Die zehn Glasskulpturen "Untitled" und die Fotoserie "Portrait of an Image" gehören zu den Highlights der Ausstellung. Foto: Eppinger

Köln Die 1955 in New York geborene US-Künstlerin Roni Horn gehört zu den Pionierinnen der queeren Kunst und hat ihre Wurzeln in der amerikanischen Minimal Art und Konzeptkunst. Sie zählt seit Jahrzehnten in der zeitgenössischen Kunst der USA zu den zentralen Figuren. Grund genug für das Kölner Museum Ludwig, das unter anderem über die größte Pop-Art-Sammlung außerhalb der Staaten verfügt, Roni Horn eine große Einzelausstellung zu widmen, die sich über die gesamte mögliche Fläche für Sonderschauen im Haus erstreckt.

Diese Ausdehnung ihres Werks von den künstlerischen Anfängen nach ihrem Studienabschluss in den späten 70er Jahren bis heute wird auch den verschiedenen Medien gerecht, denen sich die Künstlerin bedient. Diese reichen von der Zeichnung über die Fotografie und das Künstlerbuch hin bis zur Skulptur und Installation.

Der Titel der Schau “Give Me Paradox or Give Me Death” geht auf ein Zitat des amerikanischen Unabhängigkeitskämpfers Patrick Henry zurück, der eine Rede mit den Worten “Gebt mir Freiheit oder den Tod!” beendet hatte. Horn faszinierte die bildhafte Kraft des Zitats, wobei sie die “Freiheit” aber durch das “Paradox” ersetzt und so beide Begriffe und ihre Bedeutung gleichsetzt. Für sie ist das Paradox der Zugang zur Mehrdeutigkeit, ein Zustand, in dem die Dinge ihre Gegensätze enthalten können.

Roni Horn beschäftigte sich schon früh mit der fluiden Darstellung von Gender

Zu den zentralen Themen der Künstlerin zählt die Identität und das Verständnis Horns, das alles in der Welt wandelbar ist und sich keiner festen Zuschreibung zuordnen lässt. Das zeigt sich beispielsweise in der Serie “a.k.a.” (”also know as”, zu Deutsch “auch bekannt als”), die 30 Porträts von ihr aus verschiedenen Lebensphasen zeigt, die zu 15 Paaren zusammengestellt worden sind. Diese wirken, als ob die Serie ganz verschiedene Menschen in verschiedenen Lebensumständen zeigt.

Darin ist aber immer nur eine Person zu sehen, die sich nicht auf ihr Geschlecht festlegen lässt. So zeigt Horn Menschen als Organismen, die sich fortwährend im Zustand der Verwandlung befinden. Heute werden dafür Begriff wie “genderqueer” oder “nonbinär” benutzt. Horn hat die fluide Darstellung von Gender aber schon lange vor dieser öffentlichen Debatte in ihrem Werk intensiv reflektiert.

Die Wandelbarkeit von nur einer Person wird auch direkt am Eingang zur Sonderausstellung deutlich. Dort sind an zwei Wänden jeweils 48 Porträtfotografien von Horns heranwachsender Nichte Georgia Loy zu sehen, die binnen von drei Jahren entstanden sind. Dabei blickt diese mal fragend oder nachdenklich, um nur ein Bild weiter Grimassen oder Schnuten zu ziehen. Im ersten Moment könnte der Betrachter denken, dass beide Seiten der Galerie identisch sind. Doch zwischen den zueinander passenden Aufnahmen liegen jeweils immer einige Sekunden. So entsteht ein außergewöhnliches Memory-Spiel, das zeigt, wie ein und dasselbe Individuum verschiedene Gemütszustände und Charaktere in sich vereint.

