Hamburg | Eigentlich sollte er längst tot sein. „Eine Wahrsagerin“, sagt Gunter Gabriel, „hat mir prophezeit, ich sterbe mit 40“. Sie hatte unrecht. Am 11. Juni wird Deutschlands bekanntester Country-Sänger 70 Jahre alt. Was er bisher erlebt hat, reicht für vier Leben: Vier mal verheiratet und geschieden, vier Kinder von vier verschiedenen Frauen. Oft ist er abgestürzt, doch immer wieder aufgestanden.

Tief und rau ist Gabriels Stimme. Sie passt zur mächtigen Erscheinung des fast zwei Meter großen Mannes. In roter Jogginghose, weißem T-Shirt und ohne Socken steht Gabriel in seiner Küche. In der Hand wippt die Kaffeetasse auf und ab, immer mit der Bewegung des Hausboots, auf dem er seit vielen Jahren im Süden Hamburgs lebt. Wie ausgetrocknete Flüsse durchziehen Falten sein breites Gesicht, die blonden Haare sind an den Schläfen ergraut.

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Fast wäre Gabriel tatsächlich jung gestorben. Damals, in den 80ern, als er pleite war und im Wohnwagen lebte, dachte er an Selbstmord. „Der Absturz“, sagt er heute, „war meine eigene Schuld“. Von einen Tag auf den anderen habe er zehn Millionen Mark mit Immobiliengeschäften verloren. Gabriel, der mit bürgerlichem Namen Günter Caspelherr heißt, war am Ende. „Ich hatte keinen Respekt vor Geld.“ Er nippt an seiner Kaffeetasse. „Das lag an meinem Vater, für den Geld alles war.“ Nach dem frühen Tod der Mutter hatte der Vater ihn und seine Schwester in Westfalen alleine aufgezogen.

1,6 Millionen Kilometer durch Deutschland getourt

„Als Kind hat er mir immer gesagt, ich sei die Eigenheim-Hälfte, die er wegen mir nicht haben könne. Meine Schwester war ein Eckhaus.“ Regelmäßig seien die Geschwister verprügelt worden. „Heute weiß ich“, sagt Gabriel, „dass es die Gewaltspirale des Krieges war. Mein Vater war in Stalingrad.“ Im Alter von 17 Jahren wehrte sich der Junge gegen die Prügel, schlug den Vater selbst halb tot. Dann lief er weg. „Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.“

Gabriel sitzt nun an dem großen Holztisch seiner schwimmenden Küche. Die Fenster geben den Blick auf den Hafen der Werft frei, in dem sein Hausboot festgemacht ist. Die Erlebnisse der Kindheit, sagt er, hätten seine Musik geprägt, weil sie ihm Mitgefühl für die Unterprivilegierten gaben. Für sie schrieb er Lieder wie „Er ist ein echter Kerl (Er fährt ’nen 30-Tonner Diesel)“ und „Hey Boss, ich brauch‘ mehr Geld“. Manchmal spielt er wie sein Vorbild Johnny Cash in Strafanstalten. Viele seiner Zuhörer dort hätten eine ähnliche Kindheit gehabt wie er selbst, sagt Gabriel.

Schon immer tourte er durch die Republik, spielte für wenig Geld auch vor kleinem Publikum. Stolz zeigt Gabriel seinen kleinen schwarzen Tourbus, der unweit des Bootes parkt. „1,6 Millionen Kilometer hat der runter.“ Zudem schrieb er Lieder für Künstler wie Rex Gildo oder Peter Alexander. In die Schlagzeilen geriet Gabriel mit Alkoholexzessen, Beschimpfungen und Frauengeschichten. Auch mit Schlägen für seine Partnerinnen. „Es gibt Momente“, erklärt er seine Ausbrüche, „wo ein Mensch an eine Grenze kommt, an der er sich vollkommen vergisst. An dieser Grenze war ich, wenn ich zuschlug.“

Das bürgerliche Glück nie gefunden

Abstürze gab es in Gabriels Leben viele, doch er schaffte immer das Comeback, auch finanziell. Um seine Schulden zu bezahlen, bot er vor fünf Jahren in einer Fernsehsendung an, für 1.000 Euro in den Wohnzimmern von Fans zu spielen. Tausende Leute meldeten sich. Mit „Sohn aus dem Volk“ gelang ihm 2009 seine beste Platte. Und jüngst feierte er als US-Country-Ikone Johnny Cash – der sein musikalisches Vorbild und Freund war – in einem Musical Erfolge. Am 11. Juli will er damit wieder im Altonaer Theater auftreten. Cash zu spielen, sagt Gabriel, „ist der Höhepunkt meines Lebens“.

Trotz Ruhm, Frauen und Geld sieht sich Gabriel als Verlierer. „Mein Problem ist“, sagt er ,“dass ich immer das bürgerliche Glück suchte, eine Familie“. Das habe er nie gefunden, denn auf Dauer könne er keine anderen Menschen um sich herum ertragen. Rückblickend bereue er am meisten, dass die Ehe zu seiner zweiten Frau Kirsten scheiterte. Doch allein für „all die Frauen am Wegesrand“ sei es wert gewesen zu leben.

„Ich hab mich oft verlaufen, doch ich hab‘ mich nie verloren“, singt Gabriel in „Mein Weg“. Dieser Weg ist noch nicht vorbei, vielleicht findet er sein Glück noch. Gabriels größter Wunsch zum 70. Geburtstag ist es, im Bundestag aufzutreten. Schließlich sei er ein Sohn aus dem Volk. Deswegen spiele er auch weiter für 1.000 Euro in den Wohnzimmern seiner Fans. Irgendwann, sagt er, wolle er mit seinem Hausboot aus Hamburg weiterziehen. „Hinter Lüneburg sieht es aus wie in Louisiana.“

Autor: Markus Huth, dapd | Foto: Olaf Malzahn/dapd
Foto: Gunter Gabriel am Mittwoch (30.05.12) auf seinem Hausboot in Hamburg-Harburg während eines Interviews. Gabriel wird am 11. Juni 70 Jahre alt und blickt auf ein bewegtes Leben zurück.

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