Das nach der Flut zerstörte Dernau im Ahrtal. Foto: Bopp

Bad Neuenahr-Ahrweiler | Nur noch wenige Tage, und die Vergangenheit wird die Menschen im Ahrtal einholen.

Ein Jahr nach der Jahrhundertflut. Die Bilder der Katastrophe vom 14. Juli sind vor allem in den Köpfen der Einwohner nach wie vor präsent.

Das wird auch im Interview mit Andy Neumann deutlich. Der Kriminalist und Musiker aus dem Ahrtal war mit seiner Familie vom Drama selbst betroffen und hat die Geschehnisse in zwei Büchern („Vergiss mal nicht*, „Es war doch nur Regen!?) verarbeitet.

Wir haben ihn gefragt, wie es ihm heute geht.

Andy Neumann. Foto: privat

Herr Neumann, nerven Anfragen pünktlich zum Jahrestag der Flut?

Neumann: Nerven tut es mich nicht. Ich möchte meine Öffentllchkeit nutzen, ich bin froh, dass ich die generieren kann. Natürlich ist es so, dass das Näherrücken des Jahrestags mit allen was macht. Ich habe mir den 14. und 15. freigehalten. Vielleucht hauen wir dann auch ab. Ich habe keine Ahnung was das mit mir machen wird. Es zeichnet sich ab, dass es schwer wird. Es kommt vieles hoch.

Egal wieviel die lokale Administration falsch macht, ich liebe dieses Tal, mein Zuhause.

Andy Neumann

Haben Sie noch Albträume?

Neumann: Das Verarbeiten hat funktioniert, ich hab es runtergeschrieben. Ich habe nichts davongetragen, was mich beeinflussen würde. Nichtsdestotrotz: Wir haben uns alle verändert. Ich bin jetzt näher am Wasser gebaut, mich rühren menschliche Schicksale mehr. Emotional hat uns im Tal das Drama ein Stück weiter verändert.

Hatten Sie nie den Gedanken wegzuziehen?

Neumann: Ne, den Gedanken hatte ich nicht. Egal wieviel die lokale Administration falsch macht, ich liebe dieses Tal, mein Zuhause. Die Option würde sich nie stellen.

Wie sieht denn heute Ihr Haus jetzt aus?

Neumann: Wir sind quasi in den letzten Zügen, bekommen den Anstrich und sind dann fast fertig. Wir haben Luxusprobleme im Vergleich zu anderen Betroffenen. Aber der Alltag ist natürlich auch bei uns noch nicht da wie vor der Flut.

Ist der oft gehörte Vorwurf, die Flutopfer seien oder würden vergessen, berechtigt?

Neumann: Den kann ich verstehen, aber nicht teilen. Für mich war klar, wenn z.B. Afghanistan in den Fokus kommt, also wenn weltpoiltische Dinge passieren, verdrängen die das Ahrtal aus den Schlagzeilen.

Aber die Ahr ist nie aus den Medien komplett verschwunden oder in Vergessenheit geraten. Man merkt es jetzt aktuell, wir sind gefühlt in jedem Podcast. Man kann nicht behaupten, die Ahr sei vergessen worden. Man muss damit umgehen können, dass andere Themen in den Fokus geraten sind.

Was halten Sie von Menschen, die als Helfer bekannt geworden sind, aber auch polarisieren?

Neumann: Ich will es nicht an Namen festmachen. Es gibt genug Leute, die ihren Heldenstatus selbst angekratzt haben. Dass sehen viele im Tal so. Viele haben sich mit dem Arsch eingerissen, was sie aufgebaut hatten.

Wie war die Resonanz auf Ihr jüngstes Statement im Innenausschuss, in dem Sie den Katastropheschutz mit Kreisliga gleichsetzten?

Neumann: Die Reaktionen waren durchweg positiv. Sowohl im Bundestag als auch draußen. Mich haben Feuerwehrhelfer angeschrieben, es war unisono lobend. Der Katastrophenschutz ist, was seine Struktur angeht, katastrophal. Es hat sich noch nichts getan, aber ich habe die Hoffnung, dass sich was ändert. Es kann nicht weitergehen wie bisher. Es wird nicht ohne eine Zentralstelle gehen.