Lübtheen | Es herrscht eine beschauliche Atmosphäre in der Kleinstadt Lübtheen im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Rote Backsteinhäuser mit bunten Fensterläden reihen sich aneinander. Unter den rund 4.700 Einwohnern kennen sich die meisten, man grüßt sich mit einem Kopfnicken, mit einem „Guten Morgen“. Doch es gibt auch die andere Seite von Lübtheen, der der Ort seinen Ruf als „Nazi-Hochburg“ verdankt. Seit 2002 sind führende Köpfe der rechtsextremen NPD nach und nach in das kleine Städtchen gezogen. Die Bürgerinitiative „Wir für Lübtheen“ wird am Mittwoch in Düsseldorf vom Zentralrat der Juden mit dem Paul-Spiegel-Preis für Toleranz ausgezeichnet.

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So hat sich etwa der stellvertretende Bundesvorsitzende, Udo Pastörs sowie Stefan Köster, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der NPD in Lübtheen niedergelassen. Auch Andreas Theißen, der Kreisvorsitzende der NPD Westmecklenburg, gehört zu den Einwohnern der Kleinstadt. Mitgebracht haben sie ihre Familien und Sympathisanten. Doch mit der Zahl der zugezogenen NPD-Mitglieder und Anhänger ist auch die Gruppe derer gewachsen, die sich gegen die rechtsextreme Nachbarschaft zur Wehr setzt. Rund 50 Einwohner gehören inzwischen zur Bürgerinitiative „Wir für Lübtheen“, die am Mittwoch in Düsseldorf vom Zentralrat der Juden mit dem Paul-Spiegel-Preis für Toleranz ausgezeichnet wird.

Bereits 2010 ging der Paul-Spiegel-Preis nach Mecklenburg-Vorpommern, an das Ehepaar Lohmeyer im rund 50 Kilometer von Lübtheen entfernten Jamel. Auch hier ist die rechte Szene stark vertreten, wogegen sich das Paar mit seinem jährlich organisierten Rockfestival „Jamel rockt den Förster“ stark macht.

Vereine, Kirche und Schulen in Initiative vertreten

„Angefangen haben wir mit der Initiative 2006, damals noch mit knapp zehn Mitgliedern“, erinnert sich Lübtheens Bürgermeisterin Ute Lindenau. Die Gruppe versuche, die Leute wachzurütteln und aufzuklären – mit Informationsveranstaltungen, mit Flyeraktionen und dem „Lindenfest“. Inzwischen seien alle Vereine des Ortes in der Initiative vertreten, ebenso wie Schulen, die Kirche und Feuerwehren. „Wir wollen den Leuten zeigen, dass man für Demokratie auch arbeiten muss. Dieses Verständnis ist bei vielen noch immer nicht angekommen“, sagt Lindenau.

Seit 2002 sei langsam klar geworden, dass führende Köpfe der NPD sich nach und nach in Lübtheen niederlassen, berichtet Lindenau. Richtig in Erscheinung getreten sei die rechtsextreme Partei hier aber erst nach der Landtagswahl 2006. Damals hatten in Lübtheen 16 Prozent der Wähler ihre Stimme für die NPD abgegeben. „Dieses Ergebnis hat mich zutiefst erschreckt und ratlos gemacht“, erzählt Dieter Karczewski. Der 60-Jährige ist von Anfang an in der Initiative dabei.

Und die NPD versuchte ihren Einfluss weiter auszubauen. Durch die Gründung eigener Sportvereine oder dem Verteilen von CD’s an Schulen. Heute lädt der „Kulturraum Lübtheen“, hinter dem sich nichts anderes als die NPD verbirgt, zweimal pro Woche im Hotel Stadt Hamburg, nur zwei Häuser neben dem Parteibüro, zu Veranstaltungsabenden. Gemeinsames Singen von Volks-, Jagd- und Wanderliedern steht dabei auf dem Programm oder Dartspiel und Handarbeit für die Frauen.

NPD arbeitet strategisch

„Die NPD arbeitet strategisch und klug“, sagt Karczewski. Die Mitglieder benähmen sich stets wie „die netten Nachbarn von nebenan“. Höflich und zurückhaltend. Angst vor Gewalt müsse man in Lübtheen nicht haben. „Die wollen ja schließlich gewählt werden“, betont der 60-Jährige. Was der Partei aber vor allem zugutekommt, ist die Zeit. Die Menschen gewöhnten sich daran, dass es die NPD in Lübtheen gibt, sagt Ute Lindenau. Und diese Gewohnheit sei gefährlich.

„Man bemerkt bei vielen Einwohnern eine Vogel-Strauß-Mentalität“, fügt Dieter Karczewski hinzu. Einfach den Kopf in den Sand stecken. „Man kann aber keine Probleme totschweigen, sie holen einen immer irgendwie ein“, meint der 60-Jährige.

Darum soll ein Teil der 5.000 Euro, mit denen der Paul-Spiegel-Preis dotiert ist, in die Jugendarbeit fließen, kündigt Ute Lindenau an. Um der jungen Generation zu verdeutlichen, dass Demokratie auch eigenes Engagement benötigt. „Ich persönlich brauche diesen Preis eigentlich nicht, so was ist mir nicht so wichtig“, sagt Dieter Karczewski. Aber vielleicht könne die Auszeichnung helfen, anderen zu zeigen, dass in Lübtheen etwas gegen den Rechtsextremismus passiert. Etwas das richtig und wichtig ist.

Autor: Susann Burwitz, dapd | Foto: Frank Hormann/dapd
Foto: Thomas Pietz (v.l.), Ute Lindenau, Bürgermeisterin von Lübtheen (SPD), und Dieter Karczewski, Demokratie-Initiative „Wir für Lübtheen“, vor dem Fusballtor vom Vereins-Sportplatz der Stadt Lübtheen.

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