Kultur Film

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Der Historiker Johannes Heer war persönlich an zwei Skandalen beteiligt, die die deutsche Erinnerungskultur vorantrieben.

Vortragsreihe: Skandale, die ungeliebte Erinnerungen weckten

Köln | Skandale begleiten die Geschichte der Bundesrepublik. Oft genug stießen sie eine wichtige politische Diskussion an. Ohne Skandale wäre dieser Staat nicht zu einem „Musterbeispiel“ für Vergangenheitsbewältigung geworden. Wie das geschah, zeichnet der Historiker Johannes Heer in seiner 8-teiligen Vortragsreihe „Der Skandal als vorlauter Bote“ nach, die am kommenden Sonntag im Filmforum NRW (Museum Ludwig) beginnt.

Johannes Heer verbindet in seinen monatlichen Sonntags-Matinees seinen Vortrag mit Filmen. Es beginnt mit „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais über die deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager. Für den Historiker ist es „der Film, mit dem alles anfing“.

Bundesregierung verhinderte Film über KZs – Proteste verhallten

Die Bundesregierung verhinderte, dass er 1956 bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt wurde. Nach internationalen Protesten durfte er dann auf Anfrage in ausgewählten deutschen Bildungsinstitutionen gezeigt werden, die Vorführungen wurden vom Verfassungsschutz beobachtet. „Das jugendliche Publikum dieser von Geheimnis und Verbot umwitterten Vorführungen – sie wurden vom Verfassungsschutz beobachtet – wurde später zu einer der Keimzellen der 68er-Bewegung. Auch Gudrun Ensslin war darunter“, beschreibt Heer die Wirkung des Films. Damals hätten die deutschen Medien aber nicht über Zensur aufgeschrien, die Proteste der Schriftsteller Heinrich Böll und Paul Schallück verhallten.

Die weiteren Skandale, die die Deutschen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit und den begangenen Verbrechen konfrontierten waren 1961 der Eichmann-Prozess in Jerusalem und 1963 Rolf Hochhuths Theaterstück „Der Stellvertreter“, in dem der Dramatiker das Schweigen des Vatikans und Papst Pius XII. zum Völkermord anklagt.

Die „68er“ revoltierten gegen eine schweigende Elterngeneration

Die Weigerung der Elterngeneration, über ihre NS-Vergangenheit zu sprechen, führte dann zur Studentenbewegung, deren 50. Jahrestag aktuell Anlass zur Erinnerung ist. Heer, Mitbegründer des Bonner SDS, zeigt hier seinen Film „Mein 68. Ein verspäteter Brief an meinen Vater“, in dem er die eigene Familiengeschichte aufarbeitet. Adressat des Films ist sein Vater, der sich standhaft weigerte, über seine Vergangenheit zu sprechen.

Mit der 1979 in Deutschland ausgestrahlten US-Serie „Der Holocaust“ wurden die Nazi-Verbrechen dann erstmals zum „Familien-Thema“. „Der Holocaust war in den deutschen Wohnzimmern angekommen. Es begannen seine Erforschung und eine Kultur der Erinnerung, bilanziert Heer den Erfolg der TV-Geschichte und wünscht sich: „Man müsste die Serie jedes Jahr zeigen.“.

Bundespräsident von Weizsäckers Rede löste den Historikerstreit aus

Mit der Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 – 40 Jahre nach Kriegsende – wurde dieses Datum erstmals als in einem bedeutenden politischen Zusammenhang als „Tag der Befreiung“ und der Holocaust als „beispiellos in der Geschichte“ bezeichnet. Es folgte ein Historikerstreit über diese Einordnung. Ein spätes Opfer dieser Auseinandersetzung wurde Bundestagspräsident Philipp Jenninger, der nach seiner Rede am 10. November 1988 zurücktreten musste: Er hatte – noch radikaler als Weizsäcker – das Eingeständnis der Mitverantwortung aller Deutschen an den NS-Verbrechen eingefordert.

Ein lange gehegtes Tabu riss dann in den späten 1990er Jahren die „Wehrmachts-Ausstellung“ ein: Sie zeigte, dass die „saubere“ deutsche Wehrmacht eine „lang gepflegte Gründungslegende der Bundesrepublik“ war, dass sie an zahlreichen Kriegsverbrechen direkt beteiligt war. Heer war Leiter dieser heftig diskutierten Wanderausstellung. Wegen angeblich „gefälschter“ Fotos wurde sie schließlich zurückgezogen. „Ein Fehler“, sagt Heer heute, „so konnte die Verantwortung für die Wehrmachtsverbrechen wieder allein auf die Führung geschoben werden.“

Johannes Heer: Martin Walser bereitete der AfD den Weg

Mit einer Rede endet die Reihe der Skandale – vorläufig. Der Schriftsteller Martin Walser hielt sie 1998 in der Frankfurter Paulskirche. Es hatte das öffentliche Gedenken an den Holocaust als „Dauerpräsentation unserer Schande“ angegriffen. Ignaz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, empfand das als „Lob des Wegsehens und Verdrängens“. Walser war für ihn der „Sprecher einer schweigenden Mehrheit“ und „Vertreter eines neuen Antisemitismus“. Bei der Vorstellung seiner Kölner Veranstaltungsreihe nannte Heer neben Walser auch Thilo Sarrazin, Verfasser des Pamphlets „Deutschland schafft sich ab“ („und immer noch SPD-Mitglied“, moniert Heer) einen Wegbereiter der AfD.

Das Aufkommen der AfD war aktueller Anlass für den Kölner „Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust“, die Reihe „Der Skandal als vorlauter Bote“ von Hamburg, wo sie schon großen Zuspruch erhalten hatte, an den Rhein zu holen und das NS-Dokumentationszentrum als Veranstalter zu gewinnen. Grundsätzlich geht es dem Arbeitskreis darum, Erinnerung an dunkle Kapitel der Geschichte wachzuhalten. „Verschweigen aus uneingestandener Schuld und Scham belasten die nächsten Generationen und können sie in schwere innere Konflikte stürzen,“ heißt es dazu.

„Der Skandal als vorlauter Bote“: 18. März: „Nacht und Nebel“; 22. April: „Die Endlösung der Judenfrage: Der Eichmann-Prozess in Jerusalem“; 13. Mai: „Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“; 10. Juni: „Die Studentenbewegung 1965-1968“. Jeweils Sonntag, 11 Uhr, Filmforum NRW im Museum Ludwig.

9. September: Die TV-Serie „Der Holocaust“; 14. Oktober: Der Historiker-Streit, die Weizsäcker-Rede 1985 und der Jenninger-Sturz 1988; 11. November: Die Wehrmachtsausstellung“; 9. Dezember: Martin Walsers Rede in der Frankfurter Paulskirche 1998. Jeweils Sonntag, 11 Uhr, Forum der Volkshochschule am Neumarkt.

Eintritt: 10/6 Euro. Sammelkarte für alle 8 Veranstaltungen: 58/38 Euro

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