Solingen | Peter Schauerte-Lüke ist Impresario, Inspizient, Bühnenbildner, Dramaturg, Regisseur und Solist in einem. Wenn der 60-Jährige sein Publikum im alten Klassenzimmer auf der Schloss Burg in Solingen begrüßt, dann bittet er nicht nur zu ungewöhnlichen Aufführungen von Mozarts „Zauberflöte“ oder Shakespeares „Sommernachtstraum“. Er ist auch Mädchen für alles, leitet er doch das einzige Papiertheater Deutschlands, das regelmäßig Aufführungen für die Öffentlichkeit zeigt.

Papiertheater entstand in der Zeit der Romantik

In dem etwa 30 Quadratmeter großen ehemaligen Klassenzimmer präsentiert der gelernte Buchhändler seine Stücke – derzeit hat er rund 30 Opern, Schauspiele und Märchen im Programm. „Das Papiertheater entstand um 1810/1811 in England und Deutschland. Es ist so etwas wie eine Volksausgabe der großen Theater“, erklärt Schauerte-Lüke den etwa 20 Besuchern, die an diesem Abend für die rund 90-minütige Aufführung der „Zauberflöte“ gekommen sind.

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Die Bühne selbst hat die Ausmaße eines etwas zu groß geratenen Flatscreen-Fernsehers. Auf dieser mit kräftigen Farben ausgestatteten Bühne lässt Schauerte-Lüke nun Tamino und Pamina, Papageno und Papagena oder die Königin der Nacht auftreten. Die Protagonisten sind Figuren, die aus historischen Bilderbogen ausgeschnitten, auf Pappe aufgeklebt und an Metallstäben und -drähten befestigt sind. Damit dirigiert der 60-Jährige die Figuren über die Bühne. Das aber ist längst nicht alles: Zudem spricht und singt er auch die meisten Partien, deklamiert in unterschiedlichen Dialekten und intoniert Freude, Ärger oder Neid der Hauptdarsteller. Von einem Computer erklingt die Klavieradaption der berühmten Mozart-Oper.

Seit 2001 betreibt Schauerte-Lüke sein Papiertheater in Solingen-Burg. Den Spielort nennt er – durchaus mit Hang zur Ironie – „Burgtheater“. In Kontakt mit dem Papiertheater war der 60-Jährige in Lübeck gekommen, wo er eine Buchhandlung betrieben hatte. „Damals hatte ein Bekannter ein Papiertheater mitgebracht“, erinnert sich der Theatermacher. 1980 gründete er seine Compagnie „Don Giovanni, Käthchen und Co“. Über einen Bekannten, der Museumsdirektor in Solingen-Burg war, kam Schauerte-Lüke dann ins Bergische Land.

Leben kann der passionierte Theatermann von den Umsätzen der Aufführungen, die von jeweils bis zu 35 Besuchern verfolgt werden können, nicht. Dazu benötigt er die Einkünfte aus seiner Textil- und Wollhandlung. Vor allem an den Wochenenden lässt er seinen Papier-Figuren dann über die Bühne ziehen. Unterstützt wird seine Arbeit von einem vor drei Jahren in Köln gegründeten Förderverein mit etwa 25 Mitgliedern.

Derzeit absolviert Schauerte-Lüke seine Abschiedssaison in Solingen, endet der Mietvertrag für den alten Klassenraum doch Mitte 2013. Dann soll die Räumlichkeit anderweitig genutzt werden. „Ich hoffe, dass ich mit meinem Theater ab dem kommenden Jahr in einem ehemaligen Kino in Köln-Mülheim auftreten kann“, berichtet er.

Die rund 800 bis 1.000 Besucher, die pro Spielzeit in sein Theater kamen, dürfte diese Nachricht freuen. „Die meisten Besucher werbe ich über das Internet“, sagt Schauerte-Lüke. Vor allem aus dem Rheinland kämen viele Gäste. Aus der heimischen Region selbst sei der Zuspruch dagegen eher gering. „Leute, die die Burg besuchen, kommen kaum spontan zu mir“, bedauert der 60-Jährige.

Wurzeln des Theaterspiels

Wer ins „Burgtheater“ kommt, der erlebt so etwas wie die Rückkehr zu den Wurzeln des Theaterspiels: kindliche Freude an der Darstellung und dem Theaterspiel, keine großen Tricks oder Raffinessen, auch die Bereitschaft, mit Pannen zu leben und zu improvisieren. Da kann eine Figur sich mal verhaken oder das falsche Musikstück angespielt werden.

Doch gerade diese handgemachte Schauspielkunst mit ihren Ecken und Kanten macht für viele Gäste den besonderen Reiz aus. „Das ist noch echtes Theater. Das normale Theater wirkt dagegen manchmal so steril“, sagt Michael Fruh aus Bad Dürrheim (Baden-Württemberg). Er ist mit seiner Familie bei einer Bekannten zu Besuch, bereits vor etwa sieben Jahren hatte er im „Burgtheater“ die Mozart-Oper „Entführung aus dem Serail“ gesehen. „Solche Spielfreude kennt man sonst nicht!“, meint Fruh.

Doch das Theater von Schauerte-Lüke ermöglicht auch Einblicke hinter die Kulissen. Nach der Vorführung dürfen die Zuschauer hinter die Bühne gehen und schauen, wie die Figuren bewegt werden, von wo die Kulissen heruntersinken, von welchem Rechner die Musik gespielt wird. Ausführlich nimmt sich der Theaterchef Zeit für alle Fragen rund um seine Arbeit. So viel Kundenpflege dürfte sonst kaum ein Regisseur oder Theaterdirektor in Deutschland betreiben.

Autor: Michael Bosse, dapd | Foto: Tim Schulz/dapd
Foto: Szene des Stücks „Die Zauberflöte“ am Donnerstag im Papiertheater im Schloss Burg in Solingen.

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