Yilmaz Dziewior ist Direktor des Museum Ludwig in Köln.

Köln | Christoph Mohr | Yilmaz Dziewior ist Direktor des Museum Ludwig in Köln. Und nun auch Kurator des Deutschen Pavillons auf der Biennale di Venezia 2022. Aber was macht eigentlich ein Kurator? Und warum ist die Kunst-Biennale von Venedig so wichtig?

Interview: Christoph Mohr

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Erklären Sie doch einmal einem Nicht-Fachpublikum die Bedeutung der Biennale von Venedig. Wie wichtig ist die Biennale? Auch: Wichtig für wen und was?

Yilmaz Dziewior: Die Biennale Venedig ist deshalb so bedeutend, weil Sie die Mutter aller Biennalen ist. 1895 wurde Sie gegründet, findet alle zwei Jahre statt und hat sich als Erfolgsmodell und Vorläufer für andere Biennalen in der Welt etabliert. Sie ist sowohl für das Fachpublikum interessant als auch ein großer Tourismusmagnet für Venedig.

Es wird immer eine Konkurrenzsituation zwischen der Biennale von Venedig und der documenta in Kassel behauptet. Ist das so?

Eigentlich besteht nicht wirklich eine Konkurrenzsituation zwischen der documenta Kassel und der Biennale Venedig. Durch die Pandemie finden jetzt die documenta Kassel und die Biennale Venedig im selben Jahr statt und ich gehe davon aus, dass viele, die von Übersee die documenta besuchen, auch die Gelegenheit nutzen werden, die Biennale Venedig anzuschauen. Insofern gibt es eher ein Synergieeffekt.

Einmal abgesehen davon, dass Venedig vielleicht etwas schöner ist als Kassel, worin bestehen die Unterschiede?

Anders gefragt: Gibt es Künstler oder Kunstwerke, die man in Venedig zeigen kann und nicht in Kassel und umgekehrt?

Die Unterschiede zwischen Venedig und Kassel sind gravierend. Vor allen Dingen in den Länderpavillons und den damit verbundenen Fragestellungen. Im Gegensatz dazu ist die documenta eine große Gruppenausstellung. Trotzdem kann es zu Überschneidungen kommen, dass Künstlerinnen und Künstler, die in der documenta ausstellen auch auf der Biennale sei es in einem Pavillon oder einer Themenschau präsent sind.

Ein Wort zu Italien. Wie wichtig ist Ihnen Italien, das italienische Kunstverständnis, das italienische Verständnis von Schönheit, italienische Künstler?

Ein ausgeprägtes italienisches Verständnis von Kunst und Schönheit kann ich nicht zwingend erkennen. Darüber hinaus ist die Biennale Venedig international.

Ein Wort zu Venedig. Ist Venedig für Sie nur Kulisse oder mehr?

Die Schönheit von Venedig trägt sicherlich zu einer besonderen Wahrnehmung und Grundverfassung der Besucher*innen der Biennale bei. Dabei verfolgt einen die Geschichte auf Schritt und Tritt, was sich ebenfalls auf die Betrachtung der zeitgenössischen Kunst auf der Biennale auswirkt.

Eine Besonderheit der Biennale sind die Länderpavillons, Einzelgebäude, die jedes Land nach seinen eigenen Vorstellungen bespielt. Diese Länderpavillons stammen aus einer Zeit der Weltausstellungen, die sich als Leistungsschauen verstanden, als ein Wettbewerb der Länder. Ist das Prinzip dieser Länderpavillons nicht hoffnungslos anachronistisch?

Die Biennale Venedig ist eine der letzten Institutionen, auf der noch Länderpavillons zu finden sind. Das macht sie unter anderem besonders bemerkenswert. Viele künstlerischen Positionen setzen sich deshalb mit der kulturellen und nationalen Identität auseinander, was mitunter zu ganz herausragenden Arbeiten führt.

Der Deutsche Pavillon, 1938 von Nazi-Deutschland in einen Repräsentationsbau im neoklassizistischen Stil umgebaut, erscheint heute als Architektur gewordene Nazi-Ideologie.

Seit den 1970er Jahren haben sich eine Reihe von deutschen Biennale-Teilnehmern, darunter Joseph Beuys (1976), Georg Baselitz (1980) oder Hans Haacke (1993), künstlerisch damit auseinandergesetzt. Welche Bedeutung hat dieses NS-Erbe für Sie als Kurator? Wie wichtig war das in Ihren Überlegungen?

