zwischen verschiedenen Identitäten leben, sind nicht unbedingt glücklich. Aber sie sind gute Brückenbauer. Man mag hoffen, dass es Al Qasimi gelingen wird, die Kraft der (westlichen) Kunst, Fragen zu stellen, für einen arabisch-islamischen Kontext fruchtbar zu machen.
Und man wünscht der Künstlerin Hoor Al Qasimi, dass es nicht ihr Schicksal sein wird, nach dem zaghaft-unspektakulären Coming-Out in Köln ihre künstlerische Karriere gleichsam höheren Familieninteressen opfern zu müssen.

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Galerie Brigitte Schenk
Albertusstr. 26
50667 Köln
TEL:  0221. 925 09 01
FAX:  0221. 925 09 02

Öffnungszeiten
Di – Fr 11 – 13, 15 – 18 Uhr
Sa 11 – 14 Uhr
Hoor Al Qasimi – Off road
Ausstellung: 29.06.11 – 12.09.11

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