Kultur Bühne

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Im Schlussbild sitzen Ismet Büyük, Ayfer Sentürk Demir und Kutlu Yurtseven (hinten v.l.) auf einer harten Bank. Ines Maria Westernströer, Sean McDonagh und Dogan Akhanli dürfen es sich etwas bequemer machen.

Nach „Die Lücke“ und „Glaubenskämpfer“ jetzt „Istanbul“ im Schauspiel

Köln | So hatte es Theaterregisseur und Autor Nuran David Calis geplant: Nach „Die Lücke“ und „Glaubenskämpfer“ sollte „Istanbul“ den Schlusspunkt setzen: ein hoffnungsvoller Blick auf die Stadt am Bosporus als Symbol für Heimat und kosmopolitisches Zusammenleben. Doch der Putsch türkischer Militärs im Vorjahr und seine Folgen änderten alles. Der hoffnungsvolle Dialog zwischen deutschen und türkischen Kölnern fand ein jähes Ende. Der Premierenbeifall im Schauspiel war kräftig, aber kurz.

Die Opfer des Nagelanschlags in der Keupstraße, die zu Tätern gemacht wurden: „Die Lücke“ griff dieses Trauma der türkischen Mitbürger auf, leitete einen respektvollen Dialog zwischen ihnen und der deutschen Seite ein. „Glaubenskämpfer“ folgte, auch hier wieder authentische Zeugnisse, diesmal über die Religion – egal, ob es der Glaube an Gott, Allah oder Jahwe ist. Nun also „Istanbul“ – beherrschendes Thema: Die aktuelle Lage in der Türkei.

Die anklagende Deutsche – nur ein Klischee?

Auf der einen Seite Ines Marie Westernströer, die ihre Rolle selber als Klischee bezeichnet: die Deutsche, die Erdogans Politik anklagt, die Verfolgung Andersdenkender, Folter in den Gefängnissen, Staatsterrorismus. Und die zu Beginn einen Brief Asli Erdogans verliest, der türkischen Journalistin, die wegen angeblicher Gründung einer Terrororganisation sechs Monate im Gefängnis saß.

Gleiches berichtete auf der Bühne der Schriftsteller Dogan Akhanli. Er soll in den 1980er Jahren einen politisch motivierten Raub begangen haben, saß zwei Jahre im Gefängnis, wurde gefoltert. Er konnte nach Köln fliehen, wo er seitdem lebt. 2011 wollte er seinen sterbenden Vater in der Türkei besuchen – und wurde auf dem Istanbuler Flughafen verhaftet. Nach internationalem Druck wurde er freigelassen, später auch von einem Gericht mangels Beweisen freigesprochen. Nach zwei Stunden erhält Akhanli den meisten Beifall.

Deutsche und Türken als Kontrahenten am Stammtisch vereint

Auf der anderen zwei Anwohner der Keupstraße, die schon in beiden vorangegangenen Produktionen mitgewirkt haben. Ismet Büyk macht deutlich, wie nah sich deutsche und türkische Stammtische in Sachen Nationalismus sein können Und Folter? Alles Einzelfälle, verübt von Menschen, keineswegs durch den „Staat“ veranlasst.

Ayfer Sentürk Demir glaubt sowieso nicht daran. Und auch mit ihrem Bekenntnis, beim Referendum für eine neue Verfassung mit Ja gestimmt zu haben, verstört sie das Publikum – ein Raunen und Getuschel geht durchs Depot 2. Erdogan sei kein Diktator, sondern ein schlagfertiger und starker Mensch, sagt sie. Seine Politik habe es ihr wieder ermöglicht, selbstbewusst ein Kopftuch zu tragen.

Staatspräsident Erdogan in der Nachfolge osmanischer Herrscher

Auch Kutlu Yurtseven ist von Anfang an dabei. Er streitet sich mit Akhanli über Geschichts-Details. „Karneval“ dokumentiert der Schriftsteller ein Foto, das Erdogan zwischen historisch kostümierten Soldaten zeigt. „Sie symbolisieren die vergangenen Großreiche“, kontert der Mitbegründer der „Microphone Mafia“. Doch was bezweckt Erdogan mit dieser stolzen Selbstinszenierung? Offensichtlich hat er damit auch einen Nerv des deutschen Staatsbürgers Yurtseven getroffen. Denn auch er hat starke türkisch-nationale Gefühle. Spätestens seit seine – wie er – in Deutschland geborene, siebenjährige Tochter als Türkin eingeordnet wird, weil sie für einen Freund übersetzte.

Das Gefühl, als Ausländer nicht auffallen zu dürfen, kennt auch der Schauspieler und Deutsch-Ire Sean McDonagh – ein Gefühl, dass Deutsche nicht kennen (zumindest nicht in Deutschland). Irgenwie steht auch er dazwischen. So preist er in einer Rede die Toleranz gegenüber Christen und Juden von Mehmed II., der 1453 Byzanz eroberte. Über dessen „Knabenlese“ (der Raub von Knaben aus christlichen und jüdischen Familien, um sie zu islamisieren und in Staatsdienste zu stecken) landet er bei einer Rede Tayyip Erdogans, in der dieser 2010 in Köln seine Landsleute davor warnte, sich in ihren Gastländern zu assimilieren, dies sei ein „Verbrechen“.

„Ich verstehe euch nicht“ – klagt Westernschröer zu Beginn. Und Yurtseven versteht am Ende schließlich keinen mehr. Und so endet der Dialog, die Lücke ist breiter als zuvor. Ob man weiter miteinander redet, bleibt offen. Immerhin hat man reden lassen – schließlich ist im Theater alles möglich.

„Istanbul“ – die nächsten Vorstellungen: 16. und 30. Mai, 1., 5. und 13. Juni, jeweils 20 Uhr, Schauspiel Köln, Depot 2 im Carlswerk, Schanzenstr. 6-20, 51063 Köln-Mülheim, Karten: Tel. 0221 / 22 12 84 00, Fax 0221 / 22 12 82 49, E-Mail: tickets@buehnenkoeln.de, dazu alle Vorverkaufsstellen von KölnTicket. Kartenservice mit Vorverkauf und Abo-Büro in der Opernpassage zwischen Glockengasse und Breite Straße.

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