Die steingewordenen Ideologie der Biennale Venedig lässt sich nicht verneinen. Auch für meine Überlegung bei der Auswahl der Künstlerin Maria Eichhorn spielte die Architektur und die Geschichte des Ortes eine Rolle.

Gerhard Richter hat 1972 als alleiniger Künstler den Deutschen Pavillon mit 48 Männerportraits in fotorealistischer Manier bespielt (Kurator: Dieter Honisch, Neue Nationalgalerie Berlin). Die Arbeiten gehören heute dem Museum Ludwig; sind hier auch verschiedentlich ausgestellt worden. Was ist so bedeutsam an diesen abgemalten Männer-Photos?

Die Arbeit von 48 Männerportraits, die Gerhard Richter 1972 für den Deutschen Pavillon malte, zählt zu den Hauptwerken des Künstlers. In ihnen kristallisiert sich eine absichtsvolle Uneindeutigkeit, die sich durch das gesamte Werk von Richter als konzeptuelle Strategie zieht. Der Wunsch des Betrachters inhaltliche Deutungen in Bezug auf die Auswahl der Portraits vorzunehmen, wird dadurch provoziert, dass es sich bei den aus ursprünglich insgesamt 270 Portraits aus Enzyklopädien und Lexika nur zwischen 1824 und 1904 geborene, mitteleuropäische oder amerikanischer weiße, männliche Persönlichkeiten handelt. Dabei fällt auf, dass bei dieser Auswahl berühmter Persönlichkeiten weder Frauen, Politiker oder Künstler vertreten sind. Deshalb stellt man sich automatisch die Frage, wer definiert Zeitgeschichte.

Es gibt auch eine „Replik“ des österreichischen Malers Gottfried Helnwein auf diese Richter-Arbeit, nachdem u.a. Alice Schwarzer kritisiert hatte, dass Richter keine Frauen gezeigt hatte.Diese 48 Frauenportraits aus dem Jahr 1991, 1994 von Peter und Irene Ludwig erworben, gehören heute auch dem Museum Ludwig, sind aber irgendwie im Depot verschwunden.

Die „Replik“ des österreichischen Malers Gottfried Helnwein, 48 Frauenportraits aus dem Jahr 1991, 1994 von Peter und Irene Ludwig erworben, befinden sich nicht im Museum Ludwig in Köln, sondern zählen zum Sammlungsbestand des Ludwig Forum in Aachen. Die Fotoserie zu dieser Arbeit befindet sich in Sankt Petersburg.

Es gehört zu den Besonderheiten des deutschen Kulturlebens, dass der Deutsche Pavillon auf der Biennale von Venedig und damit auch die Auswahl/Ernennung des jeweiligen deutschen Kurators in die Kompetenz des Auswärtigen Amts gehört.

Wie wird man eigentlich Kurator des Deutschen Pavillons?

Wie muss man sich das vorstellen? Gibt es da Auswahlkommission, Bewerbung, Vorgespräche? Und: Wer entscheidet das eigentlich?

Das Außenministerium beruft den Kurator des Deutschen Pavillons auf Empfehlung einer Expert*innenrunde. Eine Bewerbung ist nicht möglich.

Wie frei sind Sie als Kurator? Mischt das Auswärtige Amt da mit, hat zumindest ein Veto-Recht o.ä. ?

Grundsätzlich hat der Kurator oder die Kuratorin freie Hand in der Auswahl des Projekts und muss allerdings hierfür auch externe Gelder akquirieren. Nach meinem Wissen wurden für die letzten beiden Projekte jeweils ca. zwei Millionen € benötigt. Der Beitrag des Auswärtigen Amtes beträgt 750.000 €. Der Rest muss die Kuratorin oder der Kurator akquirieren.

Einmal ganz konkret: Wie geht man eine solche Aufgabe als Kurator an?

Im Zuge meiner Auswahl der künstlerischen Position, habe ich in verschiedene Richtungen recherchiert. Ich habe mich mit den thematischen Konzepten, die ich in diesem Zusammenhang relevant finde, auseinandergesetzt und auch über verschieden Gruppenkonstellationen nachgedacht. Außerdem habe ich mich intensiver mit einzelnen künstlerischen Positionen beschäftigt und mich letztendlich für Maria Eichhorn entschieden.

Einmal abgesehen von der konkreten Aufgabe: Ist eine solche Ernennung zum Kurator des Deutschen Pavillons auf der Biennale von Venedig so etwas wie ein Ritterschlag in der Kunstszene? Spielen Sie jetzt in einer anderen Liga?