Ein Ort im stetigen Wandel: „Still Water“ blickt auf die Themse in London

Wie sich ein und derselbe Ort in der Natur stetig wandeln kann, wird bei der 15-teiligen fotografischen Arbeit “Still Water” deutlich. Die Aufnahmen zeigen die dunkle Wasseroberfläche der Londoner Themse in verschiedenen Situationen. Kombiniert werden diese mit Fußnoten, die absurde und teils düstere Geschichten erzählen. Dazu zählt auch die Anziehungskraft des Flusses für Selbstmörder.

Das Spiel mit dem Wasser setzt sich im großen Saal mit den zehn runden, halbtransparenten Glasskulpturen fort, die spielerisch auf dem Boden angeordnet sind. Die Skulpturen aus Gussglas vermitteln dem Betrachter einen hybriden Zustand von Objekten, die zugleich fest und flüssig sind. So mutet die Oberfläche im ersten Moment wie Wasser in einem Bassin an, das jeden Moment überlaufen kann. Dabei verändern sich die Objekte stetig, wenn der Betrachter sich im Raum bewegt. Wie ein umlaufender Fries sind im selben Raum 100 Porträtaufnahmen der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert angeordnet, auf denen diese mittels ihrer Mimik in einige ihrer früheren Rollen schlüpft.

Zu den wichtigen Themen Roni Horns zählt auch die Sprache, mit der sich die Künstlerin in ihren Arbeiten intensiv auseinandersetzt. So hat Horn Gedichte der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson aufgegriffen und ins Dreidimensionale überführt. Jede Zeile eines Gedichts ist in schwarzem Kunststoff gegossen und dann in einen Vierkantstab aus Aluminium eingelassen worden. Teils ist der Text lesbar, teils verschwindet er und verwandelt sich in abstrakte Linien.

Die Skulptur „Gold Field“ wirkt wie zufällig im Raum platziert. Foto: Eppinger

Bei der Serie “Hack Wit” kombiniert Horn jeweils zwei Klischees oder Sprichwörter miteinander, um daraus einen dritten, neuen Ausdruck zu schaffen. So entstehen humorvolle und bizarre Wortneuschöpfungen, die wellenförmig angeordnet werden.

Das Mittel des Zerschneidens und in einer Collage Neuanordnens findet sich auch bei Horns Zeichnungen. Hierzu wurden zunächst mehrere ähnliche Zeichnungen angefertigt, die Horn später in mehrere Teile zerlegte, um sie dann wieder komplett neu zusammenzusetzen. Durch die Nahtstellen werden zusätzliche strukturelle Elemente in Form von senkrechten oder diagonalen Linien erzeugt. Format und Ausmaß entwickeln sich so erst in der Herstellung. Für die gezeigten großformatigen Werke investierte Horn oft mehrere Monate oder sogar ein ganzes Jahr.

Zu sehen sind in der Schau auch Zeichnungen, die Ende der 70er Jahre entstanden sind und die in Köln erstmals öffentlich gezeigt werden. Entdeckt wurden diese vom Museumsdirektor Yilmaz Dziewior, der die Ausstellung kuratiert hat, und der dafür auch im Atelier der Künstlerin in New York war. Dazu kommt eine Auswahl von Pigmentzeichnungen aus der Zeit zwischen 1983 und 2018.

Zu den skulpturalen Werken zählt “Soft Rubber Wedge” – eine sich verjüngende dünne Gummimatte auf dem Boden aus dem Jahr 1977, die sich der Minimal Art zuordnen lässt. “Gold Field” ist eine scheinbar beiläufig in einem Ausstellungsraum platzierte hauchdünne Matte aus purem Gold. Einen besonderen Abschluss des Rundgangs bildet die Reihe “Bird” – 20 Fotografien zeigen hier zu zehn Paaren angeordnete Hinterköpfe von ausgestopften isländischen Wildvögeln vor weißem Grund.

Service: Roni Horn “Give Me Paradox or Give Me Death” bis zum 11. August im Museum-Ludwig, Heinrich-Böll-Platz, Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Eintritt: 12 (ermäßigt 8) Euro. Katalog: 38 Euro.

www.museum-ludwig.de