Da die üblichen Verfahren zur Kompetenzfeststellung fast ausschließlich auf Leistungen aus dem schulischen und berufspraktischen Bereich abheben, fallen Jugendliche, die diese Kompetenzen aus verschiedenen Gründen nicht vorweisen können, automatisch durchs Raster. Viele Schlüsselqualifikationen würden aber oft gar nicht in der Schule oder im Praktikum erworben, sondern vielmehr im „echten Leben“. Leider würden sie aber meistens als „selbstverständlich“ angesehen oder träten zur falschen Zeit (wie etwa das Malen im Unterricht) zutage.

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"Es bringt was"
Um diesen Jugendlichen bei der Berufsorientierung zu helfen und sie so ins Arbeitsleben zu führen, veranstaltete IN VIA, Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit Köln e.V., das unkonventionelle Projekt „Mehr Talente als gedacht! Die etwas andere Talentsuche“. Mit dabei waren benachteiligte Jugendliche aus drei Kölner Bildungseinrichtungen, der Nordpark-Schule, der Jugendwerkstatt Ehrenfeld und der Förderschule Rosenzweigweg. „Die Jugendlichen sind aus den unterschiedlichsten Gründen benachteiligt, sei es durch schwierige Familienverhältnisse, eine Lernbehinderung oder einen Migrationshintergrund“, so Aline Mühlbauer, Pressesprecherin von IN VIA. Da bei ihnen im Elternhaus keine Berufsorientierung stattfinde, falle ihnen „ganz wenig ein, wenn man sie nach ihrem Berufswunsch fragt“. Gerade diese Jugendlichen müssten aber schon sehr früh Verantwortung im Elternhaus übernehmen und viele Aufgaben erledigen. „Sie brauchen viel mehr Unterstützung, weil sie durch ihr Elternhaus keine haben, aber dann bringt es auch was“, so Mühlbauer.

"Das Projekt ist super gelaufen"
Bei der Talentsuche erstellte jesder Jugendliche seinen eigenen "Baum". Dabei stellten sechs Äste sechs Lebensbereiche dar, darunter die Bereiche „Freizeit/Hobbys/Vereine“, „Aufgaben in der Familie und zu Hause“ und „Lieblingsfächer in der Schule“. Auf die Blätter an den jeweiligen Ästen mussten die Jugendlichen dann ihre Aktivitäten in diesen Bereichen schreiben. Von Mitarbeitern der Kompetenzagentur wurden die Bäume ausgewertet und heute, 12. Mai 2011, bekamen die Jugendlichen ihre individuellen Ergebnisse. „Das Projekt ist überall super gelaufen“, freute sich Projektleiterin Elisabeth Lehmann. „Die Schüler waren gerne bereit mitzumachen und sehr aktiv.“
Die Unterstützung durch IN VIA gehe jetzt zwar nicht automatisch weiter, aber die Jugendlichen seien eingeladen wiederzukommen und sich zum Beispiel im Case-Management individuell beraten zu lassen. Das Case-Management sei mehr als eine normale Beratung und habe keine zeitliche Beschränkung, könne daher auch mehrere Monate oder über ein Jahr dauern.

Oliver, 19, aus der Jugendwerkstatt Ehrenfeld hat das Projekt gut gefallen. Es sei gut gewesen, sich einmal über seine Stärken klar zu werden. Schon vorher hatte er den Wunsch, etwas im handwerklichen Bereich zu machen. Nun soll es wahrscheinlich in Richtung Anlagenmechaniker gehen. „Das Projekt hat mich bestätigt“, sagt er.

Thema Mädchen und Frauen "stark auf dem Schirm"
IN VIA entstand vor über 110 Jahren zur Zeit der Industrialisierung, als viele Mädchen und Frauen vom Land nach Köln kamen, um Arbeit zu finden. Am Hauptbahnhof angekommen, waren sie dann völlig orientierungs- und mittellos. Katholische Frauen aus Adel und Bürgertum fühlten sich verpflichtet, ihnen zu helfen und so wurde 1898 IN VIA gegründet mit dem Ziel, Orientierung und Unterstützung bei Arbeitssuche, Ausbildung und selbständiger Existenzsicherung zu leisten. Mittlerweile dürfen natürlich auch Jungs bei den Projekten mitmachen, aber „das Thema Mädchen und Frauen haben wir immer noch stark auf dem Schirm“, so Mühlbauer.

Julia Grahn für report-k.de/Kölns Internetzeitung

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