Sicherlich ist die Ernennung zum Kurator des Deutsch Pavillons eine besondere Auszeichnung. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt aber auch, dass sie mit einer großen Verantwortung verbunden ist.

Die Biennale vergibt auch den Goldenen Löwen für die beste Ausstellung. Einige Ihrer Vorgänger als Kuratoren, etwa Susanne Gaensheimer (mit Christoph Schlingensief, 2011) oder Susanne Pfeffer (mit Anne Imhof, 2013) sind so ausgezeichnet worden. Das kann Sie nicht kalt lassen, weil Sie natürlich auch daran gemessen werden werden.

In der Kunst macht Wettbewerb wenig Sinn. Ich freue mich, dass der Deutsche Pavillon so oft den Goldenen Löwen erhalten hat. Allerdings  ist er für unsere Arbeit am Deutschen Pavillon vollkommen irrelevant.

Sie bespielen den Deutschen Pavillon auf der Biennale 2022 mit der Konzeptkünstlerin Maria Eichhorn. Wer ist das?

Maria Eichhorn ist eine Konzeptkünstlerin, 1962 in Bamberg geboren, die seit ihrem Studium in Berlin lebt.

Die künstlerischen Projekte von Maria Eichhorn sind meist prozessual angelegt und zielen auf die Durchleuchtung und Transformation bestehender gesellschaftlicher Ordnungen.

Immer wieder interessieren sie besonders soziale und ökonomische Systeme. So hat sie beispielsweise eine Aktiengesellschaft gegründet, deren Kapital sich nicht vermehren darf oder ein Haus in Athen in einen Status überführt, bei dem es keinen Besitzer*in gibt. Dabei schätze ich besonders, dass Maria Eichhorn bei aller konzeptuellen Strenge immer wieder humorvolle Aspekte in ihrem Werk vereint.

Nicht zuletzt hat sie sich häufig mit der deutschen Geschichte auseinandergesetzt, wie bei ihrer Arbeit für das Haus der Kulturen der Welt in Berlin oder ihres anlässlich der letzten documenta gegründeten Rose Valland Instituts.

Wie muss man sich die Zusammenarbeit zwischen Kurator und Künstlerin vorstellen? Darf die Künstlerin alles machen, was sie will ?

Als Kurator ist es meine Aufgabe, Dinge zu ermöglichen, die Künstlerin zu unterstützen und ihr als Gesprächspartner für ihre inhaltlichen Überlegungen zur Seite zu stehen. Grundsätzlich hat die Künstlerin freie Hand.

Werden Sie Maria Eichhorn auch im Museum Ludwig zeigen?

Jetzt arbeiten wir erst einmal am Deutschen Pavillon. Im Museum Ludwig hat Maria Eichhorn bereits 2016 an der Gruppenausstellung „Wir nennen es Ludwig“ teilgenommen. Da ich ein großer Fan ihrer Arbeit bin, könnte ich mir durchaus vorstellen, mit ihr noch ein weiteres Mal im Museum Ludwig zu arbeiten. Aber eins nach dem anderen, jetzt erst einmal der Deutsche Pavillon.

Die Biennale von Venedig ist auch einer dieser Mega-Events des internationalen Kunstbetriebs, beliebt bei Kuratoren, Sammlern etc. aus aller Welt. Manche nennen dies auch Kunst-Zirkus. Nun sollen wir ja aus Klimaschutzgründen alle weniger reisen, weniger das Flugzeug nehmen. Was bedeutet das in Zukunft für die Kunstwelt und solche Events wie die Biennale?

Ökologische Fragestellungen spielen schon seit längerem eine große Rolle im Kunstbetrieb. Diese werden auch unser Verhalten zur Biennale Venedig und anderen Großveranstaltungen ändern. Sicherlich werden mehr Menschen mit dem Zug reisen und es sich zweimal überlegen, ob sie wirklich zu bestimmten Ausstellungen fahren werden.

Hat die Coronavirus-Pandemie Ihren Blick auf die Kunstwelt, bzw. Ihr Selbstverständnis als Akteur dieser Kunstwelt verändert?

Die Pandemie hat Einfluss in alle Lebensbereiche. Sie hat mich, wie auch viele andere, auch noch einmal stärker für bestimmte gesellschaftliche, ökologische und politische Verhältnisse sensibilisiert.

Ein Wort zum Abschluss. Wie blicken Sie auf das Biennale-Jahr 2022?

Mit Zuversicht!

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