In seinem Vortrag bei der 48. Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner prägte Warburg den Begriff der „Pathosformel“, der sich zum wahren Modewort der Antikerezeption entwickelte. Im Zentrum seiner Betrachtung lag Dürers 1494 in Venedig entstandenen Zeichnung "Der Tod des Orpheus", die er, von Nietzsche inspiriert, neu interpretierte. Dabei wandte er sich gegen das von Winckelmann geprägte Klischee, die Antike als etwas Erhabenes zu betrachten. Vielmehr zeigte Warburg, dass sich Dürer an antiken Vorbildern orientierte, wie sie beispielsweise auf Sargdeckeln zu finden sind, und somit das wild Bewegte, das Dramatische und Dionysische in Dürers Werken eine direkte Auseinandersetzung mit antiken Vorbildern war. Ausschlaggebend dafür war Dürers Italienreise im späten 15. Jahrhundert, während der er sich stark an den Künstlern Mantegna und Pollaiuolo beeinflussen ließ, da diese als Italiener ohnehin nie die Winckelmann’sche Auffassung vertraten. „Die entfesselte Antike“ zeigt die Beziehung der Künstler untereinander und dass sich sowohl die italienischen als auch die deutschen Künstler der Frührenaissance direkt aus dem Formenrepertoire der Antike bedienten.

Der Bilderatlas als Illustration der Argumentation
Des Weiteren zeigt die Ausstellung die Drucke von zwei Tafeln des nicht vollendeten letzten Großprojekts Aby Warburgs: der sogenannten Bilderatlas mit dem Titel Mnemosyne. Auf diesen Tafeln versuchte Warburg mit Hilfe von thematisch geordneten Reproduktionen verschiedensten Kunstwerke, die künstlerische Antikerezeption anhand bestimmter Motive und Formen zu veranschaulichen. Die hier gezeigten Tafeln behandeln das Orpheus-Thema, wobei sich eine besonders den unterschiedlichen Darstellungen seines tragischen Todes widmet. Das Innovative des Bilderatlasses war vor allem die Illustration seines Vortrages mit Bildern. Analog dazu findet der Besucher in den beiden Ausstellungsvitrinen unter den Tafeln die Produkte der Vorlesung Warburgs. Hier befinden sich vor allem die Beweise für Warburgs Argumentation, dass sich die Haltung von Dürers Orpheus auf antike Muster zurückführen lässt.

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So wie die Werke nun im Museum Wallraf hängen, zeigte sie Warburg 1905 während seines Vortrages auf
der 48. Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner

Warburg als Kosmopolit
Dürer galt in der Kunstszene des beginnenden 19. Jahrhunderts als Galionsfigur der Deutschen. Warburg zeigte in seinem Vortrag und der folgenden Sonderschau nicht nur ein verändertes Antikebild, sondern bewies auch den direkten Einfluss italienischer Künstler auf ihn. Damit ging Warburg gegen das „Kerndeutsche“ an und stellte stattdessen überstaatlichen Kulturtransfer heraus, der unter den zeitgenössischen politischen Einflüssen oftmals vergessen wurde.

Ein Hamburger in Köln
Die Frage drängt sich auf, warum die Rekonstruktion der Ausstellung von Warburgs Vortrag in Köln und nicht in Hamburg gezeigt wird. Schließlich war der Bankierssohn gebürtiger Hanseat und sowohl der Vortrag als auch die erste Sonderschau fanden dort statt. Die Antwort lässt sich bei Warburg selbst finden: Während seines Studiums in Bonn entwickelte er eine Affinität zum Rheinland. Nachweislich besuchte Warburg zu dieser Zeit selbst das Wallraf-Richartz-Museum. Doch sollte man den Einfluss der Kunstmetropole Köln auf den Studenten nicht überschätzen: In keiner seiner späteren wissenschaftlichen Arbeiten spielten Kölner Kunstwerke eine Rolle. Aber Warburg war begeistert vom Kölner Karneval und mischte sich sogar selbst in Verkleidung unter das jecke Treiben, was sich als eigene Interpretation des dionysischen Tanzes auslegen lässt. Warburg erlebte dadurch selbst, wie die Kunst durch Tanz und Exzess auf das Leben übergehen kann und dass somit ein Ausbruch aus der Normalität möglich ist. Diese Erfahrung schlägt sich zwar nicht direkt in der Ausstellung nieder, unterstützt jedoch den Gedanken dahinter.

Infobox:
2. März bis 28. Mai 2012
„Die entfesselte Antike. Aby Warburg und die Geburt der Pathosformel.“
Wallraf-Richartz-Museum
Obermanspforten (am Kölner Rathaus)

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag:    10 – 18 Uhr
Donnerstags:   10 – 21 Uhr
Feiertage:   10 – 18 Uhr
KölnTag im Wallraf:
am 1. Donnerstag im Monat:   10 – 22 Uhr
(ausgenommen Feiertage)

Nicola Ninnemann für report-k| Kölns Internetzeitung

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