Köln | Friedrich Schillers erstes Drama „Die Räuber“ ist kanonische Schullektüre. In „Raub“ im Orangerie Theater nehmen zwei Brüder das Werk zum Anlass, sich über die Beziehung zum Vater Gedanken zu machen. Ein amüsantes und visuell überzeugendes multimediales Experiment.

Am Anfang ist Vogelgezwitscher. So wie im Wald, in den es Karl von Moor in Schillers „Räuber“ als Räuberhauptmann zieht. Doch das Vögelchen, das sieht man auf einem kleinen Fernseher, wird festgehalten, darf nicht wegfliegen. Keine Freiheit.

Werbung

Auf weißen Kästen sind Kindheitserinnerungen ausgestellt. Ein Super-Nintendo-Spiel, eine McDonald’s-Tüte, ein weißer Plüschhase. Dazwischen Jean Paul Baeck, der liest, vorliest, den Stimmen aus dem Nichts zuhört. Paul spielt sich selbst, so scheint es. Weiße Sneaker, hochgekrempelte rote Hose, weißes Hemd, schwarze Jacke mit goldenen Löwen. Cooler Typ.

Sein Bruder Jonas Baeck kommt rein, das genaue Gegenteil. Blau karierter Dreiteiler, wie er Alexander Dobrindt gefallen würde. Blaue Lederschuhe, rosa Hemd, passende gestreifte Krawatte. Er trägt einen knallgrünen Schildkrötenrucksack. Auch eine Kindheitserinnerung.

Papa, Paps, Vater, Vati – oder Väterchen?

Die zwei Brüder reden miteinander über das, was hier gerade vorgeht: Die Premiere von „Raub – nach F. Schiller“. Die Zuschauer sind Teil dieser Stückentwicklung, die gerade Premiere feiert. Jonas hat in letzter Minute noch etwas geändert, hatte eine Eingebung. Paul ist schockiert, er wurde übergangen. Sie schreien sich an, sie diskutieren, sie probieren sich aus. Wenn Franz und Karl von Moor nach knapp 250 Jahren nicht mehr auf der Bühne stehen können, dann müssen sie es eben tun.

Sie zeigen Dias vom Kindergeburtstag, untermalt durch ziemlich atmosphärische Geräusche, die die DJane live durch Scratching erschafft. Sie nähern sich dem Thema an, der Vater, das Väterliche, die Prägung, die Identität. Paul übt einen Monolog. Lieber Papa. Lieber Pa, was ich schon lange… Lieber Paps, nein, lieber Vater, was ich… liebes Väterchen… Sehr geehrter Herr. Ein Gespräch mit dem Vater ist nie leicht, und es fängt schon mit dem richtigen Namen an. Paul schaut kritisch zu, sagt seinem Bruder, seinem Mitspieler, die Meinung.

Eine rundum gelungene Spielzeiteröffnung

Von harmonisch über absurd bis aggressiv entsteht eine ausgesprochen spannende Dynamik zwischen den beiden echten Brüdern, die Brüder spielen. Wo das Spiel endet und der brüderliche Streit beginnt, wird nicht immer klar. Für die Zuschauer wird’s dadurch umso unterhaltsamer. Sie loben einander, doch vor allem motzen sie sich an. Ihnen beim Streiten, beim Schimpfen, beim Anschreien zuzusehen macht einfach Spaß.

Der Vater, der Abwesende, der Krieger, der Strafende, Gnädige, Lobende. Der lacht und weint (wirklich?). Der seine Söhne prägt, die wiederum Hermann Hesse, Michael Ende, Franz Kafka, Franz von Assisi, den König der Löwen und, natürlich, Schiller bemühen, um die richtigen Worte zu finden.

Die Zuschauer erleben ein Potpourri aus Film, Comic, Dia, Musik und Schauspiel, vereint zu einem bunten, multimedialen Experiment. Paul und Jonas kreieren Stück für Stück, visuell sehr eindrucksvoll, ein Vaterbild, das einlädt, selbst zu reflektieren und zu erinnern – das ist der große Verdienst der Performance. Wer von beiden nun Franz und wer Karl ist, wird da in dieser gelungenen Spielzeiteröffnung zur Nebensache.

[infobox]„Raub – nach F. Schiller“ – die nächsten Vorstellungen: 13. bis 15. (18 Uhr), 25. bis 28. September, jeweils 20 Uhr, am 15. September 18 Uhr. Orangerie Theater, Volksgartenstr. 25, 50677 Köln.

[/infobox]

Autor: Fabian Schäfer | Foto: Gerhard Richter
Foto: Die zwei ungleichen Brüder Jean Paul Baeck (l.) und Jonas Baeck. | Foto: Gerhard Richter

Werbung