Das Symbolbild zeigt einen Blick über Turin

Von Christoph Mohr

Köln | Kölns Partnerstadt Turin hat gewählt. Das Experiment Cinque Stelle ist vorüber. Der neue Bürgermeister ist der Sozialdemokrat Stefano Lo Russo.

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Es war ein Experiment. Als vor einigen Jahren die allgemeine Unzufriedenheit der Italiener mit ihrem politischen Establishment die Protestbewegung Cinque Stelle (Fünf Sterne) nach oben spülte, wechselten die politischen Mehrheiten nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch auf regionaler und kommunaler. Die „Grillini“ waren nicht nur in der italienischen Regierung, reihenweise kamen auch Bürgermeisterämter in ihre Hände. In Rom wurde die junge Rechtsanwältin Virginia Raggi Bürgermeisterin, in Turin Chiara Appendino.

Heute, fünf Jahre später, ist Ernüchterung eingekehrt. Die „Grillini“ sind in den Meinungsumfragen abgestürzt. Zeitweise sah es so aus, dass, sollte es auf nationaler Ebene vorgezogene Neuwahlen geben, Italien extrem rechts regiert werden könnte, bishin zu den sogenannten Postfaschisten und Neofaschisten.

Doch es ist wieder ganz anders gekommen. Bei den landesweiten Kommunalwahlen der letzten Wochen hat Italien nicht rechts, sondern rot gewählt. Der große Wahlsieger ist der Partito Democratico (PD) unter seinem neuen Parteichef Enrico Letta, 55, von der politischen Ausrichtung vergleichbar der deutschen SPD.

So sind nunmehr alle fünf großen italienischen Städte in der Hand der „Democratici“, neben Rom auch Mailand, Neapel, Bologna und Kölns Partnerstadt Turin, außerdem Palermo (wo nicht gewählt wurde). Unglaublich, aber wahr: Die italienischen Straßen beherrschten in Italien zuletzt mancherorts Impfgegner, so genannte Postfaschisten und echte Neofaschisten, doch an den Wahlurnen haben die Italiener landesweit mehrheitlich links gewählt.

Sindaco Stefano Lo Russo

In Turin wurde soeben der 46-jährige Stefano Lo Russo zum neuen Bürgermeister gewählt, im Hauptberuf Professor, doch bereits seit 15 Jahren in der Turiner Stadtpolitik aktiv. Im 2. Wahlgang schlug er seinen Kontrahenten, den Weinunternehmer Paolo Damilano, mit 59,23% der abgegebenen Stimmen deutlich.

Lo Russo gibt sich bodenständig: „Ich bin in Turin geboren und im Stadtviertel Santa Rita aufgewachsen, wo ich noch immer lebe. Ich habe immer den Sport und den Fußball geliebt.“ Was man so sagt.

Bemerkenswert ist der Umstand, dass Lo Russo seinen Wahlsieg am Wahlabend dem Salesianer-Priester Don Aldo Rabino (1939-2015) „widmete“. Der in Turin legendäre „Fußball-Priester“ habe ihn zum gesellschaftlichen Engagement gebracht, so der neue Turiner Bürgermeister.

So wurde Lo Russo bereits 2006, im Alter von dreißig Jahren, zum ersten Mal in den Stadtrat (Consiglio Communale) gewählt, 2011 wiedergewählt, im letzten Stadtparlament war er Fraktionschef.

In seinem bisherigen Hauptberuf ist Lo Russo Professor am Politecnico di Torino. Hier, an der ältesten und auch heute noch besten Technischen Hochschule Italiens, hat er auch Geologie studiert, in Umwelttechnik promoviert und danach seine gesamte akademische Karriere gemacht. Seit 2017 ist er ordentlicher Professor. Seine wissenschaftliches Arbeitsgebiet ist die Geothermie, besonderes Interessengebiet Grundwasservorkommen.

Nur eine Woche nach seinem Wahlsieg hat Lo Russo bereits die neue Turiner Stadtregierung vorgestellt – nicht unbedingt zur Freude des Partito Democratico. Wie in vielen italienischen Kommunen zeigt sich auch in Turin eine Zersplitterung des Parteienspektrums mit Dutzenden von Listen, die jetzt bei der Besetzung der Dezernentenposten berücksichtigt werden mussten. So sind von den elf zu besetzenden Dezernenenposten nur drei an PD-Leute gegangen. Besondere Unzufriedenheit hat mancherorts auch hervorgerufen, dass der neue Bürgermeister mit Paolo Mazzaleni einen ortsfremden Mailänder zum Dezernenten für Stadtplanung gemacht hat.

Kulturdezernentin wurde die Neapolitanerin Rosanna Purchia. Auch hier hatten sich wohl Andere Hoffnungen gemacht. Außer Frage steht, dass die heute 68-Jährige eine sehr erfahrene Kulturmanagerin ist. 1953 in Neapel geboren, sammelte sie in den 1970er Jahren erste Theatererfahrungen in ihrer Heimatstadt, ging dann aber 1976 nach Mailand an das legendäre, später weltberühmte Piccolo Teatro von Giorgio Strehler. Eine bessere Referenz kann es in der italienischen Theaterwelt kaum geben. 2009 kehrte Rosanna Purchia noch einmal nach Neapel zurück, wo sie bis 2020 Intendantin des Teatro di San Carlo blieb, eine der großen Opernbühnen Italiens. Dort amtet heute der Franzose Stéphane Lissner, zuvor Direktor der Pariser Oper.

Rosanna Purchia aber ging nach Turin, wo sie kommissarisch die Leitung des Teatro Regio übernahm. Das (ehemals königliche) Opern- und Theaterhaus, bereits 1740 eröffnet, hat große Momente erlebt. 1896 wurde hier Puccinis „La Bohème“ uraufgeführt, heute eine der meistgespielten Opern weltweit. Der legendäre Dirigent Arturo Toscanini brachte hier mehrere Wagner-Opern zur Aufführung.

In den letzten Jahren jedoch hat das Teatro Regio nicht unbedingt glückliche Zeiten durchlebt. Ein Jahr lang, von Mitte 2019 bis Herbst 2020, amtete hier der Deutsche Sebastian Schwarz als Generalintendant und künstlerischer Direktor. Dann übernahm Rosanna Purchia kommissarisch die Gesamtleitung, Schwarz blieb aber als künstlerischer Leiter, was er auch bis Ende 2022 bleiben soll. Als Highlight angekündigt ist eine Don Giovanni-Inszenierung von Opernstar Riccardo Muti.

Nun also wird es eine der ersten Aufgaben der neuen Turiner Kulturdezernentin sein, ihre eigene Nachfolge zu regeln. Gesucht ist ein neuer Intendant für das Teatro Regio.

Die neue Turiner Stadtregierung ist mehrheitlich weiblich: Von den 11 Dezernentenposten sind sechs mit Frauen besetzt worden. Michela Favoro wird Vize-Bürgermeisterin. Die 48-jährige Juristin, die aus der Privatwirtschaft (Fiat u.a.) kommt, ist nunmehr für Personal und Recht zuständig. Darüber hinaus wird Nadia Conticelli Präsidentin des Stadtparlaments (Consiglio Comunale).

In der eigenen Hand behält Bürgermeister Le Russo übrigens die internationalen Beziehungen, also auch die Verbindung nach Köln: Aus Colonia mag man ihm zurufen: Benvenuto sindaco.